Die Mongolen beherrschten einst den Handel von China bis Europa und errichteten in der Steppe prächtige Städte. Eine Ausstellung im Museum Rietberg fokussiert erstmals auf die urbane Mongolei – und blickt bis in die Gegenwart
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06.02.2026
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WELTKUNST Nr. 250
Mit Gespür für gutes Timing durchschritt der Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk das Tor von Karakorum am Palmsonntag des Jahres 1254. Er war im Auftrag des französischen Königs angereist und lief nun mit erhobenem Kreuz wacker ins Stadtleben hinein. Anders als einst Jesus in Jerusalem wurde er nicht vom Volk bejubelt, aber immerhin von einer Festtagsprozession der christlichen Gemeinde empfangen. Anschließend feierte man in der Kirche die Palmsonntagsmesse, die bis in den Abend dauerte. Und so versäumte es Wilhelm von Rubruk an seinem ersten Tag in Karakorum, die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Weder bewunderte er den Palast des Khans noch die zwölf Tempel oder die zwei Moscheen. Die Märkte im muslimischen Händlerviertel ließ er genauso links liegen wie die Handwerkskunst im chinesischen Viertel. Kurzum: Von Rubruk ignorierte all das, was die Hauptstadt des Khans so faszinierend machte.
Als Zentrum des mongolischen Großreichs war Karakorum im 13. und 14. Jahrhundert eine der wichtigen Reisedestinationen für Händler und Gesandte. Heute ist der Name wohl nur wenigen Menschen ein Begriff. Das liegt auch daran, dass unser Bild der Mongolei von lieb gewonnenen, aber überholten Vorstellungen bestimmt wird: Wir denken an die Weite nahezu menschenleerer Graslandschaften, an Hirten mit Jurten und an Reiterhorden, die viele Länder unterwarfen. Falsch sind diese Gedanken nicht, aber doch zu einseitig. Denn die mobilen Steppennomaden errichteten auch sehr unmobile, unverrückbare Städte.
Mit „Mongolei – Eine Reise durch die Zeit“ fokussiert das Museum Rietberg in Zürich genau auf diese frühen urbanen Zentren. Die Ausstellung leistet dabei spektakuläre Aufklärungsarbeit: Mehr als 200 Leihgaben aus den großen Museen der Mongolei sind zu sehen, viele haben zum ersten Mal ihre Heimat verlassen. Erst durch diese Objekte wird die komplexe Kultur verständlich: „Die Metropolen der Mongolei waren für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung Europas und Asiens im Mittelalter von zentraler Bedeutung. Sie wurden zu Bindegliedern zwischen den beiden Kontinenten und ermöglichten Begegnungen von Menschen – mit ihrer kulturellen Prägung, ihren Fertigkeiten und Waren“, erklärt das kuratorische Team Alexandra von Przychowski und Johannes Beltz.
Der Vergangenheit nähert sich die Schau zunächst über den Blick des Heutigen: In ihrem Zentrum ist eine Jurtenkonstruktion aufgebaut, aus der man in einen immersiven Raum mit projizierten Mongolei-Fotografien von Pascal Gertsch schaut. Hier fahren Hirten auf Motorrädern durch die Steppe, dort hängt wolkiger Smog in den Hochhausschluchten der modernen Metropole Ulaanbataar. Alle klischeehaften Erwartungen an das zentralasiatische Land sind sogleich auf elegante Weise entsorgt. Anschließend folgt die Zeitreise zurück anhand von drei Kapiteln.
Das früheste führt uns ins späte 3. Jahrhundert v. Chr., als zum ersten Mal die Xiongnu als notorische Störenfriede durch Schriftquellen ritten. Die kriegerischen Steppennomaden erbeuteten Luxusgüter und forderten Tribute in einem Territorium zwischen dem heutigen Russland und Nordchina. Sie errichteten die legendäre Residenzstadt Longcheng, die man seit Ausgrabungen von 2017 im Tal des mongolischen Flusses Orchon vermutet. Funde aus Xiongnu-Gräberfeldern zeugen in der Ausstellung von ästhetischem Empfinden und großer Handwerkskunst: Prachtvoll glänzt eine vergoldete Gürtelschnalle, die im Relief einen Tiger zeigt. Gehörten solche Schmuckstücke zum Alltag breiterer Bevölkerungsschichten, blieben Extravaganzen wie die goldenen Zierpaletten eines Zaumzeugs der Elite vorbehalten. Die weitreichenden Tributbeziehungen der Xiognu, deren Reich im späten 1. Jahrhundert n. Chr. wieder zerfiel, illustriert beispielhaft das Fragment eines kunstvoll bestickten Teppichs, der von den Yuezhi in Baktrien – im heutigen Afghanistan – hergestellt wurde. Die Empfänger nahmen dieses Beschwichtigungsgeschenk für zwei Jahrtausende mit ins Grab: Erst 2009 wurden die Teppichfragmente von russischen Archäologen entdeckt.
Neueste Erkenntnisse aus Ausgrabungen sind maßgeblich in die Züricher Ausstellung eingeflossen, darunter auch die Arbeit des mongolisch-deutschen archäologischen Forschungsprojekts, das seit 1999 im Orchontal tätig ist. So stieß das Archäologieteam auf die Ruinen einer weiteren riesigen Siedlung: Karabalgasun – die Hauptstadt des Uigurischen Kaganats, das zwischen 745 und 840 ein zentralasiatisches Reich von Kirgistan bis zur Sibirischen Pazifikküste regierte. Als frühmittelalterliche Megametropole erstreckte sich Karabalgasun in lockerer Bebauung auf 44 Quadratkilometern. Eine 80 Meter breite Prachtstraße führte zum Palastbezirk, den eine zwölf Meter hohe Mauer umgab.
Die turksprachigen Uiguren des Orchontals waren Nachfolger der Alttürken und vermuteten wie diese im benachbarten Changaj-Gebirge den mythischen Hain „Ötukän“, der die Mitte der Welt markierte und schicksalhaftes Glück versprach. Als Verbildlichung dieser kulturellen Kontinuität hat das Museum Rietberg aus dem Chinggis Khaan National Museum in Ulaanbaatar einige wundervoll erhaltene bemalte Tonfiguren ausgeliehen, mit denen ein alttürkischer Würdenträger in der Region begraben wurde. Auch das uigurische Reich gelangte zur Blüte, da es die nördliche Seidenstraße kontrollierte. Von der Mongolisch-Deutschen Orchon-Expedition in Karabalgasun ausgegrabene Objekte lassen einen ethnischen Schmelztiegel vor dem geistigen Auge auferstehen: Münzen, die in China oder von den arabischen Umayyaden geprägt wurden, belegen die Ausdehnung des Handelsnetzes. Und ein Bügeleisen verrät, dass in der Stadt aus China importierte Seide verarbeitet wurde.