Kerstin Brätsch in Bonn

Formen im Fluss

Für ihre aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Bonn verwandelt Kerstin Brätsch das Haus in eine lebendige, beinahe psychedelische Erlebniswelt

Von Kira Breitbach
19.03.2026

Beim Betreten des Hauptraumes entfaltet sich eine immersive Bildlandschaft. Blau-, Violett- und Grüntöne fließen in organische Strukturen, die an Rorschach-Tests erinnern. Das 1921 entwickelte psychodiagnostische Verfahren soll unbewusste Persönlichkeitsaspekte zum Ausdruck bringen, dessen Gültigkeit heute jedoch angezweifelt wird. Die symmetrischen, tintenfleckartigen Tapetenarbeiten von Kerstin Brätsch reichen bis zur Decke und prägen die raumgreifende Installation „MƎTAATEM“. In den Formen lassen sich immer neue Motive entdecken: Tiergesichter, Gehirnscans oder sogar außerirdisch wirkende Lebensformen. Wer sich auf die Installation und die begleitende Musik einlässt und länger hinsieht, beginnt, sich in den Bildern zu verlieren – ihre hypnotische, leicht psychedelische Wirkung entfaltet sich nach und nach.

Kerstin Brätsch „Ohne Titel“, ATEM Serie, 2024, Kunstmuseum Bonn
Kerstin Brätsch „Ohne Titel“, ATEM Serie, 2024, Kunstmuseum Bonn. © Andrea Rossetti

Ausgangspunkt von Brätschs Arbeit ist die Frage, wie sich Malerei in andere Medien überführen lässt. Dafür arbeitet sie ebenso mit Handwerkern wie mit Wahrsagerinnen zusammen. Die 1979 in Hamburg geborene Künstlerin gründete 2007 mit Adele Röder die Künstlergruppe DAS INSTITUT und 2010 mit dem Bildhauer Debo Eilers die Gruppe KAYA. Beide Projekte erhielten internationale Aufmerksamkeit und präsentierten ihre Arbeiten in verschiedenen Ausstellungen. 

Konzentrierter als die Serie „MƎTAATEM“ wirken die Werke aus der Reihe „ATEM“. Kreisartige Farbformen überlagern sich wie transparente Zellen oder Flüssigkeitstropfen und erinnern an mikroskopische Bilder oder an Röntgen- oder Wärmebildaufnahmen. Die weichen Ränder und verlaufenden Pigmente erzeugen eine wässrige Anmutung und lassen die Formen zunächst wie zufällig aufgetragen erscheinen – als wären sie auf die Oberfläche getropft. Erst beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass sie vollständig gemalt sind. Aus lockeren, scheinbar beiläufigen Pinselstrichen entstehen fließende, miteinander verwobene Strukturen, die Assoziationen an molekulare oder neurologische Prozesse wecken.

Im Spannungsfeld von Materialität und Spiritualität entsteht bei Kerstin Brätsch ein vielschichtiger Bildkosmos, dessen Sogkraft sich erst im unmittelbaren Erleben vor Ort voll entfaltet.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Kerstin Brätsch. MƎTAATEM“

Kunstmuseum Bonn

bis 12. April

Finnissage am 12. April um 11 Uhr 

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