25.11.2019 Lisa Zeitz

Kunstraub im Grünen Gewölbe

Der dreiste Einbruch im Dresdner Residenzschloss schockiert die Kunstwelt

Die prächtigste Kunstkammer in ganz Deutschland, das Grüne Gewölbe in Dresden, ist am Montag, den 25. November, in den frühen, noch stockfinsteren Morgenstunden zu einem Tatort geworden: Vom möglicherweise größten Kunstraub der deutschen Nachkriegsgeschichte war anfangs die Rede – vorschnell bezifferte die Bildzeitung den Verlust auf „etwa eine Milliarde Euro“.

LUFTBILD von der Frauenkirche und dem Neumarkt in der Altstadt am 04.07.2016 in Dresden. Foto: Oliver Killig
LUFTBILD von der Frauenkirche und dem Neumarkt in der Altstadt am 04.07.2016 in Dresden. Foto: Oliver Killig

Ab 1723 baute der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke einen Teil des Schlosses zur Schatzkammer aus. Wegen der malachitgrünen Bemalung wird sie „Grünes Gewölbe“ genannt. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde das Residenzschloss über Jahrzehnte wieder aufgebaut, und gerade erst im September sind die rekonstruierten Paraderäume eingeweiht worden. Kunsthistoriker wurden jetzt blass beim Gedanken an die vielen einmaligen Schätze im Grünen Gewölbe, etwa die weltberühmte Miniaturwelt des Goldschmieds Johann Melchior Dinglinger, der barocke „Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aurangzeb“. 

Das Juwelenzimmer im Grünen Gewölbe, erbaut 1728/29, mit den Edelsteingarnituren Augusts des Starken. Innenansicht: Hans Christian Krass/SKD
Das Juwelenzimmer im Grünen Gewölbe, erbaut 1728/29, mit den Edelsteingarnituren Augusts des Starken. Innenansicht: Hans Christian Krass/SKD

Mittlerweile herrscht über den Tatablauf und die fehlenden Stücke mehr Klarheit. Es gibt es Videoaufnahmen, die zwei Räuber zeigen, zwei weitere warteten offenbar in einem Audi, der nach der Flucht in Brand gesetzt wurde. Zwei Räuber sind durch ein Eckfenster in die Schatzkammer geklettert, nachdem sie das Gitter und die Scheibe aufgebrochen hatten. Dann gingen sie gezielt auf eine Vitrinen im Juwelenzimmer zu, zerschlugen das Panzerglas mit einer Axt und packten kostbare Schmuckstücke aus dem 18. Jahrhundert ein, insgesamt elf Objekte, Teile von zwei weiteren Objekten und eine Gruppe von Rockknöpfen. Betroffen sind vor allem die Brilliantgarnitur und die Diamantrautengarnitur, Zeugnisse größter Prachtentfaltung am sächsischen Hof und Ensembles, deren kulturhistorischer Wert weit über den Materialwert hinausgeht. „Nirgendwo in irgendeiner Sammlung in Europa“ so der Direktor des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram, gebe es „eine Juwelengarnitur, die in dieser Qualität und Vollständigkeit erhalten ist“. Auf ihrer Website zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die fehlenden Objekte.

Franz Diespach, Brillantgarnitur mit dem „Dresdner Grünen
In Sicherheit in New York: eine kostbare Leihgabe aus Dresden glänzt in der Ausstellung "Making Marvels: Science and Splendor at the Courts of Europe". Franz Diespach, Brillantgarnitur mit dem „Dresdner Grünen", 1769, abgeändert zwischen 1782 und 1789 durch Christian August Globig, Grüne Diamanten und Diamanten, 14.1 × 5 cm, Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden, Germany. Foto: bpk Bildagentur / Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen, Dresden/Jürgen Karpinski/ Art Resource, NY

Immerhin ist es ein Glück, dass ausgerechnet jetzt in New York die Ausstellung „Making Marvels: Science and Splendor at the Courts of Europe“ im Metropolitan Museum stattfindet, wo ein besonderes Prunkstück aus Dresden als Leihgabe glänzt. Franz Michael Diespachs Hutkrempe mit dem „Dresdner Grünen“ aus der Brillantgarnitur von 1768-69. Allein dieses Stück besteht aus 411 Brillanten, in Silber und Gold gefasst, dazu ein mandelförmiger seladongrüner Diamant von 41 Karat.

Worst case scenario

Der Münzraub im Berliner Bode-Museum im Jahr 2017 war vor allem peinlich: Die hundert Kilo schwere Goldmünze hatte einen großen Materialwert, doch der kunsthistorische Wert war überschaubar. In Dresden ist die Lage anders: Hier sind die kostbarsten Goldschmiede-Arbeiten des Barock beheimatet. Den schlimmsten Fall mag man sich gar nicht ausmalen – dass die Werke auseinandergebrochen, die Edelsteine für einen Bruchteil ihres historischen Werts verscherbelt und die Metalle eingeschmolzen werden. Auf dem Kunstmarkt verkäuflich sind die Stücke nicht, dafür sind sie viel zu berühmt.