Kunstfestival in Vernon

Wie Monet Künstler bis heute inspiriert

Schlamm, Wurzeln und Schießpulver: 100 Jahre nach seinem Tod führen Künstler das Erbe von Claude Monet radikal weiter. Was verbindet den Erfinder des Impressionismus noch mit diesen Werken?

Von Weltkunst News
14.08.2026

Auf dem Boden liegt eine Leinwand, doch ein Pinsel fehlt. Stattdessen verteilt der chinesische Künstler Cai Guo-Qiang Schießpulver auf der Oberfläche. Dann treten alle zurück. Ein kurzer, trockener Knall. Was bleibt, ist kein zerstörtes Bild, sondern eine neue Form von Malerei.

Solche künstlerischen Experimente stehen in diesem Jahr in der Normandie neben einem Klassiker: Claude Monet, der vor 100 Jahren in der Region starb. Was die Künstler von heute mit ihm verbindet, ist seine Radikalität: Auch Monet brach mit den Regeln seiner Zeit.

Das flüchtige Licht, der Verzicht auf klare Konturen: Monet brach mit den Regeln der akademischen Malerei. Als er 1872 in Le Havre in der Normandie den Hafen im Morgenlicht malte, ahnte er nicht, dass sein Bild „Impression, Sonnenaufgang“ (im Original „Impression, soleil levant“) einer ganzen Kunstrichtung ihren Namen geben würde. Was Kritiker zunächst als unfertigen Eindruck verspotteten, wurde zum Ausgangspunkt des Impressionismus – und veränderte die Geschichte der Malerei.

Monets Erbe: Festival und neue Arbeiten

Am 5. Dezember 1926 starb er in Giverny – jenem Ort, der für ihn über Jahrzehnte Atelier, Rückzugsraum und künstlerisches Experiment zugleich gewesen war.

Hundert Jahre später wird sein Werk weltweit gewürdigt. Über das ganze Jahr hinweg erinnern Ausstellungen und Projekte an den Maler; das bis Ende September dauernde Festival „Normandie Impressionniste“ richtet dabei den Blick nicht nur zurück, sondern auch auf die Frage, warum Monet Künstler bis heute inspiriert. 

Für das Festival entstanden in Vernon, unweit von Giverny, Arbeiten, die Monets Garten zum Ausgangspunkt nehmen. Etwa das spektakuläre Werk von Cai Guo-Qiang. Der chinesische Künstler arbeitet seit Jahrzehnten mit Schießpulver. Er verteilt das explosive Material auf Papier oder Leinwand und lässt Feuer, Rauch und Zufall Teil des Entstehungsprozesses werden. Wie Monet einst den flüchtigen Moment des Lichts suchte, arbeitet Cai mit einem Augenblick, der nicht wiederholbar ist. 

Giverny: Wo Monet die Kunst in die Abstraktion führte

„Man kann es nicht oft genug sagen: Monet hat die Kunstgeschichte in die Moderne und in die Abstraktion geführt“, sagte Philippe Platel, Kurator des Festivals. „Ohne den großen Sprung der Seerosen in das Abenteuer der Abstraktion – wie hätten Künstler wie Joan Mitchell oder Jackson Pollock entstehen können?“

Im Zentrum des Festivals: Monets Seerosenbilder aus Giverny – jenem Garten, den Monet über Jahrzehnte selbst gestaltete und als lebendes Atelier verstand. Rund 43 Jahre arbeitete er daran, eine eigene Welt aus Pflanzen, Wasser und Licht zu erschaffen.

In den Spiegelungen des Seerosenteichs verloren die Dinge ihre festen Grenzen. Horizont und Konturen verschwanden, Wasser, Himmel und Pflanzen gingen ineinander über. Monet führte den Impressionismus an seine Grenze. 

Kunst aus Wurzeln

Auch Diana Scherer untersucht Natur nicht als Motiv, sondern als Mitgestalterin. Die deutsche, in Amsterdam lebende Künstlerin lässt Hafer- und Weizenwurzeln in eigens entwickelten Formen wachsen. Die Pflanzen selbst erzeugen dabei komplexe Muster. 

Ihre Werke wirken wie textile Gewebe – und machen eine verborgene Welt sichtbar, die normalerweise unter der Erde bleibt. Einige ihrer Arbeiten sind im Rahmen des Festivals in der ehemaligen Kirche Saint-Nicolas in Caen zu sehen.

Ai Weiweis Lego-Seerosen

Während Scherer mit dem Wachstum arbeitet, verwandelt der chinesische Künstler Ai Weiwei Monets Seerosenbilder in 15 Meter lange „Water Lilies“ aus rund 650.000 farbigen Kunststoffbausteinen – Kinderspielzeug der Marke Lego.

Die riesigen Mosaike beziehen sich auf Monets monumentale Seerosen-Panoramen in der Orangerie in Paris. Entstanden sind Ai Weiweis „Water Lilies“ bereits 2022. Im Rahmen des Festivals treten sie nun erstmals in Frankreich in einen Dialog mit Monet – im Museum für moderne Kunst André Malraux in Le Havre.

Der Schatten hinter den Seerosen

Auf den ersten Blick wirken die Werke spielerisch. Doch zwischen den Seerosen versteckt sich eine schwarze Tür. Sie erinnert an Ai Weiweis Vater, den Dichter Ai Qing, der während der Kulturrevolution verfolgt wurde. Die Tür steht für Exil, Zensur und die Frage, wie Kunst selbst unter politischen Bedingungen überleben kann.

Auch Monets Seerosen entstanden vor einem dunklen Hintergrund. Die Serie begleitete ihn von den 1890er Jahren bis zu seinem Tod 1926 – und durch den Verlust seiner Frau und seines Sohnes Jean sowie die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs.

Schlamm aus Monets Seerosenteich

Der Franzose Lionel Sabatté findet die Verbindung zu Monet schließlich buchstäblich im Boden. Als der Seerosenteich in Giverny gereinigt wurde, sammelte er den Schlamm vom Grund des Beckens. Vermischt mit Materialien aus seinem eigenen Atelier und metallischen Pigmenten nutzt er ihn als eine Art Farbe. 

Auf fotografischen Siebdrucken historischer und aktueller Aufnahmen des Teiches lässt er Bilder entstehen, die wie Erinnerungen aus der Erde auftauchen.

Monet hätte diese Antworten vielleicht nicht vorhersehen können. Aber überrascht hätte ihn ihre Radikalität vermutlich nicht. (Von Sabine Glaubitz/dpa)

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