Flämische Meister bei Plückbaum

Moralische Botschaften

Das Bonner Auktionshaus Plückbaum versteigert flämische Altmeistergemälde, in die man sich geduldig einsehen sollte

Von Angelika Storm-Rusche
18.02.2021
/ Erschienen in Kunst und Auktionen Nr. 2

Ganz leicht wird es Jan Brueghel der Jüngere (1601–1678), auch als Jan II bekannt, anfangs nicht gehabt haben. Zwar hatte er mit dem großen Namen auch das in der Familie weit verbreitete Talent geerbt, aber eben auch die damit verbundene Last hoher Erwartungen. Sein Großvater Pieter Brueghel I, Begründer des Ruhms, ist als „Bauern-Brueghel“, sein Vater Jan I als „Blumen-Brueghel“ in die Kunstgeschichte eingegangen. Beider Themenspektrum war allerdings deutlich weiter. Auch Jan II lernte, wie es damals gängig war, sein Handwerk in der Werkstatt des Vaters. Nach dessen Tod konnte er sich an seinen unvollendeten Werken weiter bilden; aber er suchte sich zu emanzipieren, um dann als Maler vor allem szenischer Allegorien eigenständig hervorzutreten.

Ein solches Tafelbild, die „Allegorie der Zwietracht“, führt im Bonner Auktionshaus Plückbaum die Versteigerung der Altmeister-Gemälde mit einem Startpreis von 20.000 Euro an. In diese Allegorie sollte man sich geduldig einsehen, denn ihr Sinn erschließt sich nicht auf den ersten Blick, wie es etwa bei einer figürlichen Allegorie gelingt. Die ins Bild gesetzten Szenen und Requisiten könnten sich ebenso zu einer Allegorie des Kriegs verbinden, die es übrigens auch im Œuvre des jüngeren Jan Brueghel gibt und sehr ähnlich aufgebaut ist (der glänzende Helm etwa liegt an der gleichen Stelle).

Brueghel „Allegorie der Zwietracht“ Plückbaum Auktion
Die „Allegorie der Zwietracht“ (Öl/Holz, 58x89cm) von Jan Brueghel d.J. (1601–1678) und Frans Wouters (1612–1659) ist mit einem Startpreis von 20.000 Euro das Toplos bei Plückbaum. © Plückbaum, Bonn

Auf der linken Seite des aktuellen Bilds häufen sich abgelegte Standarten, Rüstungen und Waffen vor der Kulisse römisch antik anmutender Ruinen. Ihre Bogenarchitektur ist längst von Wildwuchs überwuchert. Tief in den Bildhintergrund führt eine Landschaft, deren silbrig verklärter Horizont die flämische Herkunft des Malers verrät. Dieser milde Friede aber ist eine Illusion, gestört durch die auf der rechten Seite brennenden Städte mit in den Himmel ragenden Feuern. Ein Raubvogel macht selbst den Tauben unter dem Dach der Loggia das Turteln unmöglich.

Darunter lassen die verstreuten Utensilien auf die Plünderung eines Hausstands schließen. Der rot gemusterte Teppich und das seitlich abgestellte Gemälde passen in ein solide ausgestattetes Heim, vielleicht das eines Arztes, dessen Instrumente neben Feder und Papier auf dem roten Tischtuch ausgebreitet liegen. Leider erlaubt das Bild im Bilde keine genauere Deutung. Es könnte sehr wohl aus dem Besitz des Malers stammen. Die Frau, die inmitten dieses Wirrwarrs sitzt und ihr nacktes Kind schützend vor der Brust hält, scheint mit himmelwärts gewandtem Blick das Unheil zu beklagen.

Zu Hilfe eilen müsste ihr eigentlich ein olympischer Gott, denn diese beiden Opfer kriegerischer Handlungen sind keine gewöhnlichen Sterblichen; es geht um Venus und Amor – kaum zu erkennen, denn Amor fehlen die Flügelchen und Venus ist beinahe züchtig gekleidet. Im 17. Jahrhundert tritt sie eigentlich längst als Akt auf, nachdem Lukas Cranach der Ältere 1508 sie auf einem Holzschnitt in antikischer Nacktheit gezeigt hatte. Übrigens ließ auch Jan II sie in anderen Allegorien unbekleidet erscheinen. Die am Boden liegenden Attribute Amors als Liebesgott, ein Bogen und ein Köcher mit Pfeilen, nehmen allerdings jeglichen Zweifel an ihrer Interpretation als mythologische Gestalten.

Droochsloot Dorf mit Bauern Plückbaum Auktion
Joost Cornelisz Droochsloots (1586-1666) „Blick auf ein Dorf mit Bauern, Bettlern und einem berittenen Soldaten“ (Öl/Holz, 49,5x63cm) startet bei 4800 Euro. © Plückbaum, Bonn

Schwieriger ist es mit der Darstellung der „Zwietracht“. Für sie hat der Maler ein recht argloses Bild gewählt: die raufenden Putti in der Bildmitte. Der größere bezwingt den kleineren mit seinem Knie. Auch sonst tauchen solche Figuren in seinen Gemälden auf. Diese beiden Knäblein aber und die Venus-Amor-Gruppe sollen von der Hand des Malerfreundes Frans Wouters stammen. Eine Arbeitsteilung dieser Art war insbesondere im 17. Jahrhundert keineswegs selten. Insgesamt jedoch lässt der additive Charakter dieser Allegorie die Vermutung aufkommen, dass Jan Brueghel der Jüngere vorführen wollte, was alles zu malen er imstande war: verschiedene Stillleben, Landschaft, Architektur und das kleine Getier, das sonst in Blumenstillleben vorkommt. Darum liegt nahe, dass er die Tafel zu Anfang seiner Karriere gemalt haben könnte. Auch eine solche versteckte „Werbung“ kommt durchaus in der Malerei vor.

