Das Keramikmuseum im Westerwald würdigt derzeit Jan Bontjes van Beeks Werk und Leben in einer umfassenden Schau
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06.03.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 252
Sein Leben lang suchte er nach der perfekten Form. Und je älter Jan Bontjes van Beek (1899–1969) wurde, desto mehr konzentrierte er sich dabei auf die stereometrischen Module Kugel, Zylinder oder Kegel. So entstanden halbrunde Schalen auf ringförmigen Sockeln, kugelige Vasen, Pilzgefäße, die sich aus der Geometrie herleiten. Doch wirken die Gefäße Bontjes’, wie ihn in der Keramikszene alle nennen, nie technisch, nie kühl. Die Fertigung von Menschenhand mit all ihren Spuren, auch die Zufälle im Brennofen geben jedem Stück Individualität. Wichtig waren Bontjes ein guter Stand und dicke Wandungen, seine Gefäße sollten wie Steine sein. Auch die Glasur ist kräftig, häufig läuft sie dick wie Lava an den Wandungen herab. Zugleich ist die Farbschicht voller Wärme, subtil und abwechslungsreich, tiefgründig und voller raffinierter Effekte, im Grunde eine mit zahllosen kleinen Einsprengseln und Farbschlieren belebte monochrome Malerei.
Bontjes war ein Glasurvirtuose, das fiel schon auf, als seine (damals noch weicher, organischer geformten) Stücke 1935 auf der Leipziger Grassimesse für ihre Konzentration auf das Wesentliche und den hohen Standard der Fertigung bewundert wurden. Das war sein Durchbruch. Bei der Keramik mischten sich die NS-Funktionäre nicht ein, sie blieb eine Nische für Anhänger der Avantgarde. Für Bontjes – aus einer niederländischen Familie stammend, im Rheinland aufgewachsen und seit seiner Kindheit deutscher Staatsbürger – brachte das Hitlerregime die Katastrophe seines Lebens: Im September 1942 wurde er gemeinsam mit seiner Tochter Cato festgenommen. Er kam nach drei Monaten wieder frei, weil man ihm nichts nachweisen konnte. Aber Cato wurde wegen ihrer Aktivität in der Widerstandsgruppe Rote Kapelle im August 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, gerade erst 22-jährig.
Sehr eindrucksvoll würdigt derzeit das Keramikmuseum Westerwald Bontjes’ Werk und auch sein Leben. Das 1982 eröffnete Haus in Höhr-Grenzhausen widmet sich der Töpfergeschichte des „Kannenbäckerlands“, wo seit dem Mittelalter das charakteristische Steinzeug mit der graublauen Salzglasur hergestellt wurde, dank der Tonvorkommen im Westerwald. Nele van Wieringen, die das Museum seit 2018 leitet, hat hier viel bewegt und den Bereich der künstlerischen Keramik der Moderne und Gegenwart ausgebaut. Zusammen mit dem Sammler, Kunsthändler und Kurator Sebastian Jacobi bringt sie Bontjes’ Gefäße in bunten Schaukästen wirkungsvoll zur Geltung – ergänzt durch Entwurfszeichnungen, Fotografien, vom Bauhaus beeinflusste Möbel seiner zweiten Frau Rahel (darunter auch Tische mit seinen Fliesen) bis hin zu einer Gedenkzelle für Cato.
Bontjes begriff sich nie als Töpfer, sondern als Bildhauer. Seine wichtigste Inspiration war die chinesische Keramik. Hier fand er die „Urformen“, wie sie ihm und anderen modernen Gestaltern vorschwebten, aber auch die Farbwunder der Glasur – wenn man mit ihr umgehen konnte. Nach dem Krieg hat Bontjes zahllose Keramikerinnen und Keramiker beeinflusst: als Lehrer in Berlin und Hamburg, als Künstlervorbild, als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Verglichen mit den oft spektakuläreren Werken der Jüngeren wirken Bontjes’ Gefäße maßvoll und zeitlos. Unverkennbar.
„Jan Bontjes van Beek“,
Keramikmuseum Westerwald, Höhr-Grenzhausen,
bis 6. April