Douglas Swan schärft den Blick für das Unspektakuläre. Seine abstrakte Malerei ist eng mit persönlichen Eindrücken, Erinnerungen und Beobachtungen verbunden – auch mit jenen aus Bonn, das für ihn über viele Jahre Lebens- und Arbeitsort war
ShareIm Alltag gewöhnt man sich schnell an das Vertraute. Dinge, denen wir kaum Beachtung schenken, erscheinen uns selbstverständlich – dabei liegt gerade in ihnen oft eine unerkannte Schönheit. Der Künstler Douglas Swan richtet seinen Blick genau auf diese scheinbar unspektakulären Momente. In seinen Arbeiten finden alltägliche Eindrücke und persönliche Beobachtungen ihren Platz – auch solche aus seiner Zeit in Bonn. Motivisch tauchen immer wieder Bezüge zur Stadt, zu ihrer Kulturgeschichte und Umgebung auf: etwa das Poppelsdorfer Schloss oder Ludwig van Beethoven, der wohl prägendste Name der Bonner Kulturgeschichte. Auf den ersten Blick sind diese Anspielungen kaum eindeutig auszumachen. Swans Malerei bleibt abstrakt, seine Pinselstriche wirken skizzenhaft und offen. Doch je länger man sich auf die Bilder einlässt, desto mehr entsteht das Gefühl, gemeinsam mit dem Künstler durch die Stadt zu schlendern – langsam und aufmerksam, statt wie im Alltag hastig durch die Straßen zu eilen.
Douglas Swan wurde 1930 in den USA geboren und zog 1937 mit seiner Familie nach Schottland. Mitte der 1970er-Jahre ließ er sich in Bonn nieder, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2000 lebte und arbeitete. Die Bonner Kunstszene befand sich damals noch im Aufbau und ist mit der heutigen Kunst- und Museumsszene kaum vergleichbar. Über seine offene und kontaktfreudige Art fand Swan schnell Anschluss und wurde zu einer prägenden Figur des künstlerischen Milieus. Er pflegte etwa guten Kontakt zu der Kunsthistorikerin Annelie Pohlen, der ersten hauptamtlichen Direktorin des Bonner Kunstvereins, ebenso wie zu den Nachfahren August Mackes. Auf dem Gelände der Firma Gehrhardt, die der Familie Macke gehört, richtete Swan sein Atelier ein. Von dort blickte er, wie einst Macke, auf die Bonner St. Marien. In seinem Werk „The Macke Chair“ von 1989 greift Swan diese Verbindung auf und macht sie wie Macke selbst zum Motiv. Auch in „Variation on the ‚Hutladen‘ 1913 from A. Macke“ aus dem Jahr 1989 nimmt er direkten Bezug auf Mackes berühmtes Gemälde von 1913. Swan übernimmt das Motiv dabei nicht einfach, sondern löst die Vorlage durch Wiederholungen, Verschiebungen und bewusst „fehlerhafter“ Variationen in Farben, Linien und Pinselstriche auf und übersetzt sie in seine eigene Bildsprache.
Neben den wiederkehrenden Wiederholungen ist ein zentrales Element seiner Bildsprache die Linie. In frühen Arbeiten der 1960er-Jahren erscheint sie noch als Linie und Pfeil. Später verdichtet sie sich zu geometrischen Formen – etwa in „Figure with a Glass Screen“ (1999), wo ein rechteckiges Element eine Glasscheibe andeutet. In der sogenannten AIR-Serie taucht diese Glasplatte bereits als reale Plexiglasscheibe auf und schafft eine zusätzliche Ebene zwischen Bild und Betrachtende. Bereits in früheren Arbeiten experimentierte Swan mit solchen räumlichen Erweiterungen – etwa in „Figure & Interior Barrier“ (1967), in der eine Holzplatte aus dem Bild heraus in den Raum greift. So unterläuft Swan die klassische Illusion der Malerei und führt sie zugleich weiter.
Seine Biografie zwischen den USA, Schottland, Italien und Nordrhein-Westfalen spiegelt sich in seiner Kunst wider. Einflüsse der britischen Pop-Art sind in frühen Arbeiten der 1960er-Jahre erkennbar, werden von Swan jedoch in eine eigenständige, persönliche Bildsprache überführt. Trotz vieler lokaler Bezüge lässt sich sein Werk keiner klaren regionalen Strömung zuordnen. Swan greift unterschiedliche Impulse auf und transformiert sie zu etwas Eigenem.
Anlässlich des 25. Todestags des Künstlers zeigt das Kunstmuseum Bonn seit Oktober 2025 eine Ausstellung zu Douglas Swan. Im Mittelpunkt stehen die Arbeiten aus seinen Bonner Jahren. Ergänzt werden sie durch Archivalien, Zeitzeugenberichten zur damaligen Kunstszene sowie fünf Werke aus den 1960er-Jahren, die zeigen, mit welchen formalen und motivischen Impulsen Swan nach Bonn kam.
Die Ausstellung ist Teil eines Konzepts, dass das Kunstmuseum Bonn seit 2024 verfolgt. Ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern widmet das Museum eigene Räume, die eine konzentrierte Auseinandersetzung mit ihrem Werk und ihrer Arbeitsweise ermöglichen. So kann man sich in den Kosmos des jeweiligen Schaffenden einlassen. Neben Swan ist auch Rune Mields vertreten.
Die gebürtige Münsteranerin feierte 2025 ihren 90. Geburtstag und blick auf mehr als fünf Jahrzehnte künstlerisches Schaffen zurück. Ihr Ansatz ist ebenso konsequent wie eigenständig: Mathematik und Physik bilden das Fundament ihrer Malerei. Naturwissenschaftliche Fragestellungen verschränkt sie mit kulturellen und philosophischen Bezügen. In ihrem Werk „17 Stufen“ (1976) untersucht Mields das Verhalten einer Tangente. Dabei entsprechen Einfallswinkel und Ausfallswinkel einander, während sich der Ausgangsgrauton in 20-prozentigen Abstufungen steigert. Was zunächst an abstrakte Malerei erinnert, folgt einem klar definierten mathematischen System. Diese Präzision und methodische Strenge prägt auch ihre weiteren Arbeiten. Die Bilder wirken geschlossen, durchdacht und beinahe enigmatisch. Indem sich Mields, vor allem in ihrer Anfangszeit, auf zwei traditionell männerdominierte Arbeitsfelder konzentriert, lässt sich ihr Werk zugleich als subtile feministische Position lesen.
„Douglas Swan. Bonn Variationen“ und „Rune Mields. Zum 90. Geburtstag“
bis 17. Mai im Kunstmuseum Bonn