16.06.2020 Lisa Zeitz

Goldene Zeiten

In welche Werte investieren Sammler in Krisenzeiten? Profitieren Schmuck und Münzen vom wachsenden Online-Geschäft? Beobachtungen aus einem Auktionswesen im Wandel

Mehrmals täglich informiert sich Ulrich Künker, Geschäftsführer des gleichnamigen Auktionshauses in Osnabrück, über den aktuellen Goldpreis. Bei Redaktionsschluss in der zweiten Maiwoche steht das Gramm Gold bei gut 50 Euro. Vor einem Jahr waren es knapp 37 Euro. Die Pandemie hat die Welt auf den Kopf gestellt, der Kunstmarkt ist eingebrochen und viele Galerien sind in ihrer Existenz bedroht – aber manches verkauft sich jetzt sehr gut.

Ulrich Künker ist Spezialist für Münzauktionen und Goldhandel. Schon 2019 hatte sein Haus ein erfolgreiches Jahr. Das erste Quartal 2020 ist nun noch besser gelaufen. „Die Nachfrage ist stark,“ sagt er, „und das Angebot ist gut, weil es auch Sammler gibt, die jetzt leider verkaufen müssen.“ 

Dieser Goldpokal von Luigino Vigandon erzielte am 6. Juni 2020 einen Erlös von 37.000 € bei Dr. Fischer Kunstauktionen (Copyright: Dr. Fischer)
Dieser Goldpokal von Luigino Vigandon erzielte am 6. Juni 2020 einen Erlös von 37.000 € bei Dr. Fischer Kunstauktionen (Copyright: Dr. Fischer)

Sein Unternehmen, das Handel und Auktionen betreibt, hat er auf 78 Mitarbeiter aufgestockt. Im ersten Quartal 2020 verzeichnet Künker einen 50-prozentigen Zuwachs im Handel gegenüber dem Vorjahr. Und die Auktionen? Mitten in der Coronakrise, vom 16. bis 20. März, fanden in Osnabrück Künkers Münz- und Medaillenauktionen unter verschärften Sicherheitsauflagen statt. Manch ein internationaler Interessent musste wegen der Reisebeschränkungen die Vorbesichtigung auslassen – und trotzdem war die Beteiligung hoch.

Während die Gesamtschätzung für die rund 6500 Lose 6,7 Millionen Euro betrug, belief sich das Ergebnis auf mehr als 10 Millionen Euro. Toplos wurde eine historisch höchst bedeutende Goldmünze aus der Samel Collection: ein Aureus mit dem Porträt von Domotian aus Judäa, im Oktober des Jahres 70 nachweislich aus dem Gold geprägt, das die Römer aus dem Tempel in Jerusalem geplündert hatten. Ein späterer jüdischer Besitzer der Münze kratzte auf hebräisch das Wort „Stirb!“ neben das Profil des Kaisers. Konservativ geschätzt auf 30.000 Euro, kletterte der Hammerpreis bis auf 340.000 Euro.

Lebendiger Uhren- und Juwelenhandel

Historisch weniger bedeutend sind die sogenannten Anlagemünzen wie der Krugerrand, die am Wert des Edelmetalls, Gold, Silber, Platin oder Palladium, gemessen werden. Sie sind von der Umsatzsteuer befreit, wenn sie nach dem Jahr 1800 geprägt sind, einen Feingehalt von 900/1000 haben und im Land ihrer Herkunft Zahlungsmittel waren oder sind. Der Verkaufswert darf dabei den Marktwert ihres Edelmetallgehalts nicht um mehr als achtzig Prozent übersteigen. Anlagemünzen laufen gerade besonders gut.

Rekord-Hammerpreis für Juwelenschmuckstücke in einer Onlineauktion: Das 1930er Tutti Frutti Armband von Cartier erzielte 2020 bei Sotheby's 1,1 Millionen Dollar (Copyright: Sotheby's)
Rekord-Hammerpreis für Juwelenschmuckstücke in einer Onlineauktion: Das 1930er Tutti Frutti Armband von Cartier erzielte 2020 bei Sotheby's 1,1 Millionen Dollar (Copyright: Sotheby's)

Auch für Juwelen und Uhren ist der Markt derzeit lebendig, obwohl die traditionell wichtigsten Schmuck-Auktionen der größten Häuser, im April in Hongkong, im Mai in Genf, dieses Jahr noch nicht stattfinden konnten. Bei Neumeister in München gab es im Mai ein „merklich gesteigertes Interesse“ an Schmuck, mit Geboten aus 36 Nationen.

Berühmte Schmuckstücke als Hafen in stürmischen Zeiten

David Bennett ist Worldwide Chairman der Juwelenabteilung von Sotheby’s, die in den letzten zehn Jahren mehr als 4,7 Milliarden Dollar umgesetzt hat. „In Zeiten finanzieller und wirtschaftlicher Unsicherheit tendieren Menschen dazu, in Sachwerte zu investieren“, schreibt er. „Diamanten und Edelsteine zählen zu den ältesten und seltensten Dingen der Erde, und so gelten sie traditionell als sicherer Hafen.“ Außerdem, erklärt er, seien Juwelen eine buchstäblich tragbare Form, ein Vermögen zu verwahren. Er beobachtet ein wachsendes Interesse an emblematischen Stücken berühmter Juweliere.

Ende April hat bei Sotheby’s ein Art-déco-Armband von Cartier mit einem Zuschlag von 1,1 Millionen Dollar seine Schätzung fast verdoppelt – es ist der höchste Preis, der je bei einer Online-Auktion für ein Schmuckstück bewilligt wurde. Auf die Weltwirtschaftkrise angesprochen, erinnert Bennett an das Jahr 1990: „Zum ersten Mal bereiteten wir die Versteigerung eines perfekten Diamanten von mehr als 100 Karat vor, als der Erste Golfkrieg ausbrach. Jeder hielt die Luft an und viele dachten, diese Umstände würden die Auktion zunichtemachen. Aber wir haben ihn verkauft.“ Stolze 12,7 Millionen Dollar hat der Stein damals inklusive Aufgeld eingespielt.

Dieses Cartier Art déco Aquamarin & Diamant Diadem aus Platin 950 (zusammen ca. 70 ct., Diamanten zusammen ca. 4 ct., signiert Cartier London, Arbeit um 1930 - 35) erzielter beim Dorotheum einen Hammerpreis von 582.800 €, (Copyright: Dorotheum)
Ein Art Déco Diadem von Cartier aus Diamanten, Aquamarinen und Platin war im Dorotheum auf 34.000 € geschätzt und kletterte bis auf einen Brutto-Preis von 582.800 € (Copyright: Dorotheum)

Online-Auktionen ziehen gleich

Dirk Boll, Präsident von Christie’s Europa, Naher Osten, Russland und Indien, ist überrascht von der aktuellen Atmosphäre des „Happy Shopping“ – alles, was Christie’s auf Online-Auktionen derzeit herausbringe, laufe gut, sagt er, vor allem Objekte mit Markencharakter, sei es Grafik von Picasso und Chagall oder Schmuck von Cartier. „Die Abverkaufsquoten der Online-Auktionen sind jetzt so wie bei Saalauktionen.“ Er ist besonders gespannt, wie es mit den Evening Sales weitergeht, denn bisher ist in der Krise nur sogenanntes Mid-Season-Material versteigert worden. Dirk Boll erwartet, dass sich ein Trend verstärkt, den er seit Jahren verfolgt: „Vergleichen Sie die Kataloge der Abendauktionen von 1990, 2000 und 2019. Es werden we­niger einzelne Künstler. Die Globalisierung der Nachfrage korrespondiert nicht mit dem Angebot.“ So erwartet er, dass Sammler in Zeiten der Unsicherheit vor allem auf altbekannte Künstler mit Marktgeschichte wie Picasso setzen. Ihre Namen sind ein Markenversprechen, ein bisschen wie der Krugerrand.

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Weltkunst Nr. 172/2020