Herbstauktionen

Schweizer Kunstmarkt: Licht am Horizont

Die Schweizer Auktionshäuser haben sich in der Krise als widerstandsfähig erwiesen. Nach ersten Markttests startet die Branche optimistisch in die so wichtige Herbstsaison

Von Christian von Faber-Castell
03.09.2020

Selbst Schweizer assoziieren mit dem Begriff „Schweizer Kunstmarkt“ spontan und vorrangig die Art Basel. Ein gutes Beispiel für diese Fehleinschätzung ist, dass vor allem jüngere Marktbeobachter ganz selbstverständlich davon ausgehen, das Berner Auktionshaus Galerie Kornfeld würde seine Juniauktionen mit dem Termin der Art Basel abstimmen, in der Hoffnung auf deren internationales Publikum. In Wirklichkeit war es gerade umgekehrt: Als die Basler Galerien von Trudi Bruckner, Balz Hilt und Ernst Beyeler im Juni 1970 die spätere Art Basel ins Leben riefen, hatten die Juniauktionen von Kornfeld bereits ein halbes Jahrhundert lang eine internationale Händler-, Museen- und Sammlerelite zum geschäftlichen Stelldichein nach Bern gelockt, wo die 1864 in Stuttgart gegründete Galerie seit 1920 sitzt. Dieses einflussreiche Publikum wollten die initiativen Basler Messemacher zu einem Besuch ihrer Hallen veranlassen – und legten ihren Termin entsprechend.

Natürlich spielen heute die von der Messe ins Land gelockten Sammler eine Rolle für den gesamten Schweizer Kunstmarkt, die indes nicht überschätzt werden sollte. So hielt das Basler Haus Beurret & Bailly Auktionen/Galerie Widmer seine Versteigerung von Schweizer und internationaler Kunst bis 1900 trotz abgesagter Messe am 24. Juni dieses Jahres ab – und erzielte mit einer losbezogenen Verkaufsquote um rund 74 Prozent und Höchstpreisen wie 1,46 Millionen Franken für Albert Ankers Großformat „Die Taufe“ von 1864 einen in Corona-Zeiten keineswegs selbstverständlichen Erfolg.

Paul Gauguin
Zu den Spitzenlosen bei Kornfeld zählt Paul Gauguins Frühwerk „À flanc de coteau“ (1884), das auf 1 Million Franken geschätzt ist. © Galerie Kornfeld, Bern

Tatsächlich haben die Wirren um die Zukunft der Art Basel, deren Absage nicht überraschte, kaum etwas mit der Situation des Schweizer Kunstmarkts und schon gar nichts mit dem dortigen Auktionswesen zu tun. Sie stehen vielmehr im Zusammenhang mit strukturellen Problemen der veranstaltenden MCH Messe Schweiz AG, die jedoch mit dem kürzlichen Einstieg des Murdoch-Sprosses James Murdoch als kapitalstarker Minderheitsaktionär ihre zukunftssichernde Lösung gefunden haben könnte. Unübersehbar ist allerdings auch, dass die gesamte Schweizer Galerienszene während der letzten Monate schwierige Zeiten durchlebt hat.

Ermutigende Signale kommen dagegen aus dem Auktionswesen. Das Fazit von Schuler Auktionen aus Zürich zu den Juniversteigerungen verhehlt die Gefühle von Überraschung, Erleichterung und Optimismus nicht, die auch andernorts bei Präsenzauktionen spürbar wurden: „Die Stammkundinnen, Sammler und Händler sind nach Ende des Lockdowns wieder begierig nach originellen, interessanten und einzigartigen Objekten und Bildern.“ Selbst jahrelang verschmähte Möbelklassiker stoßen plötzlich wieder auf Interesse. So kletterte ein guter, marktrealistisch mit 200 Franken ausgerufener Louis-XVI-Fauteuil auf solide 1500 Franken. Man ist nun gespannt, wie die von Schuler im September offerierte große Ölmalerei „Bottle Crash“ (1998) mit eingestreuten Glasscherben des Japaners Shozo Shimamoto im Schätzwert von 50 000 bis 70 000 Franken abschneidet – ist ihr Verkauf doch auch als Test des ausländischen Bieterinteresses zu werten.

