20.03.2020 Alexander Kunkel

Bildschirm wird Schaufenster

Galerien und Kunsthandlungen haben geschlossen – aber wir öffnen ein digitales Schaufenster. Hier erklärt der Münchner Kunsthistoriker und -händler Alexander Kunkel, wer die verführerische Tänzerin ist, die Walter Schnackenburg im Jahr 1912 aquarellierte

Carmen Tórtola Valencia (1882 Sevilla – 1955 Barcelona) wächst als Kind spanischer Eltern ab ihrem dritten Lebensjahr in London auf. Maßgeblich inspiriert wird die junge Tänzerin, die sich auch als Choreographin und Kostümentwerferin betätigt, vom modernen Ausdruckstanz Isadora Duncans. 1908 gibt Valencia ihr Debüt in London. Noch im selben Jahr tritt sie im Berliner Wintergarten sowie in den Pariser Folies Bergère auf, die zu den bekanntesten Bühnenhäusern Europas zählen. Es folgen Auftritte in ganz Europa sowie den USA und Südamerika.

Walter Schnackenberg: Tänzerin, Foto: Kunkel Fine Art
Walter Schnackenberg: Tänzerin, Foto: Kunkel Fine Art

Im Jahr 1912 steht Valencia auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Am 28. Mai tanzt sie im Théâtre du Vaudeville Paris in der Pantomime Sumurûn (F. Freksa, V. Hollaender, M. Reinhardt) in der Rolle einer Danseuse Hindoue in wohl eigener Choreographie (Kostüme Ernst Stern). Dieses Stück wurde auch später noch mit großem Erfolg in London aufgeführt. Ab Juni wirkt Valencia dann in dem Ausstattungsstück Kismet. Ein Traum aus 1001 Nacht (J.G.Mraczek, G. Charlé) im Münchener Künstler-Theater als Indische Schlangentänzerin mit (im November 1912 wird es als Gastspiel des Münchener Künstler-Theaters im Berliner Theater am Nollendorfplatz wiederholt). Am 21. Juni 1912 kann zudem eine Sondervorstellung Valencias als Tänzerin mit eigenem Pro- gramm im Künstler-Theater nachgewiesen werden, die von den Münchner Neuesten Nachricht positiv rezensiert wurde.

Auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass Schnackenberg Valencia in Paris in der Rolle einer hinduistischen Tänzerin auf der Bühne gesehen hat, erscheint es wahrscheinlicher, dass er sie bei einem Besuch des Münchner Künstler-Theaters als indische Schlangentänzerin bewundert hat. Typisch für die extravagante Tänzerin ist das exotisch-erotische Kostüm sowie die Tatsache, dass sie barfuß auftritt. Ihre getreckte Körperhaltung und expressive Mimik lassen die Faszination erahnen, die sie auf die Zeitgenossen ausgeübt haben muss.

Nach Beendigung ihrer Bühnenkarriere lässt sich Valencia in Spanien nieder. Aufgrund ihrer kommunistischen Gesinnung wird sie, die seit 1928 in einer offenen lesbischen Beziehung lebt und zu einer lebenden Legende avanciert, gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs zu Gefängnishaft verurteilt. In ihren letzten Lebensjahren wendet sich Valencia der Malerei zu.

Service

Werkdaten

Walter Schnackenberg (1880 Bad Lauterberg – 1961 Rosenheim): Die Tänzerin Carmen Tórtola Valencia, 1912
Aquarell und Tusche über Bleistift auf bräunlichem Karton
74 x 46,5 cm

Links unten signiert und datiert: „Schnackenberg 12“

Preis: 15.000 Euro