Günther Uecker

Nichts hält ewig, alles ist im Fluss

Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck würdigt Günther Ueckers Lebenswerk. Es ist die letzte Ausstellung, an der der 2025 verstorbene Künstler selbst noch mitwirkte 

Von Christiane Meixner
07.04.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 253

Wie ein Specht arbeitet sich Günther Uecker hämmernd voran und treibt große Nägel in das Areal. Das monotone Toktok begleitet den jungen Künstler 1964 über den Parkplatz vor dem Bahnhof Rolandseck, die Stufen hinauf und schließlich in das marode Gebäude. Zurück bleibt eine Nagelspur: Der Sammler und Galerist Johannes Wasmuth hatte den zum Abriss freigegebenen Bahnhof gerade besetzt und Künstlerfreunde wie Uecker zu spontanen Aktionen eingeladen.

Wer das sorgsam sanierte Gebäude und das dahinter liegende Arp Museum heute betritt, ahnt kaum noch etwas von dieser turbulenten Zeit. Auch nicht, wie eng der Künstler aus Düsseldorf jenem Bahnhof verbunden war, der dem Museum heute als Entree dient. Die aktuelle Ausstellung „Günther Uecker: Die Verletzlichkeit der Welt“ erinnert daran mit Ueckers monumentalem „Bett zum Aufwachen“, das der Künstler eigens für Wasmuth im Bahnhof gezimmert hat. Und mit dem Schwarz-Weiß-Video „Die Treppe“ (1964), das Uecker in Rolandseck bei der Arbeit zeigt.

Auf dem Bild sind weiße Stofffäden zu sehen, die dicht nebeneinander hängen. An einigen Fäden sind Holzstäbchen angebunden.
Günther Uecker, „Verletzungen - Verbindungen“ © Archiv Lenz Schönberg/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Das unaufhörliche Hämmern klingt durch den Verbindungstunnel zwischen der historischen Bausubstanz und der neuer Museumsarchitektur. So wird es zum Grundton der letzten Ausstellung, die Uecker vor seinem Tod im Sommer 2025 noch mitgeplant hat. Zu sehen sind Stationen eines Lebenswerks, das nun postum von Ueckers Frau und Sohn Jacob betreut wird und sich im Arp Museum wunderbar entfaltet; darunter typische Nagelreliefs, aber auch Ueckers meditative Sandmühlen oder sein „Brief an Peking“ von 1994, den der Künstler in Form riesiger, mit persönlichen Reiseerinnerungen wie auch den Menschenrechten beschriebener Tücher in eine Ausstellung nach Peking schickte − von wo sie umgehend an den Absender zurückgingen.

Das Bild zeigt einen Kreis aus Sand auf dem Boden. Darüber befindet sich ein Holzaufbau, der sich im Kreis dreht und den Sand mithilfe von Fäden glatt zieht.
Günther Ueckers, „Sandmühle“, 1969/2014 © Uecker Archiv/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die knapp 50 Arbeiten ergeben trotz der hämmernden Soundkulisse ein differenziertes Bild jenseits des „Nagelkünstlers“. Uecker nutzte Nägel, wo er die Linie von der Fläche in den Raum überführte, um Licht und Schatten zu erzeugen. Wo er verletzen wollte und mit der Vernagelung eines Pianos 1964 die weltabgewandte Gutbürgerlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg kritisierte. Jeder ins Holz getriebene Nagel sorgte seiner Ansicht nach für Widerstände und eine transformierende Energie der von ihm malträtierten Alltagsobjekte. Darüber hinaus griff der Künstler aber auch zum Bogen, um spitze Pfeile auf die Leinwand zu schießen. Oder zur Axt, um ein Bild komplett zu zerlegen und es danach mit Farbe und Bandagen zu heilen.

Diesen Kreislauf vom Werden und Zerstören erkennt die Kuratorin Jutta Mattern als eigentliche Triebkraft in Ueckers Werk. Für sie ist er der Impuls etwa für die Konstruktion seiner „Sandmühlen“, deren Schnüre feine Spuren im Sand hinterlassen, die bald darauf wieder überschrieben werden. Die Faszination des Künstlers für den Zen-Buddhismus mischt sich hier mit seiner Einsicht in die Fragilität des Leben. Nichts ist von Dauer, alles im energetischen Fluss. Diese Botschaft, sagt Mattern, werde in Ueckers Arbeit überdauern – auch ohne Hammer und Nagel. 

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Günther Uecker: Die Verletzlichkeit der Welt“,

Arp Museum Bahnhof Rolandseck,

bis 14. Juni

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