05.07.2019 Gloria Ehret

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Anfang des 17. Jahrhunderts lockte Caravaggios Malerei junge Künstler aus ganz Europa nach Rom. Wie seine urtümlichen Charaktere und seine neue Lichtregie die nächste Generation beeinflussten, ist in der Alten Pinakothek in München zu erleben

Ein Furor durchpulste die Kunstwelt: Caravaggios brutal realistische Schilderungen biblischer und weltlicher Szenen schreckten in Rom und ganz Europa Auftraggeber, Gläubige und Betrachter auf. Scharenweise strömten junge, gut ausgebildete Maler aus Nah und Fern in das damalige kulturelle Zentrum, nach Rom: Die Stadt war die große Bühne für die ebenso bejubelten wie umstrittenen Bilder des Umstürzlers.

Caravaggios Karriere  

Im Jahr 1571 in Mailand geboren, verließ Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio, nach seiner Lehrzeit bei Simone Peterzano irgendwann seine Vaterstadt in Richtung Rom. Nach prekären Anfängen nahm ihn Mitte der 1590er-Jahre Kardinal Francesco Maria del Monte in seinen Haushalt in den Palazzo Madama auf. Über del Monte kam Caravaggio an seinen wichtigsten Förderer und Mäzen: Vincenzo Giustiniani. 1599 erhielt Caravaggio mit der Ausführung der Altarbilder für die Contarelli-Kapelle in der Kirche San Luigi dei Francesi seinen ersten öffentlichen Auftrag. Sie fanden ein sensationelles Echo und generierten weitere Aufträge von den bedeutendsten römischen Familien wie den Barberini oder Borghese.

Caravaggio, „Grablegung Christi“, 1602/03, Abb.: Vatikanstadt, Musei Vaticani, Pinacoteca Vaticana
Caravaggio, „Grablegung Christi“, 1602/03, Abb.: Vatikanstadt, Musei Vaticani, Pinacoteca Vaticana

Nachdem der Hitzkopf und Nonkonformist 1606 im Streit einen Kollegen tötete, floh er nach Neapel, zog weiter nach Malta, musste jedoch wegen eines weiteren Konflikts abermals fliehen, war anschließend auf Sizilien und wieder in Neapel. Auf der Rückreise nach Rom starb Caravaggio im Juli 1610 in Porto Ercole. Trotz seiner kurzen Schaffenszeit wurde er für viele Maler, die teils nur seinetwegen an den Tiber gekommen waren, stilbildend. Denn niemals zuvor wurden Menschheitsprobleme wie Gewalt, Macht oder Betrug so naturalistisch wie von Caravaggio in Rom visualisiert. Anfang des 17. Jahrhunderts, während der Hochblüte des Caravaggismus, waren rund 2700 Künstler in Rom registriert, darunter 572 Ausländer. Oft lebten sie vorübergehend in gemeinsamen Unterkünften. Kein Wunder, dass wir denselben Modellen und Requisiten bei verschiedenen Künstlern begegnen können.

Caravaggio prägt eine Generation von Künstlern

Anhand von über 75 Gemälden von siebzehn Malern zeigt jetzt die Alte Pinakothek in München, wie die Caravaggisten die verblüffenden malerischen Neuerungen mit drastischen Sujets und eindringlicher Licht- und Hell-Dunkel-Regie in ganz Europa verbreitet haben. Drei Werke von Caravaggio selbst sind bis zum Ende der Ausstellung zu bewundern, während seine „Grablegung“ nur am Anfang dabei war.

Dirck van Baburen, „Grablegung Christi“, 1617/18, Foto: Ernst Moritz, Cantraal Museum, Utrecht
Dirck van Baburen, „Grablegung Christi“, 1617/18, Foto: Ernst Moritz, Cantraal Museum, Utrecht

Einen Schwerpunkt bilden die drei Utrechter Maler Hendrick ter Brugghen (1588–1629), Gerard van Honthorst (1592–1656) und Dirck van Baburen (um 1592/93–1624). Denn die Schau wurde gemeinsam mit dem Centraal Museum Utrecht erarbeitet und hatte dort ihre erste Station. Zu den Utrechtern gesellen sich die Italiener Orazio Borgianni, Orazio Gentileschi, Bartolomeo Manfredi, Giovanni Serodine oder die Franzosen Nicolas Tournier, Valentin de Boulogne und Simon Vouet sowie Nicolas Régnier oder der Spanier Jusepe de Ribera. Sie alle haben die „wunderlichen Dinge“, wie Karel van Mander Caravaggios Kunst in seinem „Schilder-Boeck“ 1604 genannt hat, unterschiedlich interpretiert. 

Vorbildhafte Bilderfindungen

Wie unterschiedlich, das lässt sich bei einem Rundgang durch die in dunklem Aubergine gehaltenen Säle besonders gut vergleichen: Die Werke sind nach Themen wie „Helden“, „Heilige“ und „Sünder“ geordnet. Caravaggios Gemälde mit dem jugendlichen David, der das abgeschlagene Haupt des Riesen Goliath am Schopf dem Betrachter entgegenhält, konnte die Galleria Borghese leider nicht verlassen. Vouet und Ribera haben sich kompositionell eng an das Vorbild angelehnt. Valentin de Boulogne hat die Darstellung um zwei flankierende Soldaten erweitert: Der Jüngling beugt sich sinnierend über das blutende Riesenhaupt im Vordergrund, das er mit einem Arm umfangen hält. 

Valentin de Boulogne, „David mit dem Kopf des Goliath und zwei Soldaten“, 1620/22, Leinwand, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid
Valentin de Boulogne, „David mit dem Kopf des Goliath und zwei Soldaten“, 1620/22, Leinwand, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

Gentileschi und Borgianni hingegen schildern wildbewegt und dramatisch die Tötung. So blutrünstig die Geschichte von „Judith und dem Haupt des Holofernes“ ist – vor allem die Franzosen Boulogne und Vouet huldigen der Schönheit der Heldin und schwelgen in ihrem Schmuck und seidenem Gewand.

Aus Heiligen werden Menschen aus Fleisch und Blut

Ein seinerzeit beliebtes Sujet war der heilige Sebastian, dessen wohlgestalter, nur mit einem Lendentuch umhüllter und von Pfeilen durchbohrter jugendlicher Akt sich etwa bei Honthorst und Régnier vom dunklen Grund abhebt. Hendrick ter Brugghen taucht den von Irene gepflegten Heiligen in eine kompositorisch stringente, dabei anrührende, Mitleid erregende Szene mit Landschaftsausblick in weiches, goldenes Licht. Breiten Raum nehmen halbnackte alte Heilige als Einzelfiguren, paarweise etwa bei der „Befreiung Petri“, oder zu mehreren bei dessen „Verleugnung“ ein.

Hendrick ter Brugghen, „Die Befreiung Petri“, 1629, Öl auf Leinwand, Staatliches Museum Schwerin, Foto: © bpk / Staatliches Museum Schwerin / Gabriele Bröcker
Hendrick ter Brugghen, „Die Befreiung Petri“, 1629, Öl auf Leinwand, Staatliches Museum Schwerin, Foto: © bpk / Staatliches Museum Schwerin / Gabriele Bröcker

Die Caravaggisten übertreffen sich in der Wiedergabe von Greisen mit bleicher, oft runzeliger Haut und schmutzigen Füßen. Denn speziell damit hatte Caravaggio die Heiligen erstmals aus den himmlischen Sphären ins Hier und Jetzt geholt und nicht zuletzt damit die Gläubigen schockiert. Dornenkrönung und Verspottung Christi boten den Caravaggisten Anlass, rohe Gewalt ins grelle Licht zu setzen und Soldaten und Schergen mit bis zur Grimasse verzerrter Mimik als Peiniger zu entlarven. Den Zeitgenossen waren solche Typen sicher nicht nur aus den Gassen Roms vertraut.

Sakrale wie weltliche Szenen in dramatischem Licht

1603 hat Caravaggio die monumentale „Grablegung Christi“ (Pinacoteca Vaticana) gemalt, die vielen als sein bestes Werk gilt. Der Künstler zieht den Betrachter durch direkten Blickkontakt des Nikodemus ins Geschehen ein, der den muskulösen, in helles Licht getauchten Leichnam des Herrn unter den Knien umfasst hält. Caravaggio wahrt trotz krasser Realistik die Würde des Heilsgeschehens. Bei seinen Nachfolgern gleitet eine übertriebene Drastik solcher Szenen gelegentlich ins Burleske ab. Ganz anders wiederum Giovanni Serodine: Sein „Christus unter den Schriftgelehrten“ von 1624/26 aus dem Louvre weist im ganzen Duktus bereits auf Rembrandt voraus.

Caravaggio, „Wahrsagerin
Caravaggio, „Wahrsagerin", 1596/97, Foto: Scala/bpk

Neben den gewalttätigen, teils blutrünstigen sakralen Geschehnissen kommen weltliche nicht zu kurz. Sie schildern Gesellschaften mit Konzerten und Musikanten, fröhlichen und durchtriebenen Spielern, liederlichen Kupplerinnen und sittsamen Jungfern oder verderbten Wahrsagerinnen. Wieder betört Caravaggio selbst mit seiner farblich in milden, weichen Tönen gehaltenen und szenisch verhaltenen „Wahrsagerin“ (um 1596/97, Pinacoteca Capitolina). Der scheinbar vertrauensvolle Kontakt zwischen den beiden jungen Leuten wird bei genauer Betrachtung jedoch konterkariert: Denn während die sittsam wirkende junge Frau die Hand des eleganten Jünglings hält, um ihm die Zukunft vorherzusagen, streift sie ihm gleichzeitig den Ring vom Finger.

Utrecht als Hotspot der Caravaggisten

Gregor XV. favorisierte während seines Pontifikats (1621–1623) die Kunst seiner Bologneser Landsleute. So kehrten die drei Utrechter in ihre Heimatstadt zurück. Als sinnlich-erotisierte Szene malte Honthorst 1625 „Die Kupplerin“. Dabei richtet sich nicht nur der Blick des eleganten Mannes mit Federbarett, sondern auch der des Beschauers auf das porzellanhafte, vom Kerzenlicht ins rechte Licht gerückte vollbusige Dekolleté der hübschen Jungfer im blauen Mieder. Caravaggios „Lautenspieler“ von 1594/95 (Eremitage, St. Petersburg) stand wohl Pate für Dirck van Baburens und ter Brugghens in Utrecht gefragte Musikanten-Bilder. Einzeln, als Bruststück oder Halbfigur spielen halbnackte oder modisch gekleidete junge Männer mit Federhut Flöte oder Laute oder eine Maultrommel.

Gerard van Honthorst, „Die Kupplerin“, 1625, Foto: Tom Haartsen/Central Museum, Utrecht
Gerard van Honthorst, „Die Kupplerin“, 1625, Foto: Tom Haartsen/Central Museum, Utrecht

Auch die religiösen Sujets wirken in den späten 1620er-Jahren in einem milderen, das Caravaggeske hinter sich lassenden Licht. Eigentlich ist es ein dramatischer Akt, wenn Esau seinem Zwillingsbruder Jakob das Erstgeburtsrecht verkauft. Kompositionell scheinen die drei Figuren der Brüder mit deren Mutter Rebekka bei ter Brugghen die Bildränder zu sprengen. Ihre Gesichter sind im Profil um eine Kerze einander mit lebhaften Gesten und Blicken zugewandt. Doch die expressive Interaktion und die Tragik des Geschehens werden in den ausgewogenen Farbklängen gedämpft. Selten erschien die Härte des Lebens in so harmonischer Malerei.

Service

Ausstellung

„Utrecht, Caravaggio und Europa“

bis 21. Juli
Alten Pinakothek, München

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 158/2019