26.10.2018 Sabine Spindler

Die ganze Welt auf Tasse und Teller

Es ist die wohl beste private Porzellansammlung ihrer Art: Lempertz versteigert klassizistische Traumstücke der „Twinight Collection“

Wo immer Richard Baron Cohen in den letzten zwanzig Jahren das Auktionsparkett betrat, war er für die Versteigerer ein Glücksbringer. Für die Händler und anderen Sammler hingegen trat ein millionenschwerer und kaum zu bezwingender Konkurrent in den Ring. Seine Leidenschaft für die opulenten Vasen und fantasiereich bemalten Teller, die in Sèvres, der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) und der Wiener Porzellanmanufaktur im frühen 19. Jahrhunderts geschaffen wurden, kannte ebenso wenig Grenzen wie seine finanziellen Möglichkeiten. Kopflos aber war er nie. Als 2007 ein Sèvres-Porzellantisch mit Ansichten französischer Schlösser, ein Auftrag Napoleons, bei Sotheby’s New York zur Taxe von 800 000 Dollar zum Aufruf kam, rechnete er nicht mit einem potenten Herausforderer. Bei 6 Millionen Dollar lag sein letztes Gebot, dann überließ er der Konkurrenz den Tisch.

Eine Sensation

Cohen, der seiner Sammlung den etwas blumigen Namen „Twinight Collection“ gab, gilt als Jäger des Außergewöhnlichen, des bestechend Schönen, des Bedeutsamen und der verschollen geglaubten Stücke. Jetzt versteigert Lempertz in Berlin 155 Porzellane aus dem Besitz des Amerikaners, die Gesamttaxe beläuft sich auf 1,5 bis 2 Millionen Euro: ohne Zweifel eine Sensation am Porzellanmarkt. Hauptstück der Auktion, der im Frühjahr 2019 eine zweite Tranche mit noch mehr Stücken folgt, ist mit avisierten 200 000 bis 250 000 Euro eine KPM-Prunkvase mit acht Berlin-Ansichten.

Prunkvase mit acht Berlin-Ansichten, Berlin, KPM, um 1838, Foto: Lempertz
Prunkvase mit acht Berlin-Ansichten, Berlin, KPM, um 1838, Foto: Lempertz

Im Jahr 1838 schickte das preußische Monarchenpaar sie als Geburtstagsgeschenk an den bayerischen Kronprinzen Maximilian nach München. Dass das Beste, was KPM hervorbrachte, oft in königlichem Auftrag entstand, wusste auch Cohen. Die große Vasen mit fein gemalten Landschaften und Architekturansichten (Taxen zwischen 10 000 und 50 000 Euro) sowie mit Schlachtenpanoramen aus den napoleonischen Kriegen, die die steil hochragenden Kratervasen umlaufen wie bei der kapitalen Vase mit der Schlacht bei Vitoria (100 000 bis 150 000 Euro): Das beherrschten die Porzellanmaler an der Spree exzellent.

Geschichte auf Porzellan festgehalten

Das Porzellan des 18. Jahrhunderts interessierte ihn nie, dafür hat ihn die Präzision der Dekore und Darstellungen des frühen 19. Jahrhundert magisch angezogen. In der Zeit zwischen 1800 und 1840, als Porzellan zum Bildträger feinster Veduten-, Porträt- und Blumenmalerei wurde und neue, brillante Farben die Fahnen von Tellern und Gefäßwandungen überzogen, ersetzte es ganze Bilderkabinette. Klassizismus und Biedermeier brachten eine später nie wieder erreichte Blütezeit des Porzellans. Technische Meisterschaft und kühne, ja oft verrücke Ideen kamen zusammen.
Napoleons Ägyptenfeldzug 1798–1801 etwa animierte zu Service, die noch heute schräg wirken. Die Manufaktur in Wien reagierte um 1800 mit einem Tête-à-Tête, zu dem eine Kanne in Form eines altägyptischen Grabgefäßes und Tassen mit Hieroglyphendekor gehören (15 000 bis 20 000 Euro).

Ägyptisches tête à tête, Berlin, KPM, um 1810, Foto: Lempertz
Ägyptisches Tête-à-Tête, Berlin, KPM, um 1810, Foto: Lempertz

KPM konterte um 1810 ebenfalls mit einem Service für zwei Personen: Kannen mit Adlerschnäbeln, Tassen mit Krokodilhenkeln, ägyptische Bildmotive (40 000 bis 60 000 Euro). Was die Welt bewegte, thematisierte das Porzellan. Auf Tellern manifestierte sich das botanische Interesse um 1820 in malerischen, mitunter hyperrealistischen Bouquets und Kranzgewinden, Blüten von tiefer Plastizität und reicher Kolorierung, wie sie nur die Entwicklung neuer Farben ermöglichte. Viele Stücke sind hier mit moderaten Taxen zwischen 1500 und 5000 Euro versehen, einige Stücke liegen sogar im dreistelligen Bereich. So kann im Grunde jeder ein Stück von der legendären Cohen-Sammlung ergattern.

Feinste Augentäuschungen

Die Antikenbegeisterung war eine andere Herausforderung. Die Darstellungen von Kameen und Mikromosaiken wurde zur augentäuschenden Illusionsmalerei perfektioniert. So plastisch, reliefartig wirkt das Porträt des russischen Zaren auf der „Alexander-Tasse“, ein KPM-Erzeugnis von 1815/20, dass die Finger unwillkürlich über das Bildnis streichen wollen. Die Nachahmung von Steinintarsien der Pietra-dura-Technik und von Mikromosaiken erforderte höchste Meisterschaft der Porzellanmaler, wie sie nur wenige Manufakturen erreichten.

Tasse mit dem Kameenbildnis Zar Alexanders I., Berlin, KPM, um 1815–20, Foto: Lempertz

Pompeji war fern, aber die Inspiration durch die wiederentdeckten Mosaike und Wandmalereien kam in Stichwerken auch in Berlin an. Davon zeugt ein KPM-Service mit fast naturgetreuen Darstellungen verschiedener Vogelarten (60 000 bis 80 000 Euro). Mit feinstem Pinsel wurde in den Bildkartuschen jeder Stein imitiert, so unregelmäßig wie auch das Material der Mosaizisten. Schon für 2000 und 3000 Euro kommen bei Lempertz einige Tassen dieser Art zum Aufruf.

Teeservice mit Mikromosaikmalerei, Berlin, KPM, um 1815–20, Foto: Lempertz
Teeservice mit Mikromosaikmalerei, Berlin, KPM, um 1815–20, Foto: Lempertz

Beuteteilung des Porzellanjängers

Läutet Cohen mit der Auktion bei Lempertz das Ende der Twinight-Sammlung ein? Schon seit einigen Jahren veräußerte der Unternehmer, der aus einer Immobiliendynastie stammt und sein Geld mit einem Zulieferbetrieb für Getränkeautomaten verdient, Einzelstücke im Handel und auf Auktionen. Zugleich tritt er hier und dort wieder als Käufer in Erscheinung. Dass Cohen ambitioniert Porträtminiaturen sammelt und auch hier Höchstpreise zahlt, ist längst kein Geheimnis mehr.

Tête-à-Tête im ägyptischen Stil, Wien, Manufaktur Sorgenthal, 1799–1802, Foto: Lempertz
Tête-à-Tête im ägyptischen Stil, Wien, Manufaktur Sorgenthal, 1799–1802, Foto: Lempertz

Der Zenit in Cohens Laufbahn als Porzellansammler war 2007 erreicht: Das Metropolitan Museum in New York, Schloss Charlottenburg in Berlin und das Wiener Liechtenstein Museum breiteten die ganze Pracht der Twinight Collection aus. Vieles aus der Berliner Schau wird man jetzt wiedersehen. Etwa das Wiener Schreibzeug, dessen kubische Tinten- und Sandbüchsen auf jeder Seite mit einer Vedute wie von einer Tapete überzogen sind (10 000 bis 15 000 Euro). Der Berliner Porzellanhändler Ulrich Gronert bringt es auf den Punkt: „Wann ist in letzter Zeit so eine Auswahl an herrlichen und bedeutenden KPM-Porzellanen auf den Markt gekommen?“ Warum Berlin? Häufig zählen auch auf dem Kunstmarkt eben gute, langjährige Beziehungen. Seit Jahren kauft und verkauft Cohen bei Lempertz. „Es war einfach der richtige Moment, mit ihm darüber nachzudenken“, sagt Kilian Jay von Seldeneck vom Auktionshaus. Wie der Markt reagieren wird, wenn jetzt der einst gierigste Löwe seine Beute freigibt, wird viel über die gegenwärtige Potenz des klassizistischen ­Porzellans sagen.

Service

Auktion

The Twinight Collection I
Lempertz

Berlin, 7. November

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 150/2018