In seinen späten Jahren widmete sich Pablo Picasso geradezu obsessiv dem Thema Maler und Modell und schuf unzählige Bilder. Die Galerie Nahmad Contemporary zeigt im schweizerischen Gstaad eine erlesene Auswahl – Supermodel Naomi Campbell hat einen Text dazu verfasst
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26.02.2026
Zehn Jahre vor seinem Tod lief es für Pablo Picasso etwas weniger rund als gewohnt. Der erfolgsverwöhnte Künstler war inzwischen jenseits der achtzig und 1961 mit Jacqueline Roque nach Notre-Dame-de-Vie nahe Mougins gezogen – weit weg vom vitalen Kunstzentrum Paris.
In dieser Abgeschiedenheit entstand sein Spätwerk. Malerisch höchst elegant, aber in einem Tempo, als rase Picasso die Zeit davon. Seine Zeitgenossen kamen mit dem skizzenhaften Charakter der Bilder nur schwer zurecht. Picasso, erläutert Galerist Joe Nahmad, dessen Familie ein bedeutendes Konvolut von Werken des Künstlers besitzt, galt als Erfinder des Kubismus und Teil des Kanons der klassischen Moderne. Doch jetzt ließ der Künstler alle Regeln hinter sich, ließ seine Kreativität explodieren und huldigte ausschließlich einer Obsession: Jacqueline. Hunderte Ansichten entstanden in dieser Zeit, sie stand im Mittelpunkt von Picassos Schaffen und seiner Auseinandersetzung mit den klassischen Sujets, zu denen auch die Darstellung von Maler und Modell gehörte.
Diesem Thema widmet die Galerie Nahmad Contemporary aktuell eine Ausstellung im schweizerischen Gstaad. Die Bilder der Serie „Le Peintre et son modéle“ schäumen vor Energie und bleiben zugleich eigenwillig flüchtig. 14 Gemälde in den temporären Räumen der New Yorker Galerie unmittelbar am Flughafen deklinieren den Blick des Künstlers auf den weiblichen Akt – obgleich Picassos letzte Ehefrau ihm niemals Modell gestanden hat.
Es handelt sich um Fantastereien: der Künstler studiert die Nackte ihm gegenüber, während wir als Betrachter beim Akt des Malens zusehen. Es fällt nicht schwer, im Malprozess eine Möglichkeit zur Triebsublimierung zu vermuten. Jacqueline, ab 1961 mit Picasso verheiratet, war 46 Jahre jünger als ihr Mann und übernahm bis zu dessen Tod 1973 in der Zweisamkeit ihrer selbstgewählten Isolation die Rolle der künstlerischen Inspirateurin.
Weit mehr Motive, als in Gstaad ausgestellt sind, entstanden in jener intensiven Schaffensphase zwischen 1963 und 1965. Die Rolle des Malers an der Staffelei nimmt auf den Bildern selbstredend Picasso ein, wobei er sich mal mit einem Bart darstellt, wie ihn Rembrandt trug, mal Ähnlichkeiten zu Vincent van Gogh herstellt – zwei Maler, deren Œuvre respektive Spätwerk ebenfalls lange missverstanden wurde. Rechts davon posiert sein Modell auf einem Sessel oder auf dem Boden, teils wirkt es wie eingeklemmt im knappen Raum des Ateliers. Und einmal rückt die weibliche Figur so nahe an den Maler, dass beider Füße aneinanderstoßen und ein berührender Augenblick von Intimität entsteht.
Was die Bilder verbindet, ist die Schnelligkeit, mit der Picasso das für ihn Wesentliche herausarbeitet und alles andere in den Hintergrund drängt. Dennoch vergisst er nicht, die Silhouette einer Kommode oder die Köpfe jener Nägel zu malen, dank derer die Leinwand am Rahmen hält. Die Realität ist anwesend, aber zweitrangig. Im Zentrum steht die spannungsgeladene Atmosphäre zwischen den Figuren, eine Mischung aus Macht, Dominanz, Verführung und Zugewandtheit.
Dieses komplexe Geflecht erweitert die Galerie in ihrem Katalog zur Ausstellung um einen Text über „Das Gewicht des Blicks“. Autorin ist Naomi Campbell – und wer wüsste besser, wie es sich anfühlt, über Jahre den Blicken anderer ausgesetzt zu sein als ein Supermodel mit langer, erfolgreicher Karriere.
Campbell nimmt den Faden auf, sie reflektiert anhand der Situation zwischen Maler und Modell jene Botschaften, die stets über sie und ihren Körper vermittelt wurden. Als Ausdruck purer Repräsentation, ganz auf das Sichtbare gerichtet und häufig mit dem Missverständnis gepaart, dass sich an jener Oberfläche auch der Charakter eines Menschen offenbare. „Was mich in dieser Serie am meisten berührt, ist etwas, das ich im Laufe der Zeit schätzen gelernt habe: die Macht der Selbstbeherrschung und Zurücknahme“, schreibt Naomi Campell über Picassos Bilder. Seine Akte seien schwer zu fassen, mehr Projektionsfläche als nackte Frauen und damit in der Lage, die Situation auch selbst zu kontrollieren. Das mache die späte Serie des Malers besonders: „Die größte Macht geht nicht unbedingt von dem aus, der schaut – sondern von dem, der sich außerhalb jener Reichweite befindet.“
„Picasso / Painter and Model – Refelections by Naomi Campbell“,
Nahmad Gallery Contemporary at Tarmak22, Gstaad,
bis 15. März