Interview mit Marlene Wieder

„Kühe sind in der Kunst unterrepräsentiert“

Die junge Künstlerin Marlene Wieder studiert Malerei an der Universität der Künste in Berlin. Anlässlich des diesjährigen Rundgangs sprachen wir mit der gebürtigen Freiburgerin über Nachtschichten im Atelier, Blumenbilder von Georgia O’Keeffe und Tiere als Motiv

Von Sophie Baars
06.08.2026

Sie studieren Bildende Kunst an der Universität der Künste und parallel Philosophie an der Freien Universität in Berlin. Wie kam es dazu und inwiefern ergänzen sich die beiden Fächer?

Ich studiere Kunst auf Lehramt für die Oberstufe und Philosophie ist mein Zweifach, das ist in der Schule dann Ethik. Ich hatte während meiner Schulzeit auch Ethikunterricht und finde das Fach passt gut mit Kunst zusammen. Kunst entsteht immer aus Gefühlen heraus, Moral und Ethik spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Wussten Sie schon immer, dass Sie Kunst studieren möchten?

Ich habe schon immer Kunst gemacht. Bereits im Kindergarten bin ich nach Hause gekommen, habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt, auf meinem Kassettenrekorder Hörbücher gehört und stundenlang hochkonzentriert gemalt und gebastelt. Es gibt Kisten voller selbstgenähter Kuscheltiere, Puppen, Bilder und Figuren bei meinen Eltern zuhause. Ab der fünften Klasse war ich dann im Kunstzug meines Gymnasiums und nach dem Abitur wusste ich, dass ich in eine künstlerische Richtung gehen möchte. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich machen soll, außer Kunst.

Das Studium an der UdK ist in Klassen aufgeteilt – Sie sind in der Klasse von Professor Robert Lucander. Wie kann man sich Ihren Unialltag vorstellen?

Es gibt verschiedene Klassen, in etwa 15 Stück. Jede Klasse wird von einem Professor oder einer Professorin betreut und hat einen speziellen Fokus: Wir sind beispielsweise eine Malereiklasse. Offiziell sind wir 40 Personen, inoffiziell – wenn man nur die zählt, die aktiv mitmachen – sind es weniger. Einmal in der Woche haben wir ein Klassentreffen, bei dem wir Sachen planen und besprechen, Arbeiten vorstellen und Feedback bekommen. Jede Klasse hat zwei bis drei Ateliers, in denen wir zusammen arbeiten und uns austauschen. Über die Klassentreffen und die Atelierpraxis hinaus verteilt sich das Studium klassenübergreifend. Module wie „Kunstgeschichte und Ästhetik“ und „Fachdidaktik“, hat man mit anderen Studierenden zusammen. Man hat einen ganz normalen Studienverlaufsplan. Die Atelier- und Klassenpraxis ist ein Modul mit vielen Leistungspunkten.

Wie läuft das Arbeiten in den Ateliers an der Uni ab?  

In die Ateliers an der UdK können wir rund um die Uhr rein, das läuft über ein Schlüssel-Karten-System: Wir haben alle Karten, die wir an der Pforte gegen Schlüssel eintauschen können. Wenn du einen Schlüssel hast, kannst du die ganze Nacht da sein. Es ist manchmal schwierig mit dem Platz in den Ateliers, denn es ist sehr begehrt, einen guten Platz zu haben. Jedes Semester kommen neue Leute dazu, weshalb es auch mal eng werden kann. In unserem Atelier sind wir jetzt gerade zu acht oder zu neunt.

Marlene Wieder im Atelier
Marlene Wieder in ihrem Atelier. © Marlene Wieder/ Foto: Lou Laserstein

Die UdK ist eine der renommiertesten deutschen Kunsthochschulen und auch über Deutschland hinaus bekannt. Haben Sie Erfahrungen mit Leistungsdruck und Konkurrenzkampf im Studium gemacht?

In meiner Klasse ist das Klima sehr entspannt. Da habe ich wirklich Glück gehabt mit der Klasse Lucander und auch mit den Leuten in meinem Atelier. Aber das kann von Klasse zu Klasse ganz anders aussehen. Es gibt auch Unterschiede zwischen den auf Lehramt studierenden und den freien Künstlern. Es gab bei mir eine Phase, als ich bei meinem ersten Rundgang mitgemacht habe, in der ich total verzweifelt bin, weil ich gemerkt habe: Oh mein Gott, das ist so eine „Ellenbogen-raus-Kultur“ hier. Alle kämpfen um ihren Platz, um jeden Zentimeter Wand, weil je mehr Wand du hast, desto mehr Möglichkeiten hast du, deine Sachen zu zeigen und Sichtbarkeit zu erlangen. Der Rundgang ist sehr wichtig, wenn du entdeckt werden willst. Wenn du dich nicht durchsetzen kannst, die Erfahrung habe ich auch gemacht, wirst du verdrängt, von Studierenden, die sich besser durchsetzen können.

Der Schwerpunkt Ihrer letzten Arbeiten lag auf Darstellungen von Kühen. Was bedeuten Kühe für Sie?

