Die nomadische Manifesta wandert nächsten Sommer ins Ruhrgebiet. Im Fokus stehen Kirchen als Räume des Wandels
ShareSeinen vorerst letzten Boom erlebte das Ruhrgebiet in den späten 1950er- und den 1960er-Jahren. In den vom Weltkrieg zertrümmerten Landschaften wuchsen neue Häuser, Schulen, Universitäten, Stadien – und neue Kirchen. Damals gab es die Idee der Pantoffelkirche: Jedes Gotteshaus sollte zu Fuß erreichbar sein, so nah und so zugänglich, dass man auch in Hausschuhen dorthin gehen kann. Als Hedwig Fijen, die Direktorin der Manifesta, von diesem historischen Begriff hörte, war sie begeistert davon. Er passt so gut zum Geist ihrer nomadischen Kunst-Biennale, die alle zwei Jahre woanders in Europa stattfindet und deren Programm stets im Austausch mit den Menschen vor Ort entsteht.
Das Ruhrgebiet hatte sich für die Manifesta beworben. Als die Wahl tatsächlich auf Europas größten Ballungsraum fiel, entschieden sich Fijen und ihr Team dafür, die dortigen Kirchen zum zentralen Thema zu machen. Mit der Manifesta 16 Ruhr bilanziert die Niederländerin auch ihre Arbeit der vergangenen dreißig Jahre. Aus Begeisterung für die europäische Idee gründete sie die Manifesta nach der Wiedervereinigung, heute muss sich das Festival mit den neuen, weit weniger friedlichen geopolitischen Realitäten auseinandersetzen. Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart will Fijen zur Jubiläumsausgabe mit ihren generationenübergreifenden Kuratorenteams schlagen. Drei Mitglieder des Beirats für die erste Manifesta, die 1996 in Rotterdam stattfand, sind auch 2026 wieder dabei: Anda Rottenberg, langjährige Direktorin der Zachęta-Nationalgalerie in Warschau, Henry Meyric Hughes, der einstige Direktor der Hayward Gallery in London, und René Block, legendärer Galerist und Fluxus-Wegbereiter, der damals den Namen Manifesta ersann. Sie bilden Tandems mit Kolleginnen und Kollegen der Millennial-Generation. So entwickelt etwa Block, Jahrgang 1942, sein Programm für die Stadt Essen gemeinsam mit der jungen Berliner Kuratorin Leonie Herweg. Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler werden erst im Februar veröffentlicht, neben bekannten Namen sollen auch lokale Kunstschaffende und Initiativen eine wichtige Rolle spielen
„In Deutschland werden in den kommenden fünf bis zehn Jahren 20.000 Kirchen aufgegeben“, sagt Fijen. „Viele von ihnen waren das Zentrum ihrer Nachbarschaften. Was passiert, wenn solche Räume leer sind?“ Mit diesem städtebaulichen und gesellschaftlichen Strukturwandel wird sich die Manifesta 16 künstlerisch beschäftigen. „Uns interessieren nicht nur die baulichen Qualitäten der Kirchen, sondern auch ihre symbolische und soziale Schichtung: Kirchen sind Orte kollektiver Erfahrung, Erinnerung und auch des Verlusts“, ergänzt Leonie Herweg. Das alles findet in einer Region statt, deren wirtschaftlicher Wandel neue Chancen, aber auch viele soziale Härten und sichtbaren Niedergang mit sich gebracht hat. Die Nachkriegskirchen des Ruhrgebiets hingegen sind heute auch architektonisch eine leuchtende Erinnerung an Modernität und Demokratisierung, an eine Zeit gesellschaftlicher und kultureller Blüte. In Duisburg, Essen, Bochum und Gelsenkirchen werden insgesamt zwölf christliche Bauten bespielt. Etwa die Liebfrauenkirche im Zentrum Duisburgs, ein einst hypermoderner kubischer Bau mit einer Faltwand aus Plexiglas im Inneren. Sie ist seit 2010 profanisiert und heute ein Kulturzentrum. In Essen nimmt unter anderem die Heilig-Geist-Kirche teil. Mit dem lichten Bau, der an ein Zelt erinnert, wurde in den späten 1950er-Jahren der arme Stadtteil Katernberg vom Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm aufgewertet. Seit Frühjahr 2025 ist das Gotteshaus zum Kunstraum umgewandelt. In der pyramidalen Thomaskirche aus den Sixties in Gelsenkirchen, in deren Innenraum ein riesiges monochromes Relief über dem Altar an ein Zero-Kunstwerk erinnert, finden derzeit noch evangelische Gottesdienste statt. Anfang 2026 soll auch sie entweiht werden, ein Architekt übernimmt das Gebäude.
Für ihr Hauptquartier hat sich die Manifesta ebenfalls Gelsenkirchen ausgesucht – ausgerechnet, will man meinen, ist die Stadt doch berühmt-berüchtigt für ihre hohe Arbeitslosigkeit und einen politischen Rechtsruck. Zugleich herrscht hier jedoch seit ein paar Jahren kulturelle Aufbruchstimmung. Für Hedwig Fijen macht gerade das diesen Ort so spannend. Städte wie Gelsenkirchen, in denen die Gesellschaft auseinanderdriftet, fänden sich in vielen Ländern Europas. „Und zugleich gibt es so viel Potenzial. Deshalb wollten wir hier besonders genau hinschauen.“
Die Manifesta 16 Ruhr läuft vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026