Der Deutsche Pavillon in Venedig ist trotz des plötzlichen Tods der Künstlerin Henrike Naumann fertig geworden. Was sich nun hinter Millionen Mosaiksteinen verbirgt
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05.05.2026
Der Deutsche Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig verwandelt sich in diesem Jahr äußerlich in einen Plattenbau. Er „reiht sich ein in eine höchst politische Biennale, die wir hier erwarten“, sagte Kuratorin Kathleen Reinhardt. Gestaltet wurde er von den Künstlerinnen Sung Tieu und Henrike Naumann. Naumann war im Februar überraschend im Alter von 41 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben.
„Wir können es selbst immer noch nicht glauben“, sagte Reinhardt der Deutschen Presse-Agentur. „Wir sind sprachlos, weil wir es bis zum Schluss nicht wahrhaben wollten. Und wir unterstützen nun ihr Team, für sie diesen Pavillon zu gestalten, den sie schon immer machen wollte. Die Eröffnungswoche wird für uns alle ein extrem emotionaler Moment sein.“
Mit den beiden Künstlerinnen habe man erstmals ostdeutsche und ostdeutsch-migrantische Stimmen in dieser Tiefe und Vehemenz im Pavillon, sagte Reinhardt. Tieu überdecke das Gebäude von 1938 – „die faschistische Architektur, an der sich ja schon sehr viele abgearbeitet haben“ – mit dem Bild eines Berliner Plattenbaus, in dem sie als Kind in den 1990ern lebte. Sie nutzt dafür mehr als drei Millionen Mosaiksteine.
Das Gebäude in der Gehrenseestraße sei vor der Wende einer der größten Wohnkomplexe für vietnamesische Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter gewesen, nach der Wende dann auch als Ghetto begriffen worden. Es sei auch Teil der Gentrifizierungsgeschichte Berlins, weil die Ruinen mehrfach den Besitzer gewechselt und Investoren auf den Plan gerufen hätten. In den Seitenflügeln gestaltet Tieu eine Hommage an ihre Mutter.
Für Debatten sorgt diesmal die Teilnahme Russlands. Die Jury trat im Streit um den Umgang mit Russland und Israel zurück. Die Eröffnungsfeier wurde abgesagt, ebenso wie die Vergabe der Goldenen Löwen zu Beginn. Auf die Frage, ob Russland teilnehmen soll, sagt Reinhardt: „Meines Erachtens ist das eine Frage, die im Werk von Henrike Naumann selbst beantwortet wird.“
Naumann bespiele den zentralen Innenraum und die dominante Farbe sei ein Mintgrün. „Dieses Mintgrün ist eine klare Referenz zu dem Mintgrün, das in den sowjetischen Kasernen in der DDR zu finden war, die heute als Ruinen teilweise noch in Ostdeutschland stehen“, sagte Reinhardt, die das Georg Kolbe Museum in Berlin leitet. Darauf setze Naumann eine Kartographie des Krieges. Gezeigt werden etwa ein Relief aus Stühlen, ein Vorhang aus Kettenhemden und die Performance „Trümmerfrau“.
Ist Naumanns Arbeit eine Warnung vor der Gefahr eines neuen Krieges? „Es ist eine große Warnung, aber Henrike Naumann hat gesagt: Wir sind bereits mittendrin.“ Naumann sei in Zwickau aufgewachsen und habe die Radikalisierung von extrem rechten Kräften und deren Normalisierung bereits als Kind und Jugendliche beobachtet. In ihrem Werk habe sie stetig davor gewarnt. Als Künstlerin habe sie auch an der Kiew Biennale teilgenommen.
Der Deutsche Pavillon steht diesmal unter dem Titel „Ruin“. Auch wenn Naumann es nicht ausgesprochen habe, könnte sie die Diskussionen um die Teilnahme Russlands antizipiert haben, sagte Reinhardt. „Ihre Arbeit ist auch eine Geste der Solidarität mit Osteuropa. Und eine Auseinandersetzung mit der Rolle Deutschlands als Teil einer osteuropäischen Geschichte.“ (dpa)