Ausstellungen

Der Drang nach draußen

In München zeigt das Lenbachhaus, wie Malerei und Fotografie im 19. Jahrhundert die Natur zelebrierten

Von Roberta De Righi
26.07.2019

Als der französische Fotograf Adolphe Braun um 1862 den Aletsch-Gletscher im Schweizer Wallis aufnahm, war dieser ein übermächtig wirkender Eisstrom. Zwischen 1850 und 2010 schwand dessen Fläche, so ergaben es die Messungen, um rund 20 Quadratkilometer – ein deutlich sichtbares Indiz der globalen Erderwärmung. Brauns dokumentarische Schwarz-Weiß-Aufnahme ist aktuell im Rahmen der Ausstellung „Natur als Kunst“ im Münchner Lenbachhaus zu sehen.

Ein höchst aktuelles Thema

2013 hat die Christoph-Heilmann-Stiftung dem Haus 100 Gemälde überlassen, seither besteht eine enge Zusammenarbeit. Ulrich Pohlmann, Direktor der Foto-Sammlung im Stadtmuseum, der die Schau mitkuratierte, machte bei der Pressekonferenz deutlich, dass Kunst und Fotografie hier nicht nur schöne Bilder, sondern auch die Gefährdung der Natur zeigen – und einen Status quo festhalten, der längst ausgelöscht ist. Was auch für den Wald von Fontainebleau bei Paris gilt, an dessen Rand sich um 1830 die Mitglieder der „Schule von Barbizon“ zurückzogen, um die Ursprünglichkeit der Gegend zu studieren. Das Ergebnis war naturnahe, detailreiche Pleinair-Malerei, geschaffen im handlichen Kleinformat, das man mitsamt Palette und Staffelei durch die Gegend schleppen konnte.

Die Präsentation macht auch anschaulich, wie sich mit Erfindung der Fotografie um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Bedeutung der Malerei grundlegend wandelte: Die Wirklichkeit abbilden konnten die Fotografen jetzt besser. Die Maler mussten ihr Alleinstellungsmerkmal somit neu bestimmen – und fanden es in Atmosphäre, Licht und vor allem Farbe. Am Puls dieser Entwicklung „hin zum modernen Bild“ liegen – wie Kuratorin Claudia Denk verdeutlichte – die Landschaftsgemälde der Heilmann-Stiftung. Und was in Barbizon zunächst ein lokales Phänomen war, entwickelte sich in Berlin, Dresden und München, später auch in den USA quasi zum globalen Kunstprinzip.

Von den Barbizon-Malern Corot, Daubigny & Co. sind in „Natur als Kunst“ einige Beispiele der Paysage intime zu sehen, die das eher Unscheinbare festhalten. Umso eindrücklicher, dass auch Johann Georg Dillis’ undatierte Ölskizze „Modernder Baumstumpf mit Jagdhund“ den Blick innovativ auf ein beiläufiges Detail der Landschaft lenkt. Rousseau indes zeigt den „Wald bei Sonnenuntergang im Winter“ einmal im schwindenden Licht derart dunkel dräuend, dass er fast symbolistisch wirkt. Und Díaz de la Peña vermochte es in seinem Werk „Heide“, mit aufsteigenden Cumuluswolken über dem hohen Horizont nur durch die genaue Beobachtung von Licht und Himmel eine hohe Bilddramatik zu erzeugen. Constant Alexandre Famins Fotografien aus Fontainebleau – von Steinbrocken, knorrigem Bewuchs und Bäumen – bieten dann einen faszinierenden Abgleich mit der Realität. Fast kurios in der Schlichtheit der Motive sind hingegen die Aufnahmen von Georg Maria Eckert, die 1966 / 68 rund um das Heidelberger Schloss entstanden: Gestrüpp, kahles Geäst, Felspartien und Laub auf Waldwegen im fahlen Licht – weniger Augenreiz geht kaum. 

Wolken, Wasser, steile Küsten

Die Wolken-Beobachtung wurde ebenfalls Sujet der Malerei, ob in Johan Christian Dahls „Wolkenstudie aus dem Atelierfenster“ oder Christian Morgensterns „Aufziehendes Gewitter in den Alpen“. Die Fotografie diente dabei zugleich als Medium für empirische Wissenschaft – wenn auch nicht unbedingt die Wolken über Paris eines anonymen Fotografen oder Carl Teufels Aufnahmen vom bayerischen Himmel.

Der Lichtbildner Gustave Le Gray wiederum widmete sich dem Element des Wassers, dessen Bewegtheit festzuhalten aufgrund der damals noch langen Belichtungszeiten nicht einfach war. Dessen Meeresbilder hatte wohl auch Courbet studiert, ehe er Seestücke wie „Schwarze Felsen von Trouville“ malte: Steine am Strand vor einer aufziehenden Wolkenfront. Und für Eugène Isabey bot das kaum erkennbare Sujet „Die Schmuggler“ vor allem Anlass, eine spektakuläre Felsküste mit Ruine bei Gewittersturm zu malen.

Magie des Südens

Wegen der hohen Lichtempfindlichkeit können die historischen Fotografien nicht direkt der Malerei gegenübergestellt werden. Sie werden in zwei eigenen Räumen gezeigt, einige gar zusätzlich durch einen Vorhang geschützt. Man muss sich also ein wenig anstrengen, um sie mit den Gemälden vor dem geistigen Auge zu vergleichen. Man kann sich in „Natur als Kunst“ aber auch einfach an der „Magie des Südens“ erfreuen – mit Klassikern der Landschaftsmalerei wie Carl Rottmann oder Johann Wilhelm Schirmer. Nicht zuletzt aber auch anhand der zehn Neuerwerbungen der Christoph-Heilmann-Stiftung, darunter Meisterwerke von Franz Ludwig Catel, Théodore Rousseau oder dem schwedischen Landschaftsmaler Gustaf Wilhelm Palm.

Service

Ausstellung

„Natur als Kunst“

Lenbachhaus, München
bis 18. August

www.lenbachhaus.de

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 12/2019

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