Wieder ist es die Landschaft in der Bildtiefe, die auf einen flämischen Meister verweist. Jedoch konnte nicht mit Sicherheit geklärt werden, ob die „Kämpfenden Hähne“, Öl auf Holz, tatsächlich von Nicolaes van Verendael stammen. Sicher ist man dagegen, dass die beiden faszinierenden Tiere die Fabel „Der Hahn und der Truthahn“ von Eduard de Dene illustrieren, die 1567 im Buch De warachtige fabulen der dieren mit illustrationen erschienen ist. Frans Snyders, der Maler großer Tierstillleben, hatte sie zuerst umgesetzt. Darin geht es um einen streitsüchtigen Hahn, der den anderen – den fremden Hahn – bedroht und letztlich vertreiben will. Zugrunde liegt die moralische Botschaft, Fremden gegenüber Toleranz zu üben. Da ist es nur plausibel, dass der Künstler die Kampfhähne personifiziert, indem er sie mit bösen Blicken in feindliche Posen versetzt hat und ihr aufgeplustertes Federkleid wie ein Statussymbol vorführt. Der Hahn imponiert mit seinen bunten Federn, der Truthahn mit seinem Rad. In der Stofflichkeit der Federn zeigt sich die Kunstfertigkeit des Malers ebenso wie in ihrem leuchtenden Kolorit vor der tonigen Landschaftskulisse. Reizvoll ist der Blick in den Mikrokosmos des Bildes, wo kleine, beinahe unscheinbare Blüten das Rot der Hahnenkämme und -wammen aufgreifen. Plückbaum erwartet mindestens 2000 Euro für das ungewöhnliche Tierbild.

Droochsloot Dorfkirmes Plückbaum Auktion
In unendlich vielen Details zeigt sich auf dem Ölgemälde „Dorfkirmes“ (64,5x87cm, Startpreis 7000 Euro) der Einfallsreichtum von Joost Cornelisz Droochsloot. © Plückbaum, Bonn

Für rote Akzente hatte auch der Maler Joost Cornelisz Droochsloot (1586 – 1666) durchaus Sinn. Wämser und Röcke der Leute ziehen in beiden Bildern – der „Dorfkirmes“ und dem „Blick auf ein Dorf mit Bauern, Bettlern und einem berittenen Soldaten“ – die Aufmerksamkeit auf sich. Die weißen Hauben und Schürzen der Frauen, auch der Schimmel des Sol- daten kommen als kleine Lichtpunkte hinzu. Mit seinem Personal ist Droochsloot gewissermaßen bei den Brueghels angekommen, die damals prägend waren. Bauernthemen wie „Hochzeitstanz“ oder eben wie die „Dorfkirmes“ gehörten zu ihren Sujets. Die „Dorfkirmes“ des Niederländers Droochsloot kann sich daneben sehr wohl sehen lassen und ist ihre 7000 Euro Startpreis gewiss wert.

Er hat seine Bildtafel harmonisch gegliedert, dabei dem leicht bewölkten Himmel über dem Dorf stimmungsvollen Raum gewährt. Sehr geschickt hat er mithilfe der Perspektive, ausgehend vom Horizont, das Kirmestreiben über die Dorfstraße hinweg bis an den vorderen Bildrand gezoomt. Auch der Bauweise der Wohnhäuser mit ihren Stirngiebeln und Kaminen hat er Aufmerksamkeit geschenkt. Überall, wo nur Platz ist, haben sich die Dorfbewohner, alte wie junge, versammelt. Bei ihrer Vielzahl möchte man von einem Wimmelbild sprechen, wie es auch von Malerkollegen der Epoche stammen könnte. In unendlich vielen Details zeigt sich der Einfallsreichtum des Malers, der keine einzige Szene der bäuerlichen Vergnügungen wiederholt. Etliche Leute speisen vor ihren Häusern, andere spielen oder plaudern einfach nur. Ein Mann läuft seinem Hund nach. Im Vordergrund wagt ein offenbar gut gelauntes Paar einen Tanzschritt.

Kämpfende Hähne Auktion Plückbaum
Die „Kämpfenden Hähne“ eines flämischen Meisters des 17. Jahrhunderts (Öl/Holz, 30x40cm) gehen mit 2000 Euro ins Rennen. © Plückbaum, Bonn

Nicht ganz so figurenreich ist das zweite etwas kleinere, auf 4800 Euro geschätzte Tafelbild von Droochsloot. Zwar hat er den Bildaufbau und das Kolorit beibehalten, und auch die Jahreszeit mit den licht belaubten Bäumen bleibt dieselbe. Aber der Schauplatz hat gewechselt. Dieses Dorf liegt an einer Hügellandschaft; und es geht um eine finstere Seite des Dorflebens – offenbar weil hier der Krieg gewütet hat. Nicht mehr alle Dorfbewohner sind am Leben. Auch die Häuser haben gelitten, wie der ruinöse Bogen auf der linken Bildseite demonstriert. Dem Kirchturm auf der rechten Seite fehlt die Spitze. Und wer weiß, was der Soldat von seinem Schimmel herab zu berichten oder zu verkünden hat. Einige Leute bewegen sich auf ihn zu. Etliche Männer müssen sich dabei auf einen Stock stützen; manche haben sogar Gliedmaßen verloren. Wer hat hier denn noch Geld, um Almosen an die Bettler zu verteilen? Vielleicht spielt der Maler 1655, als er sein Bild gemalt und datiert hat, noch auf die späten Folgen des Achtzigjährigen Kriegs in den Niederlanden an.

Service

AUKTION

Plückbaum

Auktion 19. und 20. Februar 2021