Im Juli besuchen wir die neue Jahresausstellung im Nolde Museum Seebüll, bewundern das Œuvre von Walter Schels in Berlin und entdecken vergessene Künstlerinnen in Garmisch-Partenkirchen
ShareAls Künstlerin erlebte Hermine Biedemann-Arendts ein typisches Schicksal im 19. Jahrhundert: Sie durfte nicht an die Akademie. Dennoch setzte sie sich durch und ihre charaktervollen Tierbilder wurden von Kaiserin Sisi erworben. Sie gründete eine eigene Malerschule – erst in München, später in Garmisch-Partenkirchen. Das dortige Museum Werdenfels würdigt sie aktuell in der Ausstellung „Vergessene Künstlerinnen“, neben zwei weiteren Malerinnen, die ebenfalls in dem Alpenort lebten: Anna von Schubert kam in den 1950er-Jahren und brachte ihre farbigen Impressionen mit, die sie in drei Jahrzehnten in Ostasien geschaffen hatte. Und ab 1952 malte auch Gusti Knight-Stinnes in Sichtweite der Berggipfel surrealistische Traumlandschaften, in denen sie eigene Lebenskonflikte verarbeitete.
Egal ob jung oder alt, fröhlich oder ernst, Tier oder Mensch – Gesichter haben Walter Schels schon immer fasziniert. Die Ähnlichkeiten, die er in ihnen erkennt, symbolisieren für ihn den Kreislauf des Lebens von der Geburt bis zum Tod. Das fast sieben Jahrzehnte umfassende Werk des deutschen Künstlers, dessen Karriere als Schaufensterdekorateur in Barcelona begann, oszilliert zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie. Bekannt wurde Schels vor allem mit Serien und Langzeitprojekten, darunter die Reihe „Noch mal leben vor dem Tod“, für die er Menschen im Hospiz kurz vor ihrem Tod und unmittelbar danach fotografierte. Die umfassende Retrospektive im C/O Berlin richtet nun erstmals auch einen Fokus auf seine weniger bekannten experimentellen Arbeiten. Dazu gehören Doppelbelichtungen, Collagen oder mit Fotochemikalien bearbeitete Abzüge, in denen er seine Motive bis in die Abstraktion überführt.
Trauen darf man den Geschichten von Marcel van Eeden eigentlich nicht. Denn bei seiner Spurensuche in der Vergangenheit, denkt sich der Niederländer somanches Detail dazu. In Zyklen von Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die an alte Fotos erinnern, hat er ganze Biografien erfunden. Jetzt im Haus der Graphischen Sammlung in Freiburg allerdings konzentriert er sich auf die wahre Begebenheit des algerischen Soldaten Abdelkader Ben Ladsche, der 1870/1871 in einem deutschen Kriegslazarett starb, aber nicht begraben wurden. Stattdessen landete sein Schädel in der Anatomischen Sammlung der Universität Freiburg. Dem Rassismus der Kaiserzeit hält Van Eeden seine berührende Erzählung entgegen. Er nutzt dabei historischen Zitate und macht von den relevanten Orten eigene Fotografien, die er im Gummidruck herstellt – einer Technik aus der Zeit um 1850.
Emil Nolde malte, was er liebte. Seine Frau Ada, an seiner Seite. Blumensträuße. Feldwege in der Landschaft. Schiffe auf dem Meer. Die innige Beziehung dieses Künstlers zu seinem unmittelbaren Umfeld ist das Thema der 70. Jahresausstellung des Nolde Museum Seebüll. Als Expressionist war Nolde vor allem Gefühlsmensch, der die Farben in seinen Bildern leuchten ließ und das Theoretisieren vermied. Als prägnante Beispiele zeigt die Schau in seinem ehemaligen Atelierhaus ein Aquarell mit dunkelgrünen Wiesen und grellorange glühendem Abendhimmel oder auch ein Gemälde mit Sonnenblumen und roten Herbstblumen. Die Stiftung in Seebüll bewahrt seit dem Tod Noldes im Jahr 1956 einen Nachlass mit schier unerschöpflicher Tiefe: Wer glaubt, alles zu kennen, sieht in diesem Jahr gleich 37 Werke, die zum ersten Mal überhaupt präsentiert werden!
Wettbewerbsausstellungen sind nicht immer ein Gewinn. Aber der Fotosommer Stuttgart hat sich dieses Jahr ein wirklich schönes Motto ausgewählt: „Unordnung“. Die Jury des Fotofestivals hat 280 Einsendungen gesichtet und präsentiert in der Staatsgalerie Stuttgart die 23 siegreichen Positionen. Freuen darf man sich beispielsweise auf Martin Eberles Aufnahme eines steckengebliebenen Lieferwagens in einem Tunnel. Oder auf Valerie Schmidts Bild aus der Serie „Claus stolpert“, in der ihr Mitperformer ungelenkt herumpurzelt. Wundervoll ist auch das Foto aus der Serie „Peripherie“ von Jonas Glanz & Leon Adam Haas, in dem eine Frau hinter einen Zaun steht und einen Hund im Arm hält. Beide haben die gleiche Strubbelfrisur! Nach diesem Anblick will man unbedingt sein Leben aufräumen.