05.04.2019 Christiane Meixner

Ansporn für die Wiener Moderne

Ein Buch des Kunsthistorikers Gunter Vogl ruft den vergessenen Kunsthändler Eugen Artin in Erinnerung

Das Künstlerhaus wäre perfekt gewesen – ein Ort mitten in Wien, repräsentativ und bekannt. Genau das Richtige für eine Ausstellung der Werke von Max Slevogt. Doch Eugen Artin war Realist: Das Programm des Hauses für 1897 stand fest, die ambitionierten Pläne eines Kunsthändlers passten da kaum mehr hinein. Noch schwerer wog aber die Entscheidung des russischen Schlachtenmalers Wassili Wereschtschagin, keine zweite Ausstellung neben der eigenen in den Räumen zu dulden.

Das Bild „Totentanz (Maskenball)
Das Bild „Totentanz (Maskenball)" von Max Slevogt hing in der Sonderausstellung des Malers, die der Kunsthändler Eugen Artin 1897 in Wien organisierte. Heute gehört es dem Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, Foto: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Vielleicht hütete er sich auch vor einer Gegenüberstellung seiner akademischen Bilder mit Slevogts luftigen Sujets. Der war ein moderner Maler mit enormem Potenzial. Eugen Artin erkannte das früh und realisierte die erste Slevogt-Schau in Österreich überhaupt. Statt ins Künstlerhaus ging er damit in die k.k. Gartenbaugesellschaft am Parkring. Die Resonanz war riesig, wenn auch gemischt. Die Ausstellung mit Gemälden wie „Frau Aventiure“ (1894) oder dem für Slevogt ungewohnt karnevalesken „Totentanz (Maskenball)“ von 1896 wurde verlängert und wanderte anschließend nach Graz.

Eugen Artins Briefe wurden ausgewertet

Artins Coup ist bis heute bekannt. Darüber hinaus weiß man wenig über den Kunsthändler, der Ende des 19. Jahrhunderts das Wagnis einging, teure Räume für einen Künstler zu mieten, von dem sich in Wien kaum etwas verkaufen ließ. Der Kunsthistoriker Gunter Vogl widmet ihm nun ein Buch, das den renommierten Händler der frühen Wiener Moderne zurück ins Licht holen soll. „Eugen Artin. Ein Wiener Kunstsalon um 1900″ versammelt detailliertes Wissen über das Unternehmen und konzentriert sich besonders auf die dank Vogl gut dokumentierte Zeit von 1896 bis 1905: Er führte Gespräche mit den Nachkommen des Kunsthändlers und wertete erstmals Artins Briefe an Slevogt aus. Schwieriger ist die Rekonstruktion der Ausstellungstätigkeit, da es kaum Kataloge gibt. Stattdessen dienten Werkverzeichnisse und Zeitungsinserate aus den Archiven als Belege.

Ein Netzwerk von Wien bis Worpswede

Sichtbar wird ein selbstbewusster, gut vernetzter Galerist mit einem Faible für Malerei etwa von Hans Thoma, den Worpsweder Künstlern und Wiener Secessionisten – keine Avantgardisten, sondern Maler, die ihren Stil im Rahmen figürlicher Darstellung individualisierten. Artins Nähe zur Kunst, seine Kenntnisse waren kein familiäres Erbe.

Porträtfoto des Kunsthändlers Eugen Artin, Foto: Privatbesitz

Am 21. März 1865 kam er als Sohn einer Oberleutnantstochter und eines armenischen Meerschaumhändlers zur Welt, ab 1890 studiert er ein Jahr lang Kunstgeschichte in Berlin, arbeitete erst als Kritiker und entschied sich 1896, seinen „Kunstsalon“ am Getreidemarkt in Wien zu eröffnen – Salon als Hinweis darauf, dass er sich mit dem Thema auch theoretisch beschäftigte. Die Kunstszene seiner Stadt ärgerte ihn. „Wenn ein Urtheil erlaubt ist, nach dem, was man in den Auslagen zu sehen bekommt, so gilt der Grundsatz: Billig und schlecht …“, ätzte er 1897 in einer Kunstzeitschrift. Slevogt, das war auch ein Versuch, den Diskurs in Wien zu befeuern.

Höhepunkt der Karriere am Stephansdom

Sich selbst sprach Artin eine zentrale Rolle als Kunsthändler zu, als er sein Unternehmen 1899 direkt an den Stephansdom verlegte. Der Umzug wie auch der Erwerb eines Landsitzes 1917 weisen auf seine erfolgreiche Tätigkeit hin. 1924 starb Artin mit 59 Jahren an den Folgen einer Unterkühlung, 1928 wurde der Nachlass versteigert. Was übrig blieb im Bilderdepot seiner Witwe, verbrannte Ende des Zweiten Weltkriegs. So verwischen die Spuren eines für die Kunst wichtigen Mannes. 

Service

Buch

Gunter Vogl
„Eugen Artin. Ein Wiener Kunstsalon um 1900″
Selbstverlag, 120 Seiten , 20 Euro

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 154/2019