Die Reihe ist Anfang dieses Semesters entstanden, nachdem ich auf einem Bauernhof in Dänemark war. Ich war dort bereits zum zweiten Mal, um freiwillig zu arbeiten. Auf dem Hof habe ich mich zum ersten Mal mit Kühen beschäftigt. Ich plane nie, was ich als Nächstes male, das kommt irgendwie auf natürliche Art und Weise zu mir. Ich habe immer lange bei den Kühen gesessen und irgendwann angefangen, sie zu zeichnen, zu skizzieren und Fotos von ihnen zu machen. Dann bin ich nach Hause gegangen und habe ein Motiv im Kopf gehabt, das ich unbedingt malen wollte. Daraus hat sich dann diese Reihe entwickelt. Kühe sind tolle Wesen, die in der Kunst unterrepräsentiert sind – insbesondere im Vergleich zu Pferden oder Hunden. Sie sind uns ähnlicher als wir denken: neugierig, lustig und sensibel. Ich möchte mit meiner Arbeit eine Wertschätzung gegenüber diesen Tieren ausdrücken und ihnen Sichtbarkeit verschaffen.

Gemälde mit abstrakten Kühen
Marlene Wieder, „Kühe 5" (2026). © Marlene Wieder/ Lou Laserstein

In Ihren Arbeiten geht es also auch um die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Sie leben nun seit mehreren Jahren in Berlin – ist das Rauskommen aus der Stadt in die Natur wichtig für Sie und Ihre Kunst?

Ich muss immer in regelmäßigen Abständen aus Berlin raus und in die Natur, egal ob nach Dänemark oder in meine Heimat Freiburg. Ich brauche einen Ort, an dem ich meine Inspiration finden kann. Dann komme ich zurück und fange an zu malen. So hole ich mir die Natur ins Atelier und in meinen Alltag zurück. Wenn ich zu lange in Berlin bin, dann geht mir irgendwann meine Inspiration aus.

Sollen die bunten Farben in Ihrer neuen Serie das idyllische Leben in der Natur oder die grellen Lichter der Stadt widerspiegeln?

Weder noch! Die Farben entstehen aus meiner kreativen Freiheit heraus. Meine Bilder sind weniger realistisch, ich nutze eine Vorlage als grobe Skizze und verwende Farben dann unabhängig von der Realität. Woher meine Farbwahl kommt, kann ich nicht so genau sagen.

Sie verwenden aktuell Siebdruck als Technik für Ihre Bilder. Was ist das Besondere daran?

Die UdK hat sehr viele tolle Werkstätten und ich versuche, so viele Techniken wie möglich zu lernen. Dieses Semester habe ich sowohl Buchdruck und Keramik gemacht als auch Filme und Abzüge im Fotolabor entwickelt. Letztes Semester habe ich mich mit Enkaustik und Siebdruck beschäftigt. Siebdruck ist ein wahnsinnig kompliziertes, aber auch faszinierendes Verfahren. Es braucht viel Vorbereitung und man muss viel putzen. Dann kommt irgendwann der Moment, in dem man einen Abzug macht und das erste Mal sieht, ob es überhaupt was geworden ist. Diesen Moment finde ich sehr schön, spannend und belohnend. Anders als in der Malerei kann man ein Motiv farblich variieren und mit verschiedenen Textilien experimentieren. Bei einem gemaltem Bild legt man sich vorher auf ein Motiv, eine Farbe und ein Material fest. Beim Siebdruck ist man da ein bisschen freier und wird jedes Mal vom Ergebnis überrascht!

Siebdruck mit Gelb und Rosa, Profil einer Kuh
Marlene Wieder, „Kühe 4" (2026). © Marlene Wieder/ Lou Laserstein

Haben Sie ein künstlerisches Vorbild?

Vor meiner Bewerbung an der UdK war ich in der Fondation Beyeler und habe mir eine Ausstellung von Georgia O’Keeffe angeschaut. Vor allem die großen Blumenbilder haben mich damals bei der Entwicklung meiner Bewerbungsmappe und auch für meine weitere künstlerische Arbeit inspiriert. Ansonsten gehe ich in Berlin viel in Ausstellungen und Galerien und lasse mich von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern inspirieren. Letztes Semester habe ich mich intensiv mit Delcy Morelos und ihrer Arbeit „Madre“ im Hamburger Bahnhof auseinandergesetzt, über die ich auch meine Bachelorarbeit geschrieben habe. In Bezug auf ihre Haltung gegenüber der Erde und unserer Beziehung zur Natur und Umwelt habe ich sehr viel für mich mitnehmen können.

Welches Erlebnis aus dem Studium hat Sie besonders geprägt?

Da gibt es ganz viele! Insbesondere die kleinen Momente, Tage im Atelier mit den anderen Kommilitoninnen, wenn die Musik laut aufgedreht wird, man zusammen malt und sich dann irgendwie verquatscht. Da wir so viel Zeit gemeinsam im Atelier verbringen, fühlt es sie wie ein zweites Zuhause an. Diese Praxiszeit im Atelier ist sehr besonders für mich und einer meiner liebsten Aspekte am Studium.

Wo sehen Sie sich nach dem Studium, zieht es Sie wieder raus aufs Land oder bleiben Sie in Berlin?

Wenn ich mit dem Studium fertig bin, werde ich wahrscheinlich erst mal genug von Berlin haben (lacht). Ich hätte Lust, reisen zu gehen, auf Höfen zu arbeiten, in der Natur zu sein und auch Kunst zu machen. Mein Ziel ist es, an so vielen verschiedenen Orten wie möglich gelebt zu haben – sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Mein Lebenstraum ist es irgendwann einen alten Hof in Italien zu kaufen, ihn selbst zu renovieren und restaurieren und dort einen Ort der Kreativität für Menschen und für Tiere aufzubauen.

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