29.05.2019 Radek Krolczyk

Anleitung zum Abregen

 In diesem Jahr wäre er 70 Jahre alt geworden: Fast zeitgleich erinnern Ausstellungen in Bremerhaven und Worpswede an den Maler Norbert Schwontkowski

Die Ödnis der Provinz steht nicht unbedingt im Gegensatz zur Entwicklung eines großen Werks. Nein, gerade die Provinz kann eine Idealbedingung für künstlerische Arbeit sein: eine stabile Szene und deren Kritik, ein treuer Kreis an Käufern, die Langeweile des Ateliers und niemand zum Networking. Nehmen wir den Maler Norbert Schwontkowski, dem der Kunstverein Bremerhaven derzeit zu seinem 70. Geburtstag eine schöne, unaufgeregte Ausstellung widmet. Schwontkowski wurde bekannt für seine reduzierten, melancholischen Szenen, die von einer Art der Einsamkeit handeln, wie man sie womöglich nur in provinzieller Ödnis erfahren kann. Auf seinen Bildern sieht man immer wieder einsame Figuren am Meer, Schiffsmasten, Kirchturmspitzen oder Straßenlaternen im Nebel. 

Norbert Schwontkowski, „Frische Wäsche“, 1993, Bild: Tobias Hübel, Kunstverein Bremerhaven
Norbert Schwontkowski, „Frische Wäsche“, 1993, Bild: Tobias Hübel, Kunstverein Bremerhaven

Im Juni 2013 starb der Maler 64-jährig in seiner Geburtsstadt Bremen. Erst spät in seinem Leben war ihm der verdiente Erfolg zuteil geworden. Auch das wird der Randlage geschuldet sein, in der zu bleiben er sich entschieden hatte. 2004 zeigte die Bremer Kunsthalle eine große Ausstellung. 2005 bekam er eine Professur für Malerei an der Hamburger Kunsthochschule. Wichtige Galerien wie Contemporary Fine Arts (CFA) aus Berlin und Mitchell, Innes & Nash aus New York entdeckten den Maler und nahmen ihn in ihr Programm auf.

Bremerhaven sammelte Schwontkowski 

Seine erste institutionelle Einzelausstellung allerdings hatte Schwontkowski 1993 im Kunstverein Bremerhaven. Die aktuelle Schau dort versammelt Werke aus Bremerhavener Privatsammlungen. Zu sehen sind vor allem Arbeiten aus den 90er-Jahren, Werke also, die auf einem sehr direkten Weg über sein Atelier oder seine Bremer Galeristin zu ihren Käufern fanden. Es sind wenig bekannte Bilder, die weder auf Messen noch in den großen Katalogen von CFA zu sehen waren. Von 2004 ist das Bild „Das Wäschestück, auf dem vor dick aufgetragenem, ockerfarbenem Hintergrund ein Paar ein Stück Stoff auswringt. „Anleitung für die junge Generation schnell durch ein Bild zu kommen“ hat Schwontkowski dagegen 1993 gemalt. 

Norbert Schwontkowski, „Anleitung für die junge Generation schnell durch ein Bild zu kommen“, 1993, Bild: Tobias Hübel, Kunstverein Bremerhaven
Norbert Schwontkowski, „Anleitung für die junge Generation schnell durch ein Bild zu kommen“, 1993, Bild: Tobias Hübel, Kunstverein Bremerhaven

Der Titel bezieht sich auf Raoul Vaneigems revolutionäre Kampfschrift „Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen“. Solche literarischen Anspielungen findet man oft bei Schwontkowski. Das Bild zeigt eine kaum erkennbare, orange Strichfigur, die vor einem braunen Hintergrund von Stein zu Stein springt.

Eine prozesshafte Maltechnik

Die Hintergründe der Bilder erinnern an alte Klostermauern, an denen Fresken mehrerer Jahrhunderte und verschiedene Anstriche einander überdecken und hier und da aufbrechen, um den Blick auf die Geschichte zu eröffnen. Diese Bildhintergründe sind Ergebnis zeit- und arbeitsintensiver Prozesse. Schwontkowski trug die Farbe in dicken Schichten auf und verwendete gelegentlich Eisenoxyde, damit sich der Farbton mit der Zeit änderte. Wenn die Arbeit an einem solchen Untergrund abgeschlossen war, krakelte er eine seiner seltsamen Figuren darauf.

Ausstellungen zeigen enge Verbindung zur Region

Schwontkowski blieb der Bremer Kunstszene über den Erfolg hinaus treu. „Das, was ich hier in Bremen mache, und das ganze Theater da draußen muss ich auseinanderhalten“, erklärte er ein Jahr vor seinem Tod. Sein Atelier hatte er in der Neustädter Häschengasse. Während der Eröffnung in Bremerhaven zeigten Künstlerfreunde einen Film, der den Abriss des Atelierhauses dokumentiert. Heute steht dort ein Wohnhaus. Schwontkowski stellte nach seinem Durchbruch weiterhin bei seiner Bremer Galeristin Brigitte Seinsoth aus, die ihn seit den frühen 80er-Jahren unterstützt hatte. Die umfangreiche Sammlung, die sie gemeinsam mit ihrem Mann über die Zeit zusammengetragen hatte, wurde jüngst in einem Werkkatalog aufbereitet. Ab dem 30. Juni ist sie zudem im Barkenhof im benachbarten Worpswede zu sehen. Die Sammlung geht danach als Dauerleihgabe in den Bestand der Weserburg in Bremen über. Das Kunstmuseum Bonn schließlich zeigt im Oktober eine weitere große Einzelschau des malenden Melancholikers.

Service

Ausstellung

„Norbert Schwontkowski“

Kunstverein Bremerhaven
bis 16. Juni

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 158/2019