Das Rijksmuseum in Amsterdam zeigt mit über 80 hochkarätigen Werken, wie Ovids „Metamorphosen“ Künstlerinnen und Künstler von der Antike bis heute inspirierten
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13.04.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 253
Personenkult, Selbstüberschätzung und ungezügeltes Begehren: Ovids Fabeln zeichnen eine Welt der Instabilität, sie sind ein Spiegel unserer aktuellen Erfahrung. Seine Warnungen vor der Willkür der göttlichen Intervention, seine Sammlung an antiken Charakteren kann man auch heute noch als Chiffren für die dunkelsten Seiten des Menschseins lesen. Und doch demonstriert die Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum, wie weit wir in den 2.000 Jahren seit der Veröffentlichung der „Metamorphosen“ gekommen sind. Vergleicht man Werke von Giordano und Magritte, Arcimboldo und Ulay, Tintoretto und Bourgeois, wird deutlich, dass sich die Umsetzung ovidischer Themen und Motive im Lauf der Jahrhunderte dramatisch geändert hat.
Die erste Verwandlung, die uns hier begegnet, ist die vom Wort zum Bild. Auf Nicolas Poussins „Die Inspiration des Dichters“ sieht man noch, wie der Poet von Apollo den Wein der Inspiration eingeflößt bekommt. Auch illustrierte Ausgaben der „Metamorphosen“ zeigen, wie Wort und Bild verbunden sind. Danach übernehmen die visuellen Schöpfungen. Ovid beschreibt die conditio humana so zeitlos, dass Kunstschaffende aller Genres und Epochen immer wieder zu seinen Figuren zurückkehren. Wichtiger für die europäische Kunstgeschichte ist nur die Bibel – und so wie sie sind Ovids Erfindungen in unserem kollektiven Bildgedächtnis verankert, auch bei jenen, die keines der beiden Bücher je gelesen haben.
Der zweite Saal ist dem Schöpfungsakt gewidmet. Dort erinnert Louis Finsons Gemälde „Chaos – Der Kampf der vier Elemente“ daran, dass die „Metamorphosen“ eine Chronik von der Entstehung der Welt bis zum Tod Julius Cäsars sind. Den vier ringenden Körpern antwortet Ana Mendieta mit „Birth (Gunpowder Works)“ fotografisch fast schon unaufgeregt und zeigt, wie diese Elemente sich zu einem weiblichen Körper verbinden – ausgebrannt und unfertig, ein Zustand, den sie mit Rodins Gipsmodell „La Terre“ und Brancusis Marmorkopf „Prométhée“ teilen.
Louise Bourgeois’ riesige Bronze „Spider Couple“ wiederum thront über den verschiedenen Interpretationen der Erzählung von der Weberin Arachne, die Athene in eine Spinne verwandelte, weil Arachne zu stolz auf ihre Webkunst war. Eine Kunst, die in den wandfüllenden Gobelins des 17. Jahrhunderts – natürlich mit Szenen aus den „Metamorphosen“ – ihren Höhepunkt fand. Noch mehr als die Spinnen sind aber die Schlangen zum Fürchten: Da ist Medusa, von Hubert Gerhard für den Herzog von Bayern auf ewig bei ihrer eigenen Enthauptung überlebensgroß in Bronze gebannt. Der Held Perseus versteinerte nicht vor Angst, sondern stellte das Monster im Kampf. Doch in der Videoprojektion „Spawn“ gemahnt uns Juul Kraijer daran, dass es neben Kampf oder Flucht noch eine ganz andere Form gibt, mit dem Schrecken umzugehen: nämlich, sich von ihm nicht beherrschen zu lassen.
Diese Wahl war den Geliebten des Jupiter nicht vergönnt, der Göttervater spielte ihnen übel mit. Zwischen Leda, Io und Danaë nimmt Europa dabei den meisten Raum ein. Schließlich ist es ihr Erbe, das die außergewöhnliche Ausstellungskooperation von Rijksmuseum und Galleria Borghese erst möglich macht: Kunst vom Polarkreis bis Sizilien ist in Amsterdam versammelt, die Schau wandert anschließend in veränderter Zusammensetzung weiter nach Rom. Und wer den visuellen Genuss noch auditiv verstärken will, sollte seine Kopfhörer nicht vergessen: Die englische Audiotour wird von Stephen Fry gesprochen, dessen grandiose Nacherzählungen antiker Sagen natürlich nicht ohne Ovid auskommen.
Ein Meisterwerk schickt auch der Louvre: Der schlafende Hermaphrodit ruht sonst im lichtdurchfluteten Salle des Caryatides unter seinen Zeitgenossen. Das Rijksmuseum gönnt der intersexuellen römischen Schönheit aus dem 2. Jahrhundert mehr Privatsphäre: Auf der 1620 von Gian Lorenzo Bernini ergänzten Marmormatratze räkelt er sich in seinem eigenen Raum und kehrt den Eintretenden seinen Rücken zu. Man muss ihn erst umkreisen, bevor er seine besondere Natur verrät.
Der Künstler, der sein Material so beseelt, dass es uns berührt, ist im Extrem Pygmalion. Der verliebt sich so sehr in die von ihm selbst geschaffene Statue, dass Aphrodite sie für ihn zum Leben erweckt. Anders liegt der Fall bei Narcissus, er bleibt seiner flüchtigen Reflexion auf der Wasseroberfläche treu bis in den Tod. Caravaggio spielt in seinem Gemälde mit allen, die es ansehen, lässt sie auf den Jüngling starren, wie dieser auf sein Spiegelbild starrt.
Falls danach noch Zweifel bestehen, dass keines Menschen Schaffen an das der Götter heranreicht, dann zeigt uns am Ausgang Luca Giordanos „Häutung des Marsyas“, welche Strafe für Hybris droht. Apollo persönlich rächt sich an dem Satyr, der es wagte, ihn zum Musikwettstreit herauszufordern. Dieses grausame Bild sollte in der Renaissance Trost spenden: Auch wenn der Körper verfällt, die Seele ist ewig, denn „omnia mutantur, nihil interit – alles wandelt sich, doch nichts vergeht ganz“. Ob Ovid an seinem Lebensende an dieses Mantra dachte? Wie die Figuren in seinen Geschichten hat auch ihn der Zorn eines Gottgleichen aus dem irdischen Dasein gerissen. Verärgert über die Dichtung „Ars amatoris“ soll ihn Kaiser Augustus ans Schwarze Meer verbannt haben, wo er 17 n. Chr. einsam starb.
„Metamorphosen“,
Rijksmuseum, Amsterdam,
bis 25. Mai