Shozo Shimamoto Bottle Crash
Shozo Shimamotos Malerei „Bottle Crash“ (1998) wurde auf 50 000 bis 70 000 Franken taxiert und geht bei Schuler ins Rennen. © Schuler, Zürich

Dass sich auf diesen ersten Saalauktionen nach der Lockdown-Lockerung nicht nur Schnäppchenjäger tummelten, sondern sich breite, ausgehungerte Sammlerlust manifestierte, belegt auch der deutlich über der Taxe liegende Preis von 360 200 Franken, den Koller Auktionen in seiner Versteigerung am 3. Juli für Auguste Renoirs charmante – aber keineswegs spektakuläre – Gartenszene „Dans le jardin des Collettes à Cagnes“ aus der Zeit um 1910 erzielte. Kollers September-Auktionsangebot erinnert mit seiner traditionellen Ausrichtung auf Altmeistermalerei, Möbel und Antiquitäten sogar schon an ganz normale Kunstmarktzeiten. Angeführt wird es unter anderem von dem klassischen Goldgrundgemälde „Madonna mit Kind“ des Florentiners Giovanni del Biondo aus dem späteren 14. Jahrhundert (Schätzwert 150 000 bis 250 000 Franken) sowie einer bei aller spätbarocken Detailverliebtheit überraschend zeitlos-modern anmutenden kleinen signierten „Galanten Szene in einem Interieur“ des Franzosen Louis-Léopold Boilly, die schon bei 50 000 bis 70 000 Franken einen Liebhaber finden soll.

„Galante Szene in einem Interieur“ Louis-Léopold Boilly
Lebensfreude verheißt die „Galante Szene in einem Interieur“ von Louis-Léopold Boilly – die bei Koller die Kauflust der Bieter animieren soll: 50 000 bis 70 000 Franken werden erwartet. © Koller Auktionen, Zürich

Als Fels in der Brandung erweist sich das Haus Kornfeld: Seine auf den 17. und 18. September verschobene Versteigerung „Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts“ bringt eine Auswahl vom Besten, was der internationale Kunstmarkt überhaupt zu bieten hat. Das Angebot reicht von einem klaren Spitzenlos wie Paul Gauguins Frühwerk „À flanc de coteau“ von 1884 (für eine geschätzte Million Franken) über Paul Klees hinreißendes Aquarell „rot/violett x gelb/grün gestuft“ von 1922 mit einer Taxe von 600 000 Franken und Ernst Ludwig Kirchners seltenes, 1915 gemaltes Gemälde „Autostraße im Taunus“ im Schätzwert von 300 000 Franken bis zu Roberto Longos altmeisterlich wirkender, monumentaler Kohlezeichnung „Untitled (Shark 7)“ von 2008, die um 350 000 Franken zu haben sein soll.

Auch das Schweizer Auktionshaus Beurret & Bailly hat diesen Herbst eine beachtliche Auswahl an Werken der modernen und zeitgenössischen Kunst im Angebot. Fast 300 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien kommen bei der nächsten Auktion am 23. September unter den Hammer. Neben Werken von Marc Chagall und Paul Klee zählt August Mackes Aquarell „Kinder am Gemüseladen II“ mit einer Schätzung von 200 000 bis 300 000 Franken zu den Spitzenlosen.

August Macke Kinder am Gemüseladen
Das leuchtende Aquarell „Kinder am Gemüseladen II" von August Macke stammt aus dem Jahr 1913. Nun soll es für 200 000 bis 300 000 Franken bei Beurret & Bailly unter den Hammer gehen. © Beurret & Bailly, Basel

In ihrer Geschäftstätigkeit sind die Auktionshäuser durch die pandemiebedingten Restriktionen gleich doppelt eingeschränkt: bei der Akquise von Auktionsgütern und beim Veranstalten von Vorbesichtigungen und Versteigerungen. Die auffällige unternehmerische Resilienz der Häuser scheint ebenfalls zwei Gründe zu haben: Zum einen waren nicht nur sie selbst, sondern offenbar auch die Käufer bereits weit besser auf den Einsatz der digitalen Möglichkeiten vorbereitet als angenommen. Und zum anderen haben manche Häuser die Sammellust und Kauffreude in weiten Teilen ihrer Kundschaft unterschätzt. Gerade diese ungebrochene Kunstkauflust mag auch den erst langsam wieder erwachenden Galerienhandel ermutigen.

Service

TERMINE

Kunst und Antiquitäten, Schuler, Zürich, 14. bis 18. September;

Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts, Kornfeld, Bern, 17./18. September;

Alte Meister und 19. Jh., Antiquitäten, Bücher, Koller, Zürich, 22. bis 25. September;

Moderne und Zeitgenössisches, Beurret & Bailly Auktionen/Galerie Widmer, Basel, 23. September

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Weltkunst Nr. 175