„Nürnberg Global“

Der Kern des Erdapfels

Mit seinen Handelsverbindungen war Nürnberg zu Beginn der Neuzeit ein Knotenpunkt globaler Netzwerke. Eine großartige Ausstellung zeigt, wie die Kunst darauf reagierte

Von Sebastian Preuss
27.01.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 251

Hinter dem indisch-fränkischen Kabinettstück platzierten die Ausstellungsmacher eine Wand mit spätmittelalterlicher Massenware: Die Nürnberger Beckenschläger entwickelten ein streng gehütetes Verfahren, Ornamente und figürliche Motive mit Matrizen seriell ins Messing zu schlagen; die Fernhändler der Stadt lieferten die Rohstoffe Kupfer und Zink. So wurden die vielseitig nutzbaren Schüsseln überall in Europa zum Verkaufsschlager. Und sie zeugen vom Erfolg der Metall verarbeitenden Handwerke Nürnbergs. Etwa die Drahtzieher, die 1415 die Technik erfanden, mithilfe einer Mühle an der Pegnitz kräfte- und zeitsparend Drähte herzustellen. Dadurch konnte Nürnberg ein Jahrhundert lang das Monopol behaupten. Berühmt waren auch die Feinmechaniker, die Zirkelschmiede, die Uhr- und Kompassmacher, die Instrumente für Astronomen und Seefahrer, aber auch Kopf- und Beinsägen für Chirurgen produzierten. Derweil zelebrierten die Patrizier ihren Erfolg in prunkvollen Schauobjekten wie dem Pokal der Familie Holzschuher. In die glockenartige Cuppa sind Reliefszenen aus dem Bergbau getrieben, der das Geschlecht reich gemacht hatte. Zugleich war Nürnberg, auch das führt die Schau vor, ein Zentrum der Waffen- und Rüstungsproduktion. Hier wurde ebenfalls nach ganz Europa geliefert, etwa ein mit islamischen Arabesken dekorierter Prunkschild an den polnischen König.

Die Globalisierung der Frühen Neuzeit erzeugte nicht nur Profit und kulturellen Gewinn, sondern eben auch Krieg und Gewalt. In aller Deutlichkeit, aber ideologiefrei thematisiert die Ausstellung, wie die Eroberungs- und Ausbeutungszüge der Kolonisatoren Zerstörung, Mord und Versklavung nach Afrika, Asien und Amerika brachten. Zugleich zeigt die Schau, wie die Entdeckungen die Neugier auf das „Fremde“ antrieb, den Menschen die mangelnde Weltkenntnis bewusst machte, den Drang nach Wissen stärkte.

Während Unternehmerdynastien wie die Welser, Hirschvogel oder Tucher Handelsstützpunkte in Lissabon, Sevilla, Antwerpen oder Venedig unterhielten sowie Expeditionen nach Südamerika und Indien finanzierten, schickten sie ihre Söhne auf italienische Universitäten. Sie förderten die humanistische Gelehrsamkeit und gaben Werke bei Hans Pleydenwurff, Albrecht Dürer, dem Bildhauer Veit Stoß oder Goldschmiedevirtuosen wie Wenzel Jamnitzer in Auftrag. Auch in der Kunst war Nürnberg ein produktiver Schmelztiegel mit vielen eingewanderten Meistern und Verbindungen in die Ferne.

 

Hans Pezolt, Pokal mit Bergbauszenen, von 1593/1602
Hans Pezolt, Pokal mit Bergbauszenen, 1593/1602. © Thyssen-Bornemisza Collections, Madrid

Wenn man weiß, dass Ulman Stromer schon 1390 die erste deutsche Papiermühle gründete, verwundert es nicht, wie die Herstellung von Frühdrucken (Inkunabeln) und das Verlagswesen um 1500 in der Stadt boomte. Europaweit agierender Großunternehmer war hier Anton Koberger: Mit der Schedelschen Weltchronik und ihren 1800 Holzschnitt-Illustrationen gab er ein Werk der Superlative heraus. Auch das Nürnberger Kartografiewesen brachte Erstaunliches hervor, etwa den ersten gedruckten Plan der Aztekenhauptstadt Tenochtitlán, die der Eroberer Hernán Cortés 1521 zerstört hatte. In der Version aus der Wiener Nationalbibliothek ist der Plan einer lateinischen, ebenfalls in Nürnberg publizierten Ausgabe von Cortés’ Briefen an Karl V. beigebunden und mit Ultramarin koloriert. Damals waren die Menschen von der Aztekenkultur ebenso fasziniert, wie wir es heute sind – und nicht alle begrüßten ihren Untergang. Reiseberichte aus der Neuen Welt erwiesen sich als Bestseller, besonders wenn sie mit fantasievollen Illustrationen versehen waren.

Auch Dürer, der mit seiner Druckgrafik einen florierenden internationalen Handel betrieb, war vom Blick nach Osten fasziniert. Seinen „Osmanischen Reiter“ zeichnete und aquarellierte er, nachdem er in Venedig Gentile Bellinis Skizzen aus Konstantinopel gesehen hatte. Aber der Formentransfer funktionierte auch in die Gegenrichtung: Eine der größten Überraschungen dieser Schau ist ein Elfenbeinkästchen aus Privatbesitz, das um 1550 auf Sri Lanka entstand und von einem dortigen Herrscher dem portugiesischen König geschenkt wurde. Die lokalen Künstler gelangten durch Missionare oder Diplomaten an Dürers Kupferstich eines Dudelsackpfeifers, den sie auf der Deckelschräge recht getreu zwischen ihren traditionellen singhalesischen Motiven zitieren. Dürer auf Sri Lanka – verrückt, aber wahr. All das passt bestens zusammen, denn schon frühzeitig nutzten Künstler globale Netzwerke, um sich die Welt als Wunderkammer zu erschließen.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Nürnberg Global 1300–1600“, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, bis 22. März. Der sehr gute Katalog (Deutscher Kunstverlag) kostet 48 Euro

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