14.11.2017 Jojo Moyes

Jojo Moyes: Bild meines Lebens

Mit ihrer Romanreihe um die quirlige Krankenpflegerin Louisa Clark wurