12.03.2018 Tim Ackermann

Christa Dichgans: Die Leinwand ist eine Spielwiese

Lange musste sie auf diese Ausstellung warten: Erstmals seit über 30 Jahren wird die Berliner Künstlerin Christa Dichgans in einer Soloschau gewürdigt. Die Kestnergesellschaft in Hannover zeigt ihre Pop-Kunst noch bis 8. April 2018

Diese Ausstellung kommt sehr spät. Die Berlinerin Christa Dichgans, Jahrgang 1940, schließt sich der Reihe von Künstlerinnen wie Louise Bourgeois oder Maria Lassnig an, die erst mit über 60 Jahren für ihre Errungenschaften gefeiert wurden, während sie einen großen Teil ihres Lebens vergeblich auf Anerkennung und Ausstellungschancen hoffen mussten. Auch Dichgans wurde nach 2010 zunächst nur in Gruppenschauen wie „Power Up. Female Pop Art“ oder „German Pop“ wiederentdeckt. Nun zeigt mit der Überblicksschau in der Kestnergesellschaft Hannover eine renommierte Kunstinstitution die ganze Bandbreite ihres Schaffens. Erstmals seit über 30 Jahren in Deutschland.

Und grandiose Malerei gibt es zu sehen: Der Comic-Hase Bugs Bunny mit Knabbermöhre in der Hand bettet sich als Stofftier auf ein umgekipptes rotes Schaukelpferd, auf ein blaues Telefon und einen grünen Eimer mit Bauklötzen. Alles dicht ohne räumliche Tiefe am unteren Bildrand zusammengehäuft, sodass das Sammelsurium fast nach vorn aus der Leinwand purzelt. Und in den zwei Dritteln darüber – Leere. Ein vollkommener weißer Hintergrund ruft Melancholie ebenso hervor wie die Hoffnung auf eine spielerische Wiederbelebung der Materie. Verblüffend, wie originell Dichgans in ihren „Spielzeugstillleben“ des Jahres 1967 die Raumkonstruktion der Stillleben Cézannes mit der Pop-Art kurzzuschließen scheint.

Die Malerin lebt damals als DAAD-Stipendiatin in New York. Dort sieht sie den Siegeszug der Pop-Künstler mit eigenen Augen. Schnell adaptiert sie die Ästhetik für ihre Zwecke. Malt sie in den ersten Spielzeughaufenbildern die Gegenstände noch flächig und mit relativ rauen Konturen, greift sie ab 1968 zum feineren Pinsel, um den Dingen Glätte, Perfektion und Körperlichkeit zu verleihen. Ein Bild wie „Flipper“ (1969) zeugt in seinen sanften Farbabstufungen von der Lust an malerischer Meisterschaft. Ihre Werke wirken nun weniger spontan und persönlich, stattdessen künstlicher, zeichenhafter – die Pop-Philosophie auf die Spitze treibend.

Christa Dichgans, Stillleben mit Frosch, 1969, Copyright: Christa Dichgans, Foto: Jochen Littkemann

Ein paar Jahre später dann finden sich unter den bunten Oberflächen Geschichten mit Aussage und Haltung. In der „Schicksalsgemeinschaft“ (1974) sind ausrangierte Teddybären zum Knäuel verbunden, und im Haufen zerknitterter „Hemden“ (1974) mag man nicht nur eine poppige Übung am korrekten Faltenwurf erkennen, sondern auch einen lakonischen Kommentar zur Rollenverteilung im Haushalt. „Himmel und Hölle“ (1977) schließlich ist ein All-over aus herabstürzenden Büchern, Bazookas, Brillen, Panzern, Zollstöcken und Hundertmarkscheinen vor düsterem Hintergrund. Die Siebzigerjahre sind ihre stärkste Phase, die Achtziger und Neunziger bestimmt eher ein künstlerisches Suchen.

Ihre alte Lässigkeit gewinnt Dichgans nach 2000 zurück: „Geld in Bewegung (5)“ (2011) zeigt 50-Euro-Scheine, gefaltet zum Papierflieger-Geschwader. Sie steigen in Formation in die Luft auf. Eine federleichte Spitze gegen den Kapitalismus.

Service

Ausstellung

Christa Dichgans. Kein Stillleben,
Kestnergesellschaft, Hannover, bis 8. April

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 140 / 2018