Manifesta 16 Ruhr

Der heilige Pott

Die Biennale Manifesta findet diesen Sommer im Ruhrgebiet statt. Ausgestellt wird in verlassenen Kirchen, die das einstige Industrierevier reichlich hat. Wir waren im Vorfeld dort und sahen hohe Baukunst und bröckelnden Putz, sprachen mit Künstlerinnen und Priestern und erlebten eine Region, die Hoffnung schöpft

Von Simone Sondermann
17.06.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 256

Flöz Dickebank liegt friedlich im Frühlingslicht. Die Sonne glitzert durch das frische Grün der Bäume, und zwischen den sauber verputzten zweigeschossigen Häusern fällt der Blick in liebevoll angelegte Gärten. Außer leisem Vogelgezwitscher ist nicht viel zu hören. Ein Idyll mitten im Ruhrgebiet.

Das hübsche Viertel in Gelsenkirchen-Ückendorf ist eine der ältesten Zechensiedlungen an Rhein und Ruhr, erbaut Mitte des 19. Jahrhunderts für die vielen Arbeitskräfte, die, als der Bergbau sie rief, von weither in die Gegend strömten und blieben. In Erinnerung daran sind die Straßen hier nach Gesteinsschichten, nach Kohlelagern benannt: Flöz Sonnenschein, Flöz Dickebank. In den 1970er-Jahren sollte die Siedlung abgerissen werden und Plattenbauten weichen, doch die Bewohnerinnen und Bewohner wehrten sich und siegten.

Gleich nebenan auf der Bochumer Straße mit ihren schönen Gründerzeithäusern ist Abriss hingegen mitunter das letzte Mittel. Die Straße war lange verschrien wegen ihrer sogenannten Schrottimmobilien, die die kriminellen Besitzer verrotten lassen und zugleich überteuert an Arbeitsmigranten vermieten. Die Stadt kämpft erfolgreich dagegen an, und die Bochumer Straße ist aufgeblüht, Cafés, Restaurants, ein Buchladen, Galerien und Stadtteiltreffs haben sich angesiedelt. Und wo gar nichts mehr zu retten ist, kommt die Abrissbirne. Realität im Ruhrgebiet.

Gelsenkirchens Bochumer Straße wandelt sich vom Problemkiez in ein lebendiges Ausgehviertel.
Mit der Manifesta rückt auch Gelsenkirchens Bochumer Straße in den Fokus, die sich gerade vom Problemkiez in ein lebendiges Ausgehviertel wandelt. © Max Slobodda

Ein paar Ecken weiter spielen Kinder auf einem Kirchhof Basketball. Es ist die Ballerz-Gruppe, ein soziales Projekt aus dem Stadtteil, das sich auch an die richtet, denen das Geld für einen Sportverein fehlt. Dass sie hier sein können, verdanken sie der Manifesta. Die nomadische Kunstbiennale, die alle zwei Jahre an einen anderen Ort in Europa wandert, findet diesen Sommer im Ruhrgebiet statt. Im einstigen Pfarrhaus von St. Josef hat sie ihr Hauptquartier bezogen, in der dazugehörigen neugotischen Kirche finden schon seit Monaten Veranstaltungen statt, die auf das internationale Kunst-Großereignis hinführen. Und weil die Manifesta den Anspruch hat, nicht nur künstlerische, sondern auch soziale Veränderungen anzustoßen und mit lokalen Initiativen zu kooperieren, konnten die Ballerz-Kinder den Winter über sogar in den heiligen Hallen der Josefkirche Körbe werfen. Gottesdienstbesuchern kamen sie dabei nicht in die Quere, denn die St.-Josef-Kirche, vor hundert Jahren noch die größte Pfarrgemeinde Deutschlands, steht seit drei Jahren leer.

