Kunstwissen

Das Hessische Landesmuseum wird 200

Am 12. Juli vor 200 Jahren stiftete Großherzog Ludwig seine Kunst- und Natursammlungen dem Staat. Daraus wurde das Landesmuseum in Darmstadt, ein Haus mit universalem Ansatz vom versteinerten Dinosaurier bis zu Joseph Beuys

Von Sebastian Preuss
12.07.2020

Die prächtige Schenkungsurkunde gibt es noch, sie ist exakt auf den 12. Juli 1820 datiert. Vor genau 200 Jahren übergab der hessische Großherzog Ludwig I. seine Kunst- und Naturaliensammlung als Stiftung an den Staat. Sie sollte der Allgemeinheit gehören, für alle zu sehen sein und der Bildung der Menschen dienen. So entstand in Darmstadt, der Residenz des Großherzogtums Hessen (1806 von Napoleons Gnaden aus der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt hervorgegangen) eines der ersten öffentlichen Museen. Und was viele nicht wissen: Es ist eines der großen Universalmuseen in Deutschland mit vielfältigen Sammlungen aus der Kunst- und Kulturgeschichte, aber auch aus Geologie, Paläontologie, Zoologie und Mineralogie – alles unter einem Dach.

Hinter der Museumsgründung standen moderne Ideen der Volksbildung genauso wie Machtwille und Repräsentationsanspruch. Ein möglichst spektakuläres Ensemble mit großen Künstlernamen und bedeutenden Kostbarkeiten aller Sparten sollte den Anspruch des Herrscherhauses demonstrieren. Seit seinem Regierungsantritt 1790 erweiterte Großherzog Ludwig konsequent die von seinen Vorfahren ererbte Sammlung. Er erwarb altdeutsche Altarbilder, niederländische Gemälde, das gesamte druckgrafische Werk von Dürer und Rembrandt, Elfenbeinarbeiten und Glasmalereizyklen des Mittelalters, mehrfach ganze Sammlungen, darunter einen bedeutenden Zeichnungsbestand und wertvolle Mineralien und Fossilien. Damit baute Ludwig die Kollektion, die von den Landgrafen seit dem 17. Jahrhundert zusammengetragen worden war, zum Grundstock für ein modernes Museum aus.

Landesmuseum Darmstadt römisches Mosaik Alfred Messel
Römischer Mosaikboden aus dem hessischen Bad Vilbel, spätes 2. oder frühes 3. Jahrhundert. Für ihn entwarf Architekt Alfred Messel im 1906 eröffneten Museumsbau ein pompejanisches Atrium. © Wolfgang Fuhrmannek, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Die Sammlungen waren in der Barockerweiterung des alten Renaissance-Schlosses (direkt gegenüber dem heutigen Museum) untergebracht. Hier konnten interessierte Besucher sie zu regelmäßigen Öffnungszeiten studieren. Im Lauf des 19. Jahrhundert wuchsen die Bestände immer weiter an, bis der Schlosstrakt aus allen Nähten platzte und die Präsentation nicht nur in Darmstadt, sondern auch in der überregionalen Fachwelt als unwürdig kritisiert wurden. 1891 schrieb man einen Architekturwettbewerb für einen Neubau aus. Doch als ein Jahr später 23-jährige Ernst Ludwig Großherzog wurde – dem Darmstadt später das einzigartige Jugenstile-Ensemble auf der Mathildenhöhe verdanken sollte –, warf dieser alle Entwürfe über den Haufen und beauftragte den Berliner Architekten Alfred Messel mit dem neuen Landesmuseum.

Alfred Messel, ein innovativer Historist

Messel, der aus einer jüdischen Darmstädter Familie stammte, sollte 1897 die ganze Reichshauptstadt in Taumel versetzen, als das von ihm entworfene (nach dem Zweiten Weltkrieg leider zerstörte) Warenhaus Wertheim an der Leipziger Straße eröffnete. Ein moderner Stahlskelettbau mit fragilen, gotisch dekorierten Außenstützen, zwischen deren Stakkato sich die Fasade vollständig in Glas auflöste. Der Eckpavillon am Leipziger Platz wirkte dagegen wie ein flirrender Block, fein gerastert in einer Art sinernem Herfenwerk, unten der Kontrapunkt einer dunkeln Arkadenreihe.

