27.05.2019 Lisa Zeitz

Die Ausgestoßenen

In Ingelheim werden zu Unrecht vergessene Künstler der Moderne wiederentdeckt

Wie vielen Talenten hat das Schicksal einen Strich durch die Rechnung gemacht! Das Terrorregime der Nationalsozialisten hat ihre Leben oder zumindest ihre Karrieren zerstört, ihre Kunst verboten, ihr Andenken vergraben, im Krieg gingen Ateliers und ganze Lebenswerke in Flammen auf. Elf ganz unterschiedliche Künstler und Künstlerinnen sind derzeit in Ingelheim wiederzuentdecken. Man kann nicht anders, als sich bei jedem einzelnen zu fragen: „Was wäre gewesen, wenn … ?“

Elfriede Lohse-Wächtler, „Schmerzhaft Ruhende“, 1929, Pastell, 25 x 24 cm. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Bild: Hamburger Kunsthalle
Elfriede Lohse-Wächtler, „Schmerzhaft Ruhende“, 1929, Pastell, 25 x 24 cm. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, Bild: Hamburger Kunsthalle

Der älteste von ihnen ist Helmar Lerski, 1871 als Sohn polnischer Immigranten in Straßburg geboren, ein Fotograf und Filmemacher mit eindringlichen Werken. Der jüngste ist der Berliner T. Lux Feininger, Jahrgang 1910, in dessen maritimen Motiven die Malerei des berühmten Vaters anklingt und doch verwandelt ist. Die Hamburgerin Anita Rée, deren melancholischer Stil die Neue Sachlichkeit bereichert, nahm sich 1933 das Leben; die sozialkritische Dresdnerin Elfriede Lohse-Wächtler wurde 1940 in einer Euthanasie-Anstalt ermordet.

T. Lux Feininger, „Skippers’s Daughter“, 1933, Öl auf Leinwand, 45,8 x 64,7 cm Privatsammlung, Bild: Privatsammlung
T. Lux Feininger, „Skippers’s Daughter“, 1933, Öl auf Leinwand, 45,8 x 64,7 cm Privatsammlung, Bild: Privatsammlung

Großartige Werke aus der Vergessenheit holen

Doch die Ausstellung will ihre Kunst feiern – und so soll unsere Beschäftigung nicht ihrem traurigen Ende, sondern ihren Leistungen gelten. Großartig sind zum Beispiel die barocken Großstadtbilder von Paul Kleinschmidt: Sie wirken, als hätte er Schlagsahne mit in die Ölfarbe gemischt, und das nicht nur, wenn er 1933 drei herrlich gelangweilte „Frauen an der Kuchenbar“ malt. In ihrer körperlichen Fülle sprengen sie fast das Format der Leinwand. Seine Skyline von Manhattan aus dem Jahr 1934 sieht aus wie eine mehrstöckige Hochzeitstorte.

Paul Kleinschmidt, „Drei Frauen an der Kuchenbar“, 1933, Öl auf Leinwand, 166 x 116 cm, Privatbesitz, Foto: Paul Kleinschmidt Gesellschaft e. V., Ulm
Paul Kleinschmidt, „Drei Frauen an der Kuchenbar“, 1933, Öl auf Leinwand, 166 x 116 cm, Privatbesitz, Foto: Paul Kleinschmidt Gesellschaft e. V., Ulm

Wie elegant und zurückhaltend sind dagegen Moissey Kogans zarte, schlanke Terrakottafiguren. Zuerst schnitt er die Negativform in Gips, um anschließend den Ton hineinzupressen. Auch seine Kunst ist eine kaum bekannte Facette der Moderne und die Ausstellung im Rahmen der Internationalen Tage in Ingelheim daher heute umso bedeutender.

Anita Rée, „Bertha im ‚Herz-Jesu-Rahmen‘“, um 1927, Bild: Privatsammlung
Anita Rée, „Bertha im ‚Herz-Jesu-Rahmen‘“, um 1927, Bild: Privatsammlung

Service

Ausstellung

„Vergessene Moderne. Kunst in Deutschland zwischen den Weltkriegen“

Kunstforum Ingelheim, Altes Rathaus
bis 23. Juni

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 158/2019