Die Ballerz-Kinder trainieren vor der Josefkirche aus Backstein in der Gelsenkirchen-Ückendorf, hier hat die Manifest Quartier bezogen
Die Ballerz-Kinder trainieren vor der Josefkirche in der Gelsenkirchen-Ückendorf, im Pfarrhaus nebenan hat die Manifesta ihr Hauptquartier bezogen. © Max Slobodda

Kirchen als zentrales Thema der Manifesta 

Verlassene Kirchen sind heutzutage ein weit verbreitetes Phänomen in Mitteleuropa, aber im Ballungsraum Ruhrgebiet ist dieses Problem besonders drängend. Deshalb hat Hedwig Fijen, Gründungsdirektorin und seit 30 Jahren an der Spitze der Manifesta, entschieden, dies zum Thema der 16. Ausgabe der Biennale zu machen. Zentrale Ausstellungorte sind zwölf Kirchen in Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg. Mit Ausnahme von St. Josef in Gelsenkirchen-Ückendorf sind sie alle erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, vor allem in den 1960er-Jahren, als das Ruhrgebiet seine vorerst letzte große Blüte erlebte: Die Wirtschaft, besonders die Montanindustrie, boomte in den Wirtschaftswunderjahren, die Bevölkerung wuchs, und damit stieg der Bedarf nach neuen und modernen Kirchenbauten. Auf den Trümmern der Weltkriegszerstörungen entstanden so Architekturen mit großem Formenreichtum, geistig eng verbunden mit den zeitgenössischen Kunsttendenzen der Abstraktion und des formalen Neuanfangs. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat gerade in einer neuen Studie mehr als 1300 Nachkriegskirchen allein im nördlichen Nordrhein-Westfalen erfasst, wozu auch Teile des Ruhrgebiets gehören. Sie soll die Grundlage dafür schaffen, einige von ihnen unter Denkmalschutz zu stellen.

Die Markuskirche in Essen, ein Spielort der Manifesta, davor blühen Maiglöckchen
Die Markuskirche in Essen-Frohnhausen, hier stellen unter anderem Sara Bichão und Lilli Lake aus. © Max Slobodda

Von Gelsenkirchen-Ückendorf in den Westen der Nachbarstadt Essen braucht man mit dem Auto eine halbe Stunde (außerhalb der Rushhour, versteht sich), mit der Bahn leider doppelt so lange. In einer kleinen Seitenstraße im Stadtteil Frohnhausen liegt das evangelische Gemeindezentrum St. Markus. Hier stellt Frau Badoreck, eine freundliche ältere Dame mit Brille und grauen Löckchen, gerade die Tassen für den Seniorentreff am Mittwoch auf einen Servierwagen. Nebenan in der Kirche öffnet uns die Künstlerin Sara Bichão den Hintereingang zur Sakristei. Hier arbeitet sie seit einigen Wochen an ihrer Installation für die Manifesta. Der kleine Raum, den ihr die Gemeinde überlassen hat, ist fünf mal fünf Meter groß und gibt ihrer Skulptur, die von der Decke hängt, die Maße vor, sie reicht von Wand zu Wand. Die 39-jährige Portugiesin arbeitet fast immer mit Material, das sie vorfindet, so auch hier. Sie darf fast alles aus den hinteren Räumen der Kirche benutzen: alte Notenständer, Fähnchen im kirchentypischen Lila, schillernde Stoffe aus dem Kindergottesdienst, getrockneten Blumenschmuck. Die tragende Säule ihrer Installation ist ein großes ausgedientes Holzkreuz, bei dem sie die Querstrebe entfernt hat. Gerade beschäftigt sie sich damit, wie ihre Arbeit später im großen Kirchensaal aufgehängt werden kann, sie soll schweben, wie ein Luftschiff oder ein sehr seltsamer Engel. Ihr Titel lautet: „She has been here before, but when or how I cannot tell“.

In absehbarer Zeit wird die Markuskirche aufgegeben, aber während Sara Bichão hier arbeitet, finden noch einmal monatlich Gottesdienste statt. Im kleinen Büro neben ihrem Werkraum steht das E-Bike des Pfarrers, die Hostien lagern in einer Tupperdose. Bichão ist es wichtig, respektvoll mit dem sakralen Raum umzugehen. Sie ist katholisch aufgewachsen, kennt die Rituale der Kirche – übertriebene Ehrfurcht hat sie nicht. Sie hofft, dass sich durch die Kunst etwas von der Spiritualität des Raumes erhalten kann. Ganz ohne kulturelle Missverständnisse geht das Ganze dennoch nicht vonstatten. Als sie einmal versehentlich auf Altartücher zurückgriff, die noch für den Gottesdienst vorgesehen sind, gab es Ärger mit der Küsterin, erzählt sie.

