Zwischen Verfallsgeschichte und Zukunftsvision wird der Berliner Spreepark zum Experimentierfeld für Kunstschaffende. Im Eierhäuschen zeigt eine neue Ausstellung, wie sich der Ort als Prozess des Wandels erleben lässt
ShareDer Berliner Spreepark befindet sich seit einigen Jahren in einem tiefgreifenden Wandel. Einst als Vergnügungspark der DDR gegründet, später als sagenumwobener Lost Place bekannt, entwickelt sich das Gelände in Treptow-Köpenick nun schrittweise zu einem offenen Raum für Kunst, Kultur und Natur. Heute ist der Park noch weniger ein fertiges Projekt als vielmehr eine Landschaft im Werden. Mit der Eröffnung des umfassend sanierten, denkmalgeschützten Eierhäuschens im März 2024 wurde ein erster Akzent des neuen Spreeparks gesetzt. Hier startet auch die Ausstellung „Wandel Landschaften“, die sich der umfassenden Transformation des Parks widmet. In vier thematisch gestalteten Räumen nähern sich internationale Künstlergruppen dem Ort aus unterschiedlichen Perspektiven und machen sowohl seine Geschichte als auch seine Umgestaltung erfahrbar. Die vier ausstellenden Gruppen wurden über eine öffentliche Ausschreibung ausgewählt. Im Jahr 2025 lebten sie zeitweise im Dachgeschoss des Eierhäuschens und entwickelten ihre Projekte in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der Geschichte, Gegenwart und möglichen Zukunft des ehemaligen Freizeitparks.
Langsame, bedachte Schritte, ungewohnte Haltungen. Was zunächst befremdlich wirkt, ist zentraler Bestandteil der Arbeit von Flower Foundry. Die Künstlerinnen und Künstler Tarit Gautham, Nishant Seth, Avin Sethi und Avani Tanya arbeiten mit sogenannten Scores: präzise Bewegungsanleitungen, die per Audio oder Text vermittelt werden und den Körper zum Instrument der Wahrnehmung machen. Wer diesen Anweisungen folgt, erlebt eine Verschiebung der Perspektive. Der gewohnte Spaziergang wird unterbrochen, verlangsamt und neu strukturiert. Details rücken in den Fokus, die sonst gerne übersehen werden: Geräusche, Oberflächen, räumliche Beziehungen. Der Spreepark erscheint nicht mehr nur als Ort, den man durchquert, sondern als Erfahrungsraum, der aktiv erkundet werden will. In ihrer Installation „Imagining a Park: Choreographic Scores“ verbinden die Künstlerinnen und Künstler dokumentierte Performances, Animationen und Originalklänge aus dem Park zu einer vielschichtigen Video- und Soundarbeit. So wird der Spreepark als ein Gefüge aus Bewegung, Klang und Erinnerung lesbar. Dabei bleibt es nicht beim Beobachten: Die Besuchenden sind eingeladen, die entwickelten Scores selbst auszuprobieren. So wird erfahrbar, wie eng Körper, Bewegung und Umwelt miteinander verknüpft sind und wie sehr sich ein Ort verändert, wenn man ihn nicht nur betrachtet, sondern ihn bewusst durchschreitet.
Schon beim Betreten des Raumes stellt sich ein Gefühl der Unsicherheit ein. Der Boden gibt nach, jeder Schritt wirkt instabil, beinahe schwankend – als bewege man sich über weichen Waldboden. Diese körperliche Irritation ist bewusst gesetzt. Die Kunstschaffenden Daphne Bakker, Fay Darmawi, Andrew Darmanin und Ella Fleri Soler von Memoria inszenieren den Spreepark als Ort des Übergangs. Ihre Rauminstallation „Secret Exhibition of the Unfinished“ begreift den Park als ein lebendiges Denkmal, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig präsent sind – sichtbar wie unsichtbar. Die zentrale Frage lautet: Was lässt sich wahrnehmen, und was bleibt verborgen? Der Ausstellungsraum fungiert dabei als Ausgangspunkt für eine „Secret Exhibition“, die sich über das Parkgelände hinaus entfaltet. Die Künstlerinnen und Künstler verstehen ihre Arbeit als Einladung, die Transformation des Spreeparks selbst zu erkunden. Die Installation wird so zur Spur – und der Park zum eigentlichen Ausstellungsraum. Formal arbeitet die Gruppe mit collagenartigen Fundstücken, so treffen etwa Ziegelsteine aus der Sanierung des Eierhäuschens auf Relikte früherer Nutzungen. Baustellenelemente und künstlerische Eingriffe überlagern sich und stellen die Grenze zwischen Funktion und Kunst in Frage. Ein auffälliges Element ist der leuchtende Neon-Schriftzug „Beaver Buffet“, der auf ein reales Projekt im Park verweist: eine Futterstelle für Biber, die eingerichtet wurde, um die Tiere davon abzuhalten, an schützenswerten Bäumen zu nagen – einige davon selbst Teil künstlerischer Arbeiten. Solche Details machen deutlich, wie eng ökologische, funktionale und künstlerische Eingriffe im Spreepark miteinander verwoben sind. Das Konzept des „Unfertigen“ durchzieht dabei die gesamte Installation. Vieles wirkt provisorisch, noch im Entstehen. Gerade darin liegt ihre Stärke: Wandel wird nicht nur dargestellt, sondern körperlich erfahrbar gemacht.