Skulpturenpark

Das Wunder von Schwante

Der Garten von Schloss Schwante in Brandenburg hat sich in einen Kunstparcours verwandelt, dessen subtile Werke die Betrachter verzaubern und ihre Sinne schärfen. Das ist ein Segen – nicht nur für die Bewohner der kulturarmen Region 

Von Tim Ackermann
28.08.2020

Am frühen Abend hat sich ein Lüftlein in den Schlosspark verirrt. Es ist so zart, dass es kaum einen Grashalm zu Boden drücken vermag. Man spürt es nicht einmal auf der Haut. Aber man sieht es: Denn wie von Geisterhand setzt sich George Rickeys Skulptur „The Squares Vertical Diagonal II“ (1986) in Bewegung. Die drei Edelstahlplatten, die zusammen Dutzende Kilo auf die Waage bringen dürften, drückt der kaum wahrnehmbare Sommerhauch in sanfte aber deutliche Schwingbewegungen.

Frischer Wind in Schwante

Das Geheimnis ist ein Gegengewichtsmechanismus, den der amerikanische Künstler unter dem Rasen versteckt hat, und der jede noch so kleine Windveränderung aufnimmt. So beweist Rickey die Gültigkeit einer alten Wahrheit: Wenn Kunst gut ist, dann kann sie Unsichtbares sichtbar machen. Die Sinne derart geschärft, sind die Betrachter anschließend bereit für die weiteren Wunder des Skulpturenparks Schwante.

Toshihiko Mitsuya,
Toshihiko Mitsuya, "The Aluminum Garden-Structural Study of Plants", 2020. © Toshihiko Mitsuya. Foto: Hanno Plate

Es ist ein Glück, dass die beiden Kunstmenschen Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel sich 2019 in das alte Guthaus im Brandenburger Landkreis Oberhavel verguckten, das aufgrund seiner drei Flügel nicht nur von den Schwantener Dorfbewohnern „Schloss“ genannt wird. Das Ehepaar aus Berlin brachte seine vier Kinder und eine Vision mit, die den Schlosspark in eine Ausstellungsfläche verwandelte.

Tagelang auf dem Rasenmähertraktor

Pate stand unter anderem der Skulpturenpark des Kröller-Müller-Museums in Otterlo, das Daniel Tümpel während seiner Kindheit in den Niederlanden häufiger besuchte. Viel Herzblut haben er und seine Frau in das Projekt gesteckt. Vor der Vernissage im Juni verbrachte Tümpel ganze Tage auf dem Rasenmähertraktor um das Gras zwischen den 23 installierten Skulpturen kleinzukriegen. Damit die Kunst aufs Schönste zur Geltung kommt.

Hans Arp,
Hans Arp, "Architektonische Skulptur", 1958 – gegossen 2012. © Stiftung Arp e.V. Berlin/Rolandswerth / VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Hanno Plate

Gut 20 Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze gibt es nun also einen Skulpturenpark. Das ist keine kleine Nachricht. Denn obwohl es die Kreativen der Hauptstadt seit einigen Jahren regelmäßig ins Umland zieht, hat der Speckgürtel im Kulturbereich immer noch große Löcher. Abseits der Kulturstadt Potsdam sind viele Kommunen klamm und auch private Mäzene rar. Als dauerhaftes Projekt in Brandenburg ist der Skulpturenpark Schwante daher recht allein auf weiter Flur – legt allerdings mit seinen namhaften Künstlern auch gleich die Messlatte ziemlich hoch an. In einer Ecke des Parks kann man in den Edelstahl-und-Glas-Pavillon „Play Pen for Play Pals“ (2018) des amerikanischen Künstlers Dan Graham treten, um durch die gekrümmten und teilweise spielenden Scheiben einen märchenhaft-verzerrten Blick auf die Welt zu werfen.