So innovativ und aufregend ist die Neorenaissance-Architektur des 1906 eröffneten Darmstädter Museums nicht. Aber in der malerischen Anordnung der Baumassen und der vielfältigen Gestaltung der Ausstellungstrakte, die sich in ihrem Stil den jeweiligen Sammlungen anpassten, ist es ein sehr qualitätvolles Beispiel einer konservativen Protomoderne im Kaiserreich, die mit den Mitteln des Historismus eben diesen von seinem stereotypen Pomp befreite, raffinierte Effekte und Wegeerschließungen kreierte sowie höchste abwechslunge Raumerlebnisse schuf.

Landesmuseum Darmstadt Alfred Messel Historismus
Die Fassade des Neorenaissance-Museums, 1892–1906 vom Berliner Architekt Alfred Messel erbaut. © Wolfgang Fuhrmannek, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

So auch im Darmstädter Landesmuseum, das nach siebenjähriger Sanierung von 2007 bis 2014 Messels Strukturen wieder sehr viel besser erfahrbar macht und jetzt wunderbare Architektur- wie Kunsterlebnisse bietet. Messel dirigierte die Baustile wie ein souveräner Dirigent und schuf dabei ein großes Ganzes voller interessanter „Störstellen“. In den Nachkriegsjahrzehnten hatte man dafür kein Sensorium und daher den Bau purifiziert und verunklärt, ja entstellt. Jetzt sind die Qualitäten dieser Schwellenarchitektur um 1900 wieder voll erfahrbar, während die Exponaten, unterstützt von bester Ausstellungstechnik und einfallsreicher Szenografie, hervorragend zur Geltung kommen.

Rundgang durch Stilräume

Die Geschichte des Hauses ist seit der Sanierung nicht mehr hinter modernistischen Eingriffen verhüllt, sondern lustvoll in Szene gesetzt. Die monumentale Eingangshalle mit dem Treppenhaus zelebriert eine venezianische Renaissance-Architektur à la Palladio, die antike Kunst ist in einem pompejanisch gestalteten Trakt untergebracht, romanische Gänge und Kapelle entstanden für die mittelalterliche Schatzkunst, eine gotische Halle für die Ritterrüstungen und historischen Waffen. Das alles ist wieder sehr schön herausgestellt. Es gelang sogar das kleine Wunder, den misslungenen Anbau der Achtziger so herzurichten, dass er eine stimmungsvolle Bühne für die Gemäldegalerie vom 13. Jahrhundert bis zur Moderne bietet. So wandert man seit der Sanierung mit wachsender Freude und großer Augenlust durch das Museum.

Landesmuseum Darmstadt Alfred Messel
Die Haupthalle des Hessischen Landesmuseums. © Wolfgang Fuhrmannek, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Der Rang der kunsthistorischen Schätze stand ohne seit jeher außer Frage; da gibt es genügend Gründe nach Darmstadt zu pilgern: einige der berühmtesten Elfenbeintafeln aus karolingischer und ottonischer Zeit, Goldschmiedekunst des hohen und späten Mittelalters, die gotischen Scheiben aus der Stiftskirche in Wimpfen und andere herrliche Glasmalereien, die Wormser Tafeln von 1260 (mit die ältesten Tafelbilder Deutschlands), überhaupt die altdeutsche Malerei mit wichtigen Bilder von Stefan Lochner, Martin Schongauer, Hans Baldung Grien, eines der hierzulande seltenen Werke des italienischen Barock-Pioniers Domenichino, Bruegel d.Ä. und Rubens, Georg Flegel und den außerhalb Frankreich raren Gérard de Lairesse, bis hin zum reich vertretenen späten 19. Jahrhundert und der Moderne.

