25.12.2017 Jan Bykowski

Ein Streifzug durch Chicago

Als Stadt hat Chicago immer wieder überraschende Entwicklungsschübe erlebt. Beim neusten Boom übernehmen gerade Start-ups und Kreative die alten Industrieviertel.

„Welcome to Chicago.“ Fast trotzig klingt die Begrüßung der Dame an der Passkontrolle des O’Hare International Airport mit einem Nachdruck, der erkennen lässt: Die Bewohner sind stolz auf ihre Stadt! Eine Stadt, die im Landesvergleich oft an der Spitze lag, sich aber ebenso häufig aus Zeiten des Niedergangs herausarbeiten musste. Die erste Boomphase begann 1848 nach den Eröffnungen des Chicago-Illinois-Kanals und der Galena and Chicago Union Railroad. Die Expansion war rasant, manchmal brauchte es nur drei Jahre, um die Einwohnerzahl zu verdreifachen.

Die reichen Bewohner von Chicago gaben ihr Vermögen für Kunst aus

Das 1866 zunächst von Künstlern als Akademie gegründete Art Institute of Chicago ist heute vor allem dank des generösen ortsansässigen Großbürgertums das zweitgrößte Museum in den USA. Meisterwerke wie El Grecos „Heiliger Martin“, Rembrandts „Alter Mann mit der Goldkette“ oder auch Seurats „Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“ belegen das besondere Auge für Kunst, das private Sammler in Chicago schon immer kultiviert haben.

Blick auf Chicago, Foto: Jan Bykowski
Blick auf Chicago, Foto: Jan Bykowski

Das Museum entlässt seine Besucher durch das Portal des „Modern Wing“ in die zentrale Parklandschaft der Stadt. Schlendert man einfach geradeaus und blickt am Ende der Grünanlagen nach links, findet man das Chicago Cultural Center, das 1897 als Bibliothek eröffnet wurde und immer noch von der größten Tiffany-Glaskuppel der Welt bekrönt ist. Seit den Siebzigerjahren Kulturzentrum, beherbergt das Haus jetzt bis 1. Juli 2018 die zweite „Architecture Biennial“.

Start-ups und Kreative übernehmen die alten Industrieviertel

Als Stadt hat Chicago immer wieder überraschende Entwicklungsschübe erlebt. Beim neusten Boom übernehmen gerade Start-ups und Kreative die alten Industrieviertel. Von hier aus kann man den Spaziergang durch Kunst und Geschichte der Stadt Richtung Norden entweder über die DuSableBrücke oder am Ufer des Sees entlang vorbei am DuSable Harbor fortsetzen, wo sich der Yachtverein befindet. Unter Historikern herrscht noch keine Einigkeit, doch die Legende ist sich sicher: Point du Sable, der „Stadtgründer“, der sich in den 1770er-Jahren als erster Siedler in indigenem Stammesgebiet niederließ, wurde in Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, geboren – und war afrikanischer Abstammung.

Wo Obamas Karriere begann

Damit würde er perfekt zum modernen Chicago passen, der Obama-Town. Der erste afroamerikanische Präsident der USA hat seine Karriere hier begonnen. Wählt man den Weg über die DuSableBrücke, hat man eine gute Aussicht auf das Projekt eines anderen Präsidenten: Der hiesige Trump-Tower wurde aufgrund von Sicherheitsbedenken nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 doch nicht das höchste Gebäude der Welt, sondern „nur“ 89 Stockwerke hoch gebaut. Für das Ansehen der Stadt kein Schaden, denn Chicago hatte mit dem Sears Tower bereits über lange Jahre das höchsten Hochhaus der Welt.

„Nur“ 89 Stockwerke hoch: der Trump-Tower, Foto: Jan Bykowski
„Nur“ 89 Stockwerke hoch: der Trump-Tower, Foto: Jan Bykowski

Zudem finden sich fünf weitere Wolkenkratzer von Ludwig Mies van der Rohe in der Bauhaus-Stadt, die mit gewisser Berechtigung als legitime Fortführung der Reihe Weimar – Dessau – Berlin gelten darf. In Folge der Repressionen, denen das Bauhaus in Nazi-Deutschland ausgesetzt war, gelangten einige seiner wichtigsten Mitglieder nach Chicago. László Moholy-Nagy gründete 1937 das New Bauhaus, das heutige IIT Institute of Design. 1939 folgte ihm Mies van der Rohe an den Michigansee. Einige hundert Meter nach der DuSableBrücke erreicht man die Navy Pier. 1916 als Anlaufstelle für Frachtschiffe vorgesehen, ist die Seebrücke heute vor allem ein Ort zum Flanieren und mit seiner Messehalle auch Heimat der Expo Chicago, einer Kunstmesse, die sich seit ihrer Gründung 2012 im Bewusstsein der Bürger verankert hat.

Chicago als Messestandort

Auch international findet der Messestandort Chicago dadurch wieder Anschluss. Bewegt man sich landeinwärts, gelangt man zum Stadtkanal. Ein bei den Bewohnern lange unbeliebtes Gebiet – Abwässer aus Industrie und Schlachthöfen machten den Kanal zu einer unangenehmen Kloake. Heute sind die alten Fabrikanlagen nur noch als adrette Reminiszenzen wie einer übrig gelassenen Zugbrücke zu erkennen. Im Fulton River District wurde eine Industrie von gestern durch Zukunftsbranchen ersetzt. In den alten Gebäuden finden sich Cafés, Lofts und Start-ups, und auch Google hat sich hier eingerichtet.

Ein Auktionshaus zwischen Schrottplätzen

Eine kurze Fahrt mit der »Loop«, der Hochbahn, bringt den Flaneur dann in eine Gegend, deren Schrottplätze und Gleisanlagen noch die letzten Atemzüge des Industriezeitalters spüren lassen, die aber mit dem Conservation Center die auch hier wohl bald einziehende Epoche erahnen lässt: Nicht nur Kunstwerke von Marktwert werden hier restauriert, sondern alles, was den Besitzern die Kosten einer Behandlung wert ist, von der seltenen Antiquität bis zu den selbst gemalten Bildern der Kinder. Kein Zufall, dass eines der bekanntesten Auktionshäuser auf Inneneinrichtung spezialisiert ist. Wright bietet von dänischem Design bis zum Bauhaus alles, was in das Loft passt und auch sechsstellige Zuschläge erreichen kann.
„Ich habe in allen Ecken der Stadt schon gewohnt, und überall gefällt sie mir“, sagt der Uber-Fahrer auf dem Weg zurück ins Zentrum. Und obwohl die Einteilung in einen prekären schwarzen Süden und wohlhabenden weißen Norden noch nicht überwunden ist, spricht doch alle Zuversicht und Vertrauen in die Entwicklung aus diesem Satz. Die Chicagoer lieben ihre Stadt.

Service

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 138 / 2017