Der amerikanische Fotograf Jamel Shabazz dokumentiert seit den Achtzigern das Leben der Black Communities in New York. Anlässlich seiner Ausstellung in der Deutsche Börse Photography Foundation in Eschborn sprachen wir mit ihm über Schönheit und seine Arbeit als Vollzugsbeamter
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04.09.2026
Im Alter von 17 Jahren tritt der in Brooklyn geborene Jamel Shabazz in die US Army ein und wird für die drei folgenden Jahre in einem Militärstützpunkt in Süddeutschland stationiert. Hier kommt er in Kontakt mit der Fotografie, denn für die meisten amerikanischen Soldaten kam ihre Stationierung im Ausland einer ersten Fernreise gleich. Sie fotografierten, um Eindrücke nach Hause schicken zu können. Von dieser Erfahrung geprägt kehrte Shabazz nach Brooklyn zurück und dokumentierte mit zunehmender Obsession das „Street Life“ seiner eigenen Umgebung. 1983 schließlich begann er als Vollzugsbeamter im New Yorker Gefängnisdienst. In dieser Zeit entstehen seine ersten bedeutenden dokumentarischen Serien – sowohl innerhalb der Vollzugsanstalten als auch auf den Straßen New Yorks. Shabazz wird zum Chronisten einer schwarzen Stadtgesellschaft deren Alltag von Rassismus und Hip-Hop ebenso geprägt ist wie von ökonomischem Niedergang und der Crack-Epidemie. Nun widmet ihm die Deutsche Börse Photography Foundation mit „Jamel Shabazz. New York Vibes“ erstmals in Deutschland eine umfassende Ausstellung.
Meine Einführung in die Fotografie verdanke ich meinem Vater. Er war in den 1950er-Jahren professioneller Fotograf bei der United States Navy. Ich wuchs in einem Umfeld auf, in dem ich nicht nur seine Fotografien sah; auch das traditionelle Familienalbum bedeutete in meiner Familie alles. Diese Alben reichten über Generationen zurück und lagen als Mittelpunkt auf dem Couchtisch in unserem Zuhause. Dazu kamen die Bilder, die mein Vater aufgenommen hatte und die bei uns im Haus hingen. Ich entwickelte früh eine Wertschätzung für die Fotografie – auch durch die Zeitschriften jener Zeit. Ich bin ein Kind der 1960er-Jahre und gehöre zur Babyboomer-Generation. Vor allem die Bilder in Magazinen wie National Geographic und Life eröffneten mir einen Blick auf die Welt. Noch bevor ich selbst eine Kamera in die Hand nahm, betrachtete ich Bilder und erkannte ihren Wert. Durch die Fotografie konnte ich meiner unmittelbaren Umgebung entkommen und um die ganze Welt reisen. Während viele meiner Freunde Comics lasen, studierte ich Fotobücher und Magazine. So habe ich auch den Spiegel und Paris Match kennen gelernt, bevor ich überhaupt in Europa war. Meine Eltern haben dieses Interesse nicht wirklich wahrgenommen, aber mit 15 habe ich dann endlich selbst eine Kamera in die Hand genommen. Sie gehörte bis dahin meiner Mutter.
Das ist eine sehr interessante Frage. Viele meiner Freunde waren damals Künstler, vor allem Graffiti-Künstler. Ich probierte das auch aus, aber es sprach nicht zu meiner Seele. Eine Kamera in die Hand zu nehmen, hatte etwas ganz Besonderes. Wenn ich durch den Sucher blickte, öffnete sich mein drittes Auge. Ich konnte eine andere Welt sehen, die andere Menschen nicht sahen. Und ich sah die Schönheit in den Menschen um mich herum. Für mich war meine Kamera von Anfang an Kompass und Zeitmaschine: Ein eigentlich simples Gerät, das doch in der Lage ist, einen Moment einzufrieren und die Zeit zu konservieren.
Ja, das stimmt. Ohne meine Kamera hätte ich viele Menschen nicht kennengelernt und viele Gespräche nicht geführt. Mit ihr wurde es einfacher, auf Menschen zuzugehen, mehr über sie zu erfahren. Und dann musste man erst einmal eine Nacht warten, bis das Fotolabor in China Town die Entwicklung des Materials umsetzen konnte. In dieser Wartezeit habe ich immer meine zuletzt entwickelten Fotos in Alben geklebt und dann herumgezeigt, um zu schauen, wie die Dargestellten reagieren. Und ich merkte, dass meine Beobachtungen den Menschen Freude machten. Das Schönste war für mich, ihnen zu zeigen, wie schön und attraktiv sie sind.
Im Gefängnis habe ich mich auf eine frühe Lektion meines Vaters berufen. Er hatte mir gesagt: Nimm deine Kamera überallhin mit. Also nahm ich auch als ich 1983 zu meinem Vorstellungsgespräch als Vollzugsbeamter eingeladen wurde meine Kamera mit. Und von da an, war sie jeden Tag und für die nächsten zwanzig Jahre dabei. Schon während meines Onboarding-Prozesses begann ich zu fotografieren, dann während meiner Ausbildung und schließlich im Gefängnis. In dieser Zeit wurde die Fotografie zu einer Therapie für mich. Ich existierte gewissermaßen in zwei verschiedenen Rollen. In der einen war ich Vollzugsbeamter und als Fotograf genoss ich ein Gefühl von Freiheit. Manchmal arbeitete ich 16 Stunden am Tag im Gefängnis und fühlte mich selbst wie ein Gefangener. Aber die Fotografie machte mich frei. Allein die Möglichkeit, die Kamera ins Gefängnis mitnehmen zu können ließ mich eine Freiheit und Balance fühlen, die ich brauchte, um die Härte dieses Umfelds auszuhalten. Während der gesamten 20 Jahre, die ich für das Department of Correction arbeitete, fotografierte ich im Gefängnis. Es gibt Tausende und Abertausende von Bildern, die noch nie gezeigt wurden. Ich dokumentierte alles. Damals ahnte ich noch nicht, welche Bedeutung diese Bilder später einmal haben würden. Heute erscheinen sie mir wie ein visuelles Tagebuch.
Ich glaube, dass für mich Kommunikation der Schlüssel war. Dale Carnegies wichtiges Buch über Kommunikation „How to Win Friends and Influence People“ hat mich gelehrt, wie man mit Menschen umgeht und welche Rolle dabei Blickkontakt, Händedruck und Sprache spielen. Sicherlich haben auch meine Erfahrungen als Soldat und Schachspieler in diese Kontaktaufnahmen reingespielt. Erst wenn ich eine Beziehung zu meinem Gegenüber aufgebaut habe, interessierte es mich mit dem Fotografieren zu beginnen. Und diese Beziehung wurde auch nach der eigentlichen Fotografie aufrechterhalten: Von fast allen Fotografien, die Sie hier sehen, gab ich den Porträtierten Abzüge. Sie nahmen sie mit und zeigten sie anderen. So verbreitete sich die Nachricht, dass ich kostenlos fotografierte.
Ich glaube schon. Viele Fotografen machen einfach ein Bild von etwas oder jemandem und verschwinden. Mir ging es immer um den Aufbau einer Verbindung.
Ich habe gelernt, dass in jedem Menschen Schönheit liegt. Jeder hat etwas Besonderes, wenn man sich nur die Zeit nimmt, mit ihm zu sprechen und sich auf ihn einzulassen.
„Jamel Shabazz. New York Vibes“
Deutsche Börse Photography Foundation
The Cube, Eschborn
bis 17. Januar 2027