Kultort der Moderne: der „Block Beuys“

Zwei weitere Attraktionen: 26 Korkmodelle antiker Bauten, die der Museumsgründer Ludwig 1790/91 bei Antonio Chichi in Rom erwarb; und die jetzt sehr schön ausgebreitete Jugendstil-Sammlung, eine der größten der Welt, alle Facetten dieser internationalen Bewegung werden hier beleuchtet. Einen Kultort der Gegenwartskunst bilden die sieben Räume, in denen Joseph Beuys 290 seiner Werke, erworben durch den Darmstädter Sammler Karl Ströher, im April 1970 selbst arrangierte. Noch bis 20. September läuft die Ausstellung „Kraftwerk Block Beuys“ anlässlich des 50-jährigen Bestehens dieser einzigartigen Situation. Der „Block Beuys“ ist das authentischste Ensemble, das es vom Künstler gibt.

Nicht wenig zur speziellen Atmosphäre der Installation trug die Wandbespannung bei, die über die Jahre an manchen Stellen ziemlich schäbig wirkte, aber immer dazu gehörte. Leider hat man sich, nach langen kontroversen Diskussionen, während der Museumssanierung dazu entschieden, die alt gewordenen Stoffe abzunehmen. Jetzt sind die Wände weiß verputzt; der Gesamteindruck und die Stimmung haben sich dadurch gravierend verändert. Für viele Beuys-Anhänger war es ein Schock, der kühle White Cube hat wieder einmal gesiegt.

Landesmuseum Darmstadt Antikenrezeption Architekturmodelle Kork
Der Saal zur Antikenrezeption um 1800. Bedeutend ist die Sammlung von Korkmodellen römischer Bauten. © Wolfgang Fuhrmannek, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Als wäre dies für ein Museum nicht genug, tut sich mit den naturkundlichen Sammlungen ein zweiter Kosmos auf. Fossilien und zusammengefügte Skelette aus 50 Millionen Jahren illustrieren den zoologischen Werdegang auf der Erde. Eine eigene Dauerausstellung zeigt Rekonstruktionen von Menschen-Verwandten (Hominiden). Exzentrisch wirken auf uns heute die zehn Dioramen, in denen zur Eröffnung 1906 mit Präparaten „Tiergeographische Gruppen“ theatralisch in Szene gesetzt wurden. Trotz einiger Schäden im Zweiten Weltkrieg sind sie weitgehend original erhalten – eine kulturhistorische Rarität.

Die Ästhetik der Versteinerungen

Die Grube Messel, seit 1995 auf der Welterbe-Liste der Unesco, ist nicht nach dem Architekten benannt, sondern der ehemalige Ölschiefer-Tagebau liegt in der Gemeinde Messel bei Darmstadt. Seit 1876 wurden hier in großer Zahl 48 Millionen Jahre alte Versteinerungen von Urtieren gefunden. Eine Auswahl besonders spektakulärer Reliefplatten mit Skeletten der Dinosaurier und anderer Tiere ist wie in einer Kunstgalerie präsentiert. Ebenfalls wie Kunstwerke – das sind ja auch, nur von der Natur geschaffen – wirken in mystischer Ausleuchtung die Mineralien der riesigen geologischen Sammlung. Das alles fügt sich in diesem hessischen Louvre zu einem schillernden, universalen Panorama der Kunst und der Natur. Begonnen hat es mit einer Stiftungsurkunde vor 200 Jahren.

Landesmuseum Darmstadt zoologisches Diorama
Zur Eröffnung des Museumsbaus 1906 wurden zehn Dioramen mit Tierpräparaten zur Fauna der Kontinente eingerichtet. Sie haben sich bis heute erhalten, hier das Afrika-Diorama. © Wolfgang Fuhrmannek, Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Service

Das Landesmuseum von A bis Z

Die Online-Videoserie „Museum A bis Z“ soll in kurzen Beiträgen einen Eindruck vom universalen Charakter des Hauses vermitteln. Von A wie Architektur über I wie Insekten bis Z wie Zeitalter gibt es Blicke hinter die Kulissen und Treffen mit den Menschen im Landesmuseum. Im ersten Clip erklärt Direktor Martin Faass den historistischen Bau und das Konzept der Stilräume:

„A – wie Architektur“ auf Youtube