Manifesta-Teilnehmerin Sara Bichão im Eingangsbereich von der Kirche St. Markus
Manifesta-Teilnehmerin Sara Bichão im Eingangsbereich von St. Markus. © Max Slobodda

Die Markuskirche, errichtet 1961 bis 1963, ist ein zauberhafter Bau. Der große Hauptraum hat ein Zeltdach, das außen mit Kupfer verkleidet ist, innen besteht es aus einer raffinierten Holzkonstruktion. Darin knackt und knarzt es zuweilen, was eine ihrer Künstlerkolleginnen, Lilli Lake, die hier ebenfalls ausstellen wird, zu einer Klanginstallation inspiriert hat. Die großen dreieckigen Bleiglasfenster des Baus entwarf 1962 die Künstlerin Ursula Graeff-Hirsch, und in die Wand des Eingangsraums hinter dem Hauptportal sind deren bunte Glasbausteine eingelassen, die eine geradezu magische Lichtstimmung in Regenbogenfarben erzeugen, von den Architekten einst konzipiert als erste Vorahnung des himmlischen Paradieses.

Zurück im Seniorencafé nebenan erzählt Frau Badoreck, dass die Gemeinde im vergangenen Jahr schon eine weitere Kirche aufgeben musste, die Apostelkirche. Ob sie traurig sei, dass sie die schöne Markuskirche bald auch verlören. Sie lacht freundlich, der Unterhalt sei teuer, die Gemeinde hoffe, dass jemand sie kaufen würde, damit das Ensemble mit der Kindertagesstätte und dem angeschlossenen Seniorenheim so erhalten bleibe. Die Kirche ist ja groß, sagt sie: „Da kann man einen Tanzsaal draus machen!“

Ein Wandgemälde auf der Bochumer Straße in Gelsenkirchen zeige alte Industriegebäude
Erinnerungen ans Industrierevier: Wandgemälde von 2008 auf der Bochumer Straße in Gelsenkirchen. © Max Slobodda

Geblieben ist der Gemeinde in Essen-Frohnhausen die „Notkirche“, hier können sie ihre Gottesdienste abhalten. Sie wurde 1949 nach Plänen des Architekten Otto Bartning errichtet und steht unter Denkmalschutz. Bartning, einer der Vordenker des Bauhaus, entwickelte angesichts der schweren Kriegszerstörungen und des großen Bedarfs nach neuen Räumen ein Notkirchenprogramm für ganz Deutschland. Nach seinen Prototypen konnte mithilfe von Fertigbauteilen schnell und günstig gebaut werden. Auch die Gethsemane-Kirche in Bochum aus den späten Vierzigerjahren ist eine solche Bartning’sche Notkirche. Das Manifesta-Programm für diese Kirche sowie zwei weitere in Bochum kuratiert Anda Rottenberg gemeinsam mit dem jungen Kunstkritiker Krzysztof Kościuczuk.

Drei Initiatoren der ersten Manifesta gestalten das Jubiläumsprogramm

Rottenberg gehört zu den Gründerinnen der Manifesta vor 30 Jahren. Anlässlich des Jubiläums der Kunstbiennale lud die Direktorin Hedwig Fijen drei Initiatoren der ersten Manifesta ein, das Programm der aktuellen Ausgabe im Ruhrgebiet zu gestalten, jeweils im Tandem mit einem Vertreter der jüngeren Kuratorengeneration. Fijen schließt so auch für sich persönlich einen Kreis, diese Manifesta wird ihre letzte sein, sie hört danach auf. „Die Einladung hat mich überrascht, denn das Konzept der Manifesta besagt eigentlich, nur mit jüngeren Kuratoren zu arbeiten“, erzählt die 82-jährige Rottenberg in ihrem Zuhause in Warschau, als wir sie zum Zoom-Interview treffen. Rottenberg ist eine der prägenden Figuren der zeitgenössischen Kunstszene in Polen. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes arbeitete sie für das polnische Kulturministerium, stand mehreren bedeutenden Kunstinstitutionen vor, darunter der Nationalen Kunstgalerie Zachęta. Dort wurde sie von ihrem Direktorenposten entlassen, als sie 2001 Maurizio Cattelans „La Nona Ora“ ausstellte, die hyperrealistische Figur des von einem Meteoriten getroffenen Papst Johannes Paul II., was im katholischen Polen einen Skandal auslöste.

Rottenberg ist eine Frau, die sich nicht beirren lässt. Gefragt nach den Unterschieden zwischen der ersten Manifesta und der heutigen, erzählt sie von dem Optimismus, den sie damals, wenige Jahre nach dem Fall der Mauer, angesichts des wiedervereinigten Europas empfand. Die Gegenwart erfüllt sie mit großer Sorge. Der Krieg in der Ukraine, der Krieg im Nahen Osten, die veränderte Konstellation in Amerika, die Tatsache, dass „wir heute nicht mehr – aus guten Gründen – mit unseren russischen Kolleginnen und Kollegen kooperieren können“, all das sei „eine traurige Geschichte, und ich hoffe, dass unser Programm das widerspiegelt“.

Robert Adams schuf das Relief am Eingang des Baus von 1959, der eine große Glasfront hat
Robert Adams schuf das Relief am Eingang des Musiktheater in Gelsenkirchen. Der Bau stammt von 1959, während der Manifesta sind hier Videos zur Geschichte des Hauses zu sehen, das für seine großen Schwammreliefs von Yves Klein berühmt ist. © Max Slobodda

Bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler für die Manifesta waren ihr unterschiedliche Aspekte wichtig. Sexuelle Minderheiten sollen ebenso vertreten sein wie polnische Positionen – denn in den vergangenen 15 Jahren wurde bis auf eine Ausnahme kein polnischer Künstler zur Manifesta eingeladen. Am wichtigsten aber war ihr die Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet und all seinen historischen Schichten. Dazu gehören der Bergbau und die Menschen, die darin gearbeitet haben, in Kriegszeiten auch viele Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine, sowie die postindustriellen Landschaften, die der Bergbau hinterlassen hat. Hinzu kommen die Geschichten der einzelnen Kirchen und die Tatsache, dass statt des Christentums nun andere Religionen im Ruhrgebiet Bedeutung gewonnen haben.

„Es war nicht leicht, all diese Aspekte in den drei Kirchen in Bochum zu zeigen“, sagt sie. So gibt es etwa in der Gethsemane-Kirche ein Werk von Mirosław Bałka, der eine Art Denkmal für die vielen polnischen Arbeiter im Ruhrgebiet schuf, eine sitzende Madonna aus Kohle. Im Ruhrgebiet leben heute geschätzt rund 700.000 Menschen polnischer Abstammung, schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab es große Migrationswellen aus Polen. Auch Luc Tuymans blickt zurück: Für die Christ-König-Kirche schuf er einen Film über deren Pater Romanus Bange, der seine Kirche gegen die Gestapo verteidigte, 1941 verhaftet wurde und einem Herzleiden erlag. In den Film mischt Tuymans Szenen aus Leni Riefenstahls Propagandawerk „Triumph des Willens“.

In Rottenbergs Denken ist die Vergangenheit sehr präsent. Ihr Vater war ein polnischer Jude, seine gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet, sie selbst wurde in Sibirien geboren. Darüber, dass die AfD mittlerweile so stark geworden ist im Ruhrgebiet, versucht sie möglichst nicht nachzudenken. „Rechtspopulismus haben wir in Polen auch“, bemerkt sie trocken. Und ergänzt: „Als ein Mensch, der die Geschichte kennt und weiß, dass Geschichte sich wiederholen kann, habe ich das Gefühl, ich muss Haltung zeigen.“

Portal der Marienkirche in Essen-Karnap.
Portal der Marienkirche in Essen-Karnap. Der Bau von Hans Schilling soll nach der Manifesta abgerissen werden. © Max Slobodda

Ganz im Norden von Essen, im Stadtteil Karnap, ragt abseits einer Straße mit Schienen und McDonald’s versteckt hinter Bäumen die Marienkirche in den blauen Himmel, ein imposanter Bau mit Backsteinfassade, den der Architekt Hans Schilling 1963 errichtete. Schilling hat vor allem im Rheinland bedeutende Kirchen entworfen, St. Marien mit seinem prägnanten fünfeckigen Grundriss entstand nach dem Vorbild von Neu St. Alban in Köln. Die Kirche in Karnap ist seit sieben Jahren geschlossen, bei der Manifesta verantworten René Block und die junge Berliner Kuratorin Leonie Herweg hier das Kunstprogramm. Der 84-jährige Block, der dem Fluxus in Deutschland den Weg bereitete und früh Joseph Beuys vertrat, gehörte wie Anda Rottenberg zum Gründungsteam der Manifesta 1. Ab Juni sind in St. Marien unter anderem Arbeiten von Alicja Kwade, Katharina Fritsch und Jason Dodge zu sehen, einige davon entstanden ortspezifisch. „Ich war erstaunt, wie viele der Künstlerinnen und Künstler sich von dem kirchlichen Kontext inspirieren ließen“, erzählt Leonie Herweg. So drehte etwa das dänische Kollektiv Superflex ein Video eines schlafenden Jesus, während William Engelen am Platz der einstigen Orgel eine Art Vorhang aus klingenden Metallröhren installiert, ein Instrument, das die Besuchenden dazu einlädt, darauf zu spielen.

Seit einer Weile haben Metalldiebe die leer stehende Marienkirche für sich entdeckt und nicht nur das Kupferdach gefleddert, sondern auch einige der Fenster des Künstlers Manfred Ott aus den Sixties zerstört. Hinter der Kirche liegt das Familienzentrum Birkenlund, von dessen kleinem Spielplatz aus hat man den besten Blick auf den turmartigen Altarraum, der an die Industriearchitektur des Ruhrgebiets erinnert. Die junge Kita-Leiterin Marina Schulte lässt uns aufs Gelände und erzählt, dass die Kirche in zwei Jahren abgerissen werden soll. Wirklich traurig ist sie darüber nicht. „Wir sind hier im Schatten der Kirche“, erzählt sie, die tatsächlich dem Grundstück die Sonne nimmt. Auch unter den vermehrten Einbrüchen, den dieser lost place anzieht, leiden sie. Wenn die Kirche weg ist, bekommen sie für die Kita einen neuen Anbau und können künftig mehr Kinder betreuen.

Propst Markus Pottbäcker vor Hermann J. Kassels Skulptur „Energie-Transformater Licht-Grün“ auf dem Gelände des Musiktheaters
Propst Markus Pottbäcker vor Hermann J. Kassels „Energie-Transformater Licht-Grün“ (1999) auf dem Gelände des Musiktheaters in Gelsenkirchen. © Max Slobodda

„Der Abriss sollte das letzte Mittel sein“, sagt Markus Pottbäcker. Wir sind zurück in Gelsenkirchen und treffen den Propst und Stadtdechant. Pottbäcker ist qua Amt für die katholischen Kirchen der Stadt verantwortlich, er hat der Manifesta die Räume in St. Josef für ihr Hauptquartier zur Verfügung gestellt und beteiligt sich selbst an einem der Kunstprojekte des Begleitprogramms, für das sich Initiativen in der Region bewerben konnten: In einer weiteren „seiner“ (leeren) Kirchen, Mariä Himmelfahrt in Gelsenkirchen-Buer, werden in einem Gemeinschaftsprojekt von Kunstmuseum und Musiktheater im Juli Arbeiterlieder zur Aufführung kommen. Wir sind deshalb mit Pottbäcker im Musiktheater im Revier verabredet, einem kulturellen Leuchtturm der Stadt. Nicht nur die Schönheit des lichtdurchfluteten Gebäudes mit seiner großen Glasfassade ist überwältigend, der Architekt Werner Ruhnau arbeitete rund um die Eröffnung im Jahr 1959 auch mit wichtigen Künstlern zusammen, die Werke für den Bau schufen. Darunter sind mehrere Reliefs von Yves Klein im Foyer, die größten, die er je schuf, in einem bis heute atemberaubend intensiven Ultramarinblau. Bei der Manifesta werden hier zwei Videoarbeiten die Geschichte von Yves Klein und Gelsenkirchen erzählen.

In Gelsenkirchen wurden in den vergangenen 15 Jahren elf Kirchen geschlossen

Propst Markus Pottbäcker ist ein großer, freundlicher Mann von 59 Jahren, der sich über den Zustand seiner Kirche wenig Illusionen macht. Offensiv spricht er gleich die Missbrauchsvorwürfe rund um den einstigen Bischof und Kardinal Hengsbach an, der das Bistum Essen, dem Gelsenkirchen angehört, erschüttert hat. Hengsbachs Denkmal vor dem Essener Münster wurde 2024 abgebaut, der 1991 verstorbene, einst populäre Bistumsgründer wurde im wahrsten Sinne vom Sockel gestoßen. „Das pfarreiliche System der Kirche, wie es in den letzten Jahrzehnten geformt und gelebt wurde, ist in meinen Augen gescheitert“, sagt Pottbäcker, das belege der enorme Schwund der Gottesdienstbesucher und Kirchenmitglieder. Er selbst musste in den vergangenen 15 Jahren in Gelsenkirchen elf Kirchen schließen, Ende offen. Teil seines Jobs ist es auch, Käufer für die leeren Kirchen zu finden. Der Prozess sei schmerzhaft, auch wenn man sich an ihn gewöhne.

Emil Walde in seinem Düsseldorfer Atelier zwischen alten Fenstern des Duisburger Hauptbahnhofs
Der Künstler Emil Walde in seinem Düsseldorfer Atelier zwischen alten Fenstern des Duisburger Hauptbahnhofs. © Max Slobodda

Und wie soll es mit der Kirche weitergehen? Pottbäcker ist ein Erneuerer, er hat schon gleichgeschlechtliche Paare gesegnet, setzt sich für die Belange der Sinti und Roma in der Stadt ein und hat keine Berührungsängste: Der bekennende Fußballfan ließ bei entscheidenden Spielen seines Schalke 04 schon die Ergebnisse während des Gottesdienstes einblenden. Ansonsten setzt er auf tätige Nächstenliebe in Form der noch immer zahlreichen kirchlichen Institutionen in Gelsenkirchen, von den Seniorenheimen über die Jugendberufshilfe bis zu den Kitas, wo die Kinder christliche Rituale, etwa Tischgebete, lernten und zu ihren bisweilen erstaunten Familien nach Hause trügen. Es gebe in einer Stadt mit 15 Prozent Arbeitslosigkeit, wo ein Drittel der Kinder im Bürgergeldbezug, sprich arm sei, eine Menge zu tun für die Kirche. Dass mit der Manifesta nun Kunst und Gotteshäuser wieder enger zusammenrückten, gefällt ihm gut. „Beides war ja traditionell immer sehr eng verbunden“, sagt er lächelnd. „Es ist schade, dass das in jüngerer Zeit nicht mehr so ist.“ Sein eigener Lieblingskünstler ist Piet Mondrian, dessen abstrakte Bilder haben für ihn geradezu etwas Heiliges.

Das Sakrale und das Weltliche, das Schöne und der Verfall, die Frustration und der Aufbruch, im besten Fall wird diese Manifesta all das zusammenbringen. So wie der junge Künstler Emil Walde, der in seinem Düsseldorfer Atelier die alten Fenster vom Duisburger Hauptbahnhof für die Biennale verarbeitet. Die Drahtglasscheiben sind voller Risse, Graffiti und Schmutz, jahrelang wurden sie durch Klebeband zusammengehalten. Walde fertigt daraus eine Installation für die Duisburger Liebfrauenkirche. Zwischen zerbrochenen Fenstern mit Zufallsmustern in den Nischen der einstigen Beichtstühle kann man hier dann einen Augenblick innehalten.

Service

INFOS ZUR MANIFESTA

Die Manifesta 16 Ruhr findet vom 21. Juni bis 4. Oktober in Essen, Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen statt.

Mehr Infos hier.

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