Ein Werk von Georg Baselitz wird über das Pfingstwochenende in der Seemannskirche Prerow ausgestellt. Der kürzlich verstorbene Künstler war dem Ostseebad seit Kindheitstagen verbunden
ShareKaum ein Künstler ist so unmittelbar mit einer bildnerischen Geste verbunden wie Georg Baselitz mit der Umkehrung des Motivs. Seine Menschen, Adler oder Wälder stehen Kopf, nicht erst im fertigen Gemälde, sondern bereits während des Malprozesses. Das Konzept wirkt im ersten Moment vielleicht etwas befremdlich, hatte für den Künstler jedoch einen tieferen Zweck. Es soll die Wahrnehmung der Betrachtenden verschieben – und machte den kürzlich verstorbenen Maler weltberühmt
1996 entstand sein Werk „Mein Vater sieht einen Engel“, das am kommenden Wochenende in der Seemannskirche Prerow ausgestellt wird, anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Kirche. Es ist 72 Stunden lang zu sehen, die Kirche wird in dieser Zeit „nonstop“, also durchgehend zugänglich sein. Ein durchaus unkonventionelles Ausstellungsformat, welches nach Baselitz’scher Manier die kleine Gemeinde an der Ostsee mal eben auf den Kopf stellt.
Das Gemälde „Mein Vater sieht einen Engel“ fügt sich thematisch gut in das sakrale Umfeld ein. Eine Männergestalt, die Baselitz’ Vater darstellen soll, expressive Farbigkeit und ein fein linierter Engel treten hervor. Dazu passt, dass in der Seemannskirche zuletzt zwei historische Himmelsboten restauriert wurden, sodass sich nun über Pfingsten die Skulpturen und der gemalte Engel begegnen können.
Der Ort der Ausstellung, Prerow, war für Baselitz mit vielen Kindheitserinnerungen verbunden. In den 1950er-Jahren verbrachte seine Familie hier ihre Campingsommer zwischen Dünen und Meer. Das Ostseebad am Darß stand für ihn für eine frühe Erfahrung von Freiheit und Stille. Damals lernte der junge Georg auch die Seemannskirche Prerow kennen. Jene wurde im 18. Jahrhundert für Schiffer und Seeleute errichtet und verbindet sakrale Architektur mit maritimer Geschichte. Die Seemannsgrabsteine und die Modellschiffe in der Kirche lassen die Historie durchscheinen.
Geboren im Jahr 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz in der Oberlausitz, prägten ländliche Herkunft, Kriegserfahrung und die Brüche der Nachkriegszeit das Heranwachsen des Künstlers. Seine Studienzeit startete turbulent. Gleich nach zwei Semestern an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee folgte die Exmatrikulation wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“. Baselitz setzte dann seine Ausbildung an der Hochschule der bildenden Künste (heutigen UdK) in West-Berlin fort.
Bekannt wurde der junge Student 1963 durch oder vielmehr mit Hilfe eines Skandals. Auf seiner ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Werner&Katz beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft zwei Werke wegen angeblicher Unsittlichkeit. Für den Künstler war dies jedoch keine unkontrollierte Eskalation, sondern eher eine kalkulierte Zuspitzung, um Aufmerksamkeit zu erlangen. „Die große Nacht im Eimer“ und „Der nackte Mann“, welche die direkte und überzogene Darstellung eines männlichen Genitals gemeinsam haben, machten ihn schlagartig bekannt. Baselitz würde man heutzutage wahrscheinlich als „Marketing-Genie“ bezeichnen. 1969 schuf er dann mit „Der Wald auf dem Kopf“ das erste sogenannte Umkehrbild. Die Inversion wurde daraufhin zu seinem Markenzeichen.
Am 30. April 2026 verstarb Baselitz im Alter von 88 Jahren in Salzburg. Die Vorbereitungen zur Ausstellung in Prerow begleitete er noch aus der Ferne und stellte dem Förderverein der Gemeinde sein Gemälde kostenfrei zu Verfügung.
Seemanskirche Prerow
vom 22. Mai 15 Uhr bis zum 25. Mai 2026 15 Uhr