Gute Werke dank guter Verbindungen

An anderer Stelle bewundert man einfach die eleganten Formen der „Architektonischen Skulptur“ (1958) von Hans Arp: Das Bronzeungetüm hockt wie ein erstarrtes Urzeit-Tier auf dem Rasen, den Kopf permanent zum Himmel gereckt. Um solche Werke für den Park zu bekommen, halfen den neuen Schlossbesitzern auch ihre guten Verbindungen: Als Gründer eines Unternehmens, das Kunstkäufe finanziert, sind Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel mit zahlreichen einflussreichen Galerien und Kunsthändlern bekannt. Zudem haben sie ein Institut für Künstlernachlässe geschaffen, das unter anderem mit dem Nachlass von Hans Arp zusammenarbeitet.

Maria Loboda,
Maria Loboda, "Sculpture in its Private Realm", 2020. © Maria Loboda, courtesy Galerie Thomas Schulte, Berlin. Foto: Hanno Plate

Es entbehrt also nicht eines gewissen Talents zur Selbstironie, dass sie abseits der Bronze des surrealistischen Bildhauers auch ein Werk von Maria Loboda in ihrem Park aufgestellt haben: Die 1979 in Krakau geborene Künstlerin hat mit ihrer „Sculpture in its Private Realm“ (2020) eine auf den ersten Blick fast identische Kopie von Hans Arps Bronze „Ruhendes Blatt“ geschaffen, die allerdings leicht schief steht und gut versteckt ist: Man findet sie inmitten eines Teichs, der von hohen Bäumen umgeben ist.

Ideal der Moderne im Teich versenkt

Blickt man an diesem verwunschenen Ort länger auf Lobodas Werk fallen Merkwürdigkeiten ins Auge: Die Künstlerin hat die Bronzeoberfläche der Skulptur mit künstlichen Flecken überzogen, die wie Kotspuren von Vögeln aussehen. Und so hat es den Anschein, als sei das Erbe der Moderne in einem Teich versenkt und der Natur überlassen worden. Darüber hinaus, so klärt der Ausstellungsführer auf, ist die auf alt getrimmte Skulptur auch eine Anspielung an die künstlichen Ruinen in den englischen Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts.

Tony Cragg,
Tony Cragg, "Elliptical Column", 2012. © Tony Cragg, courtesy Buchmann Galerie Berlin und Sies + Höke, Düsseldorf / VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Hanno Plate

Hintergründig sind die meisten Arbeiten in Schwante, zudem erstaunlich leise und unaufdringlich. Man muss sich auf sie einlassen, dann verfällt man Schritt für Schritt dem Zauber dieses wundersamen Reichs: Auf einer Wiese installiert der Japaner Toshihiko Mitsuya in einem Langzeitprojekt nach und nach Fantasieblumen aus einer dünnen aber wetterfesten Alumiumfolie, die sich im Luftzug wiegen und in der Sonne glitzern.

Tony Cragg zwischen grasenden Pferden

In einem Wäldchen hat der Berliner Künstler Carsten Nicolai mit seiner Stahlplattenkammer „Echo“ (2020) einen künstlichen Resonanzraum geschaffen, in dem der Besucher die Klopfklangeigenschaften seines eigenen Brustkorbs erkunden kann. Ja selbst der Engländer Tony Cragg, an dessen typischen Stapelskulpturen man sich auf unzähligen Kunstmessen längst satt gesehen hatte, wirkt in diesem Setting wieder neu und frisch: Seine silberne Säule „Elliptical Column“ (2012) wurde mitten auf einer Wiese zwischen grasenden Pferden platziert und sieht dadurch aus wie eine Fata Morgana.

Martin Creed,
Martin Creed, "Work No. 1086, EVERYTHING IS GOING TO BE ALRIGHT", 2011. © Martin Creed, Courtesy the artist and Hauser & Wirth / VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Hanno Plate

Verlässt man in der Dämmerung nach ein bis zwei Stunden Rundgang den Skulpturenpark wird man von den tröstenden Worten einer Neonschrift-Installation von Martin Creed verabschiedet, die über einen See hinwegleuchtet: „Everything is going to be alright.“ Übersetzt: „Alles wird gut!“ Kein Zweifel, möchte man antworten: Das war es doch schon.

Service

Ausstellung

„Skulptur & Natur“, Skulpturenpark Schwante, bis 31. Oktober, Fr.–So. 11–18 Uhr, Eintritt 12 Euro (für Schwantener und Einwohner der Gemeinde Oberkrämer frei)