„Nürnberg Global“

Der Kern des Erdapfels

Mit seinen Handelsverbindungen war Nürnberg zu Beginn der Neuzeit ein Knotenpunkt globaler Netzwerke. Eine großartige Ausstellung zeigt, wie die Kunst darauf reagierte

Von Sebastian Preuss
27.01.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 251

Als Martin Behaim am ältesten erhaltenen Globus der Welt arbeitete, landete Christoph Kolumbus gerade erst in Amerika – das dieser selbst für das Westende Asiens hielt. Behaim, in Nürnberg als Sohn einer Patrizierfamilie geboren und am Königshof in Lissabon zu Ansehen gekommen, veranschaulichte auf seinem „Erdapfel“, wie er ihn nannte, das damalige Wissen. Die Neue Welt ist noch nicht verzeichnet. Dafür hatte Behaim die afrikanische Westküste mit einer portugiesischen Expedition bereist, so konnte er die Topografie dort (bis auf das fehlende Kap der Guten Hoffnung) ziemlich gut wiedergeben. Mit Inschriften verwies er an vielen Stellen Afrikas und Asiens auf die natürlichen Ressourcen Gold, Silber, Edelsteine und kostbare Gewürze, die möglichst auf direktem Weg nach Europa zu bringen seien. Das war ganz im Sinne des Nürnberger Rats, der den Globus 1492 in Auftrag gegeben hatte, ihn im Rathaus aufstellte und damit die Unternehmer motivieren wollte, ihre ohnehin schon internationalen Handelswege auszudehnen.

Nürnberg war um 1500 eine wirtschaftlich wie kulturell blühende, weit ausstrahlende Metropole. Dieser Status hat mit dem Mittelalterkult und der biedermeierlichen Verehrung der Altstadt im 19. Jahrhundert, mit der Handwerkerromantik in Richard Wagners „Meistersingern“ oder Hitlers Vereinnahmung als „deutscheste aller deutschen Städte“ nichts zu tun. Im Gegenteil: Im Spätmittelalter und in der Renaissance blickte Nürnberg in die Zukunft, war höchst innovativ als frühindustrieller Produktionsort, als Zentrum der Wissensverbreitung, als Arena der humanistischen Gelehrten und der Künste. Für das nötige Geld sorgten die Handelserfolge der Patrizier und die findigen Handwerker; die begünstigenden Privilegien verlieh der Kaiser, dem die Reichsstadt direkt unterstand und der die Selbstverwaltung durch die bürgerliche Elite förderte. Da war es Ehre und Pflicht zugleich, dass die Nürnberger bis 1796 die Reichskleinodien hüteten.

Der Johannes Schöner Globus zeigt die beiden Amerikas nach damaligem Wissensstand, aus dem Jahr 1520
Der Johannes Schöner Globus zeigt die beiden Amerikas nach damaligem Wissensstand, aus dem Jahr 1520. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg Dauerleihgabe Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen

Im Germanischen Nationalmuseum (GNM), das 1852 von patriotischen Enthusiasten als ein Forum aller Epochen und Kunstströmungen in den deutschsprachigen Ländern gegründet wurde, spielt Nürnberg eine zentrale Rolle. Das GNM bewahrt nicht nur den Behaim-Globus, seit 2023 als Weltdokumentenerbe gelistet, sondern überhaupt eine Fülle von Kunstschätzen, Handschriften, frühen Büchern bis hin zu Alltagsgegenständen aus der großen Epoche der Stadt. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie hier Nürnbergs Blütezeit in das Panorama der deutschen Kulturentwicklung von der Steinzeit bis zur Moderne eingebettet ist. In einer spektakulären Ausstellung schaut das Haus jetzt mit einem sehr aktuellen Blick, nämlich dem der Globalisierung, auf die Artefakte und Geschichtszeugnisse, die zwischen 1300 und 1600 in der Stadt an der Pegnitz entstanden, von hier exportiert oder von weither importiert wurden. Das GNM bedient sich dafür vor allem aus seinen eigenen Beständen, ergänzt durch eine Reihe exzeptioneller Leihgaben.

Das Konzept von „Nürnberg Global“ ist so klar und logisch, ja naheliegend angesichts der historischen Realität, dass man sich fragt, warum noch nie jemand zuvor auf diese Idee gekommen ist. Zuallererst setzt die Schau auf den Reiz der rund 120 Objekte und deren Geschichten. Sie werden in gut lesbaren Texten vermittelt, und so staunt man doppelt: über die Schönheit der Kunst und die neuen Bedeutungsschichten, die hier freigelegt werden. Das beginnt mit einem Paukenschlag aus dem Grünen Gewölbe in Dresden: Kunsthandwerker in Gujarat an der Westküste Indiens fertigten eine runde Platte, die schuppenförmig mit Perlmuttblättchen besetzt ist. Durch die Verbindungen örtlicher Handelshäuser gelangte das exotische, damals wie heute höchst kostbare Stück um 1592 nach Nürnberg – im 16. Jahrhundert neben Augsburg das deutsche Zentrum der Goldschmiedekunst. Meister Nicolaus Schmidt erweiterte die Perlmuttplatte mit einem prachtvollen Reliefrand aus vergoldetem Silber. Und um die Lavabo-Garnitur zu komplettieren, schuf er eine Silberkanne in Drachenform, deren Korpus aus drei (ebenfalls importierten) Turbanschnecken besteht. Ein wahrhaft globales Kunstwerk.

Zeichnung/Aquarell „Osmanischer Reiter“ von Albrecht Dürer in der Ausstellung Nürnberg Global
„Osmanischer Reiter“ von Albrecht Dürer, Zeichnung/Aquarell, um 1495. © Albertina, Wien

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