Von der Extremadura war schon Wolf Vostell fasziniert. Seinem Museum folgten in der jüngsten Zeit viele weitere Kunstorte, die die raue Region in Westspanien leuchten lassen
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13.02.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 250
25 Jahre nach Vostell nahm Helga de Alvear die Region in den Blick. Da war die im Hunsrück geborene Erbin der Rheinischen Kunststoffwerke in ihrer Wahlheimat Madrid als Galeristin und Mitgründerin der Kunstmesse Arco schon eine Legende. Jedoch suchte sie noch nach einer Bleibe für ihre mehr als 3000 Werke umfassende Privatsammlung. Mit kindlicher Begeisterungsfähigkeit hatte Helga de Alvear alles gekauft, was ihr Herz berührte: von der seltenen Erstausgabe der berühmten „Los Caprichos“ von Goya über Fotografien der Becher-Schule bis zur neonbunten, raumgreifenden Spraykunst Katharina Grosses. Der damalige Präsident der Junta de Extremadura, Juan Carlos Rodríguez Ibarra, erkannte die Chance, die Region aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, und entschied: „Helga, das bleibt hier.“ 2006 wurde in der Provinzhauptstadt Cáceres die Stiftung Helga de Alvear gegründet. 2010 folgte die Einweihung des Centro de Artes Visuales in einem modernistischen Gebäude am Rande der Altstadt und 2021 schließlich die Eröffnung des benachbarten Museo Helga de Alvear. Mission erfüllt, dachte sich die Kunstvermittlerin womöglich, bevor sie am 2. Februar 2025 in Madrid für immer die Augen schloss.
Ihren Seelenfrieden fand sie auch dank eines topografischen Bravourstücks der mit dem Museumsbau beauftragten Architekten Tuñón+Albornoz. In Cáceres leistet deren Kunstschatulle einen wichtigen urbanistischen Beitrag, weil das viergeschossige Gebäude die höher gelegene Altstadt und die moderne Vorstadt miteinander verbindet. Kalkweiße Vierkantstreben rhythmisieren die Rasterfassade. In dem verschachtelten Raumgefüge verliert man zwar schnell den Überblick, aber es macht Spaß, sich Helga de Alvears inneren Kompass auszumalen. Wie beherzt sie gewesen sein muss, als sie zum Beispiel Thomas Hirschhorns brachiale „Power Tools“ allein auf der Basis einer Abbildung in einer Kunstzeitschrift erwarb. Die großen Pappkartonwerkzeuge passen gerade so unter die Decke. „Die Äxte lassen mich an Filme denken, die zu drehen ich mich nie wagen würde“, schrieb die katalanische Regisseurin Isabel Coixet nach ihrem Museumsbesuch.
Im Jahr 1986 wurde die Altstadt von Cáceres zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Kein Souvenirladen stört das harmonische Nebeneinander gotischer Herrenhäuser und Renaissancepaläste aus Granit, der mit der Zeit ockergelb oxidiert ist. Noble Familien aus dem Norden hatten sich nach der Reconquista innerhalb der arabischen Wehrmauern niedergelassen und festungsartige Palacios errichtet: Die Maurenherrscher waren vertrieben, jetzt lagen Adelsgeschlechter miteinander im Clinch. Diesen Scharmützeln setzten die katholischen Könige ein Ende. Isabel La Católica ließ die trutzigen Wohntürme all jener schleifen, die im Kastilischen Erbfolgekrieg auf der falschen Seite standen. Doch sie brachte der Stadt nicht nur Frieden, sondern organisierte mittels Verordnungen zu Müll, Ackerbau, Feuerschutz das tägliche Leben.
Nur eine Autostunde weiter südlich lockt Mérida mit Spaniens bedeutendsten Zeugnissen römischer Kultur. Veteranen der fünften und zehnten Legion entspannten die zerschundenen Glieder in Thermen oder amüsierten sich beim Wagenrennen im Circus von Augusta Emerita, der Provinzhauptstadt des antiken Lusitaniens. Die monumentalen Überreste dieser Anlagen machen den Reiz des heutigen Mérida aus. Reich verziert und mit verschiedenfarbigem Marmor verkleidet, überragt das fast vollständig wiederaufgebaute römische Theater das Archäologische Ensemble der Stadt – wie eine ewige Kulisse für das Festival Internacional de Teátro Clásico, das jeden Sommer stattfindet. Selbst der italienische Spötter Dario Fo bekam angesichts dieser Pracht weiche Knie, als er hier einen Ehrenpreis für sein politisches Theater entgegennahm. Dass Mérida ein unerschöpflicher Steinbruch für den Restglanz seiner prachtvollen Vergangenheit ist, zeigt sich auch im nahen Museo Nacional de Arte Romano. Rafael Moneo hat das Haus in den 1980er-Jahren über Ausgrabungen errichtet, die in der sogenannten Krypta offengelegt sind. Mit jedem Ziegel seines Bauwerks feiert der Architekt die römische Grandezza.
Material und Dimension sind an den antiken Monumentalbauten orientiert. Gestaffelte Bögen überwölben ein immenses Mittelschiff. Von dieser zentralen Halle gehen Seitenschiffe ab, die durch Treppenaufgänge und Passarellen miteinander verbunden sind. An den Wänden werden kolossale Mosaike präsentiert wie feine Gobelins, minuziös erzählen sie vom Raub der Europa oder der Wildschweinjagd. Alles ist in Bewegung an diesem festlichen Ort, Geschichte, Geschichten, das Versunkene zum Greifen nah.
Wie Mérida wird auch das 60 Kilometer flussabwärts gelegene Badajoz vom Río Guadiana in zwei Teile geschnitten. Das landwirtschaftliche Zentrum der Extremadura ist vielleicht keine pittoreske Schönheit, aber als Scharnier zwischen Spanien und Portugal, durch sein Universitätsflair und die stolze Flamencokultur besonders lebendig und weltoffen. Am höchsten Punkt der Stadt erhebt sich die Alcazaba, eine Burg mit maurischen, christlichen und neuzeitlichen Festungselementen. Heute verströmen ihre Gärten friedvolle Ruhe. Ein kurzer Spaziergang führt durch die schattigen Arkaden der Plaza Alta zum Museo de Bellas Artes, wo die Qualität und Vielfalt der Schönen Künste aus Badajoz erstaunt. Eine 1565 von Luis de Morales gemalte Pietà macht gleich einmal sprachlos: Wie eine Laute hält die Schmerzensmutter den aschgrauen Leichnam Jesu in ihren Händen. Eine Ode an das Leben mit seinen offenen und versteckten Begierden ist hingegen die Malerei des Dandys Antonio Juez. Hat er den römischen Jungkaiser Elagabal 1926 gar zur Transfrau umgedeutet? Der nächste Skandal folgte zehn Jahre später, als Juez fünf Typen der Femme fatale von Kleopatra über die Königin von Saba bis Carmen für das Kaufhaus La Giralda kreierte. Lasziv rekeln sich die Frauen in exotischen Settings. Zumindest von außen kann man die Giralda de Badajoz mit ihren schmiedeeisernen Gittern und kapriziösen Balustraden noch bewundern. Der namensgebende Glockenturm ist eine nahezu maßstabgetreue Nachbildung des berühmten Wahrzeichens von Sevilla.
Kurios, welch unterschiedliche Zwecke die Kopien von Architekturlegenden in Badajoz erfüllen. Das etwas außerhalb des Stadtkerns gelegene Museo Extremeño e Iberoamericano de Arte Contemporáneo (MEIAC), erstes Museum für Gegenwartskunst in der Extremadura, wurde 1995 auf dem Grundriss des ehemaligen Provinzgefängnisses errichtet. Dieses war wiederum dem Panoptikum von Bentham nachempfunden. Der 1831 verstorbene Philosoph Jeremy Bentham forderte die Legalisierung der Homosexualität und war ein Verfechter der Resozialisierung. Was ihn nicht davon abhielt, mit seinem „Panoptikum“ ein Idealgefängnis zu entwerfen, in dem Aufseher im Zentrum des kreisförmigen Gebäudes die Delinquenten permanent überwachen. Wie zum Hohn wurden vor allem Schwule während der Franco-Diktatur in die Haftanstalt von Badajoz gesperrt.
Zahlreiche Ausstellungen im MEIAC arbeiten sich an dieser dramatischen Vorgeschichte ab, doch es gibt auch weniger gravitätische Werke in der auf zeitgenössische Kunst aus der Region, aus Portugal und Lateinamerika konzentrierten Sammlung. Etwa die minimalistischen Landschaften von Godofredo Ortega Muñoz, die viel über die von Menschenhand geformten Gefilde der Extremadura aussagen. Oder die „Barcas heladas“ von Eva Lootz. Eine feine Paraffinschicht liegt auf ihrer Installation aus Bootsrümpfen. Sie unterstreicht die enge Verbindung der Extremadura zum abwesenden Meer, den nostalgischen Bezug zwischen der „Tierra de Conquistadores“ und der Neuen Welt. Dorthin, genauer gesagt ins brasilianische Exil, brach der Maler und Poet Timoteo Pérez Rubio im Jahr 1940 auf, nachdem er im Spanischen Bürgerkrieg maßgeblich an der Evakuierung der Kunstschätze des Prado beteiligt war. Wie ein Versprechen auf das Paradies hängt sein Meisterwerk „Ninfas en el jardín“ von 1930 im Erdgeschoss des MEIAC. Eine Erzählung vom Leben im Einklang mit der Natur, ohne Anfang und ohne Ende, die reine Gegenwart.