Dürer in Aachen

Glücksspiel mit dem Genie

Aachen würdigt den Besuch von Albrecht Dürer anno 1520 mit einer Ausstellung, die Einblicke in die Werkentwicklung und den Lebensalltags des Renaissancemeisters gewährt

Von Peter Dittmar
14.09.2021
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 189

„Dürer war hier“, weiß das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen. Drei Wochen verbrachte er anlässlich seiner Reise in die Niederlande in der Stadt. An die kurze, aber bedeutungsvolle Visite des berühmten Künstlers wird nun in einer Ausstellung erinnert, die dem Werk gebührenden Respekt erweist, aber auch den eigentlichen Zweck des Aufenthalts nicht vernachlässigt: Albrecht Dürer ging es ums Materielle, um die Verlängerung der jährlichen Leibrente von hundert Gulden, die ihm Kaiser Maximilian zu Lasten Nürnbergs gewährt hatte. Die wollte ihm die Stadt nach des Herrschers Tod 1519 nicht mehr zahlen. Die Rückkehr Karl V. in die Niederlande und seine Krönung in Aachen boten sich deshalb als günstige Gelegenheit an, die kaiserliche Zusage zu erneuern.

Also brach Dürer am 12. Juli 1520 mit seiner Frau Agnes und der Magd Susanna gen Norden auf. Und erst gut ein Jahr später, wohl Ende Juli 1521, kehrte er nach Nürnberg zurück, obwohl ihm sein „Leibgeding“ von Karl V. bereits im November zuvor wieder zugesichert worden war. Zwanzig Tage verbrachte er zur Zeit der Krönung in Aachen – wo er das Badeleben genoss und das Glücksspiel kennenlernte, bei dem er summa summarum 14,5 Stüber und zwei Weißpfennig verlor, wie er im Tagebuch seiner niederländischen Reise vermerkte. Dieses ist zwar nicht im Original, jedoch in zwei Abschriften erhalten geblieben, auf die sich nun die Ausstellung stützt, die das Suermondt-Ludwig-Museum gemeinsam mit der Londoner National Gallery erarbeitet hat.

Albrecht Dürer
Im Jahr 1521 entstand auch sein Gemälde „Der heilige Hieronymus im Studierzimmer“. © Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon/Leonard de Selva/Bridgeman Images

Mit seinen vielen Details in Gulden, Stüber und Weißpfennig ist das Schriftstück mehr Rechnungsbuch als Reisebeschreibung und erlaubt zu rekonstruieren, was der Künstler sah und was er von seinen Grafiken, von denen er ein erhebliches Konvolut als Ware mitgenommen hatte, verkaufte. Und vor allem was er verschenkte, wen er zeichnete, um möglichst angesehene und einflussreiche Fürsprecher bei Hofe zu gewinnen. In Aachen sind zwar nur fünf Gemälde von seiner Hand, jedoch fast hundert Zeichnungen und knapp drei Dutzend Druckgrafiken sowie mehrere Briefe zu sehen. Begleitet werden sie von Gemälden und grafischen Arbeiten von Zeitgenossen wie Nachgeborenen, aus denen sich ablesen lässt, wie Dürers Bildideen – etwa Maria mit Kind in einer Landschaft oder sein figurenreicher Kalvarienberg – aufgenommen wurden und weiterwirkten. Vergleichendes Betrachten von Gemälden von Marinus van Reymerswaele, Jan Massys, Joos van Cleve und den Stichen Lucas van Leydens zeigt, wie Dürers Hieronymus im Gehäuse – ausgehend von seiner Zeichnung eines 93-jährigen Mannes – die Ikone zu einem Memento wandelte. Beschaulichkeit und Belehrung gehen dabei Hand in Hand.

Abgesehen von diesen die Zunft der Kunsthistoriker faszinierenden Erkenntnissen – die sich in dem 680 Seiten dicken Katalog (mit viel unnötigen Wiederholungen) niederschlagen – kann auch der unbefangene Betrachter manch amüsante Entdeckung machen. Seien es die verschiedenen Tierzeichnungen mit den Löwen, Hunden und dem Kopf eines Walrosses (den sich Dürer möglicherweise bei Hans Baldung Grien abgeschaut hat). Seien es die unterschiedlichen Trachten, die er in Antwerpen sah (die aber auch auf Trachtenbücher zurückgehen können). Oder seien es Beiläufigkeiten wie bei seinem Hieronymus, der als Lesezeichen mal einen Stoffstreifen mit dem Dürer-Monogramm, mal diverse Nägel benutzt.

Albrecht Dürer
Irgendwo auf seiner Reise in den Norden sah Dürer 1521 den „Kopf eines Walrosses“. © The British Museum, London/The Trustees of the British Museum

Reizvoll ist es auch zu sehen, wie aus der Randfigur des Geldwechslers in Dürers „Tempelgang Mariens“ bei van Reymerswaele das Tafelbild des „Wertsachverständigen“ wird, wie die Gesten von Adam und Eva aus Dürers Kupferstich von Jan Gossaert im Gemälde, von Conrad Meit bei seinen Statuetten aufgegriffen werden. Nicht zuletzt erweisen sich als hübsches Beiwerk die Bilder aus dem 19. Jahrhundert, die mit historistischem Eifer Szenen aus Dürers Leben – seine Rheinfahrt, die Besichtigung des Genter Altars oder die Begegnung mit Quinten Massys (die nie stattfand) – ausmalen. Das alles ist klug, anschaulich und amüsant. So kann Aachen nach 500 Jahren, weit mehr Tage, als der Maler in der Stadt verweilte, behaupten: Dürer ist hier! 

Service

AUSSTELLUNG

„Dürer war hier“,

Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen,

bis 24. Oktober 2021

suermondt-ludwig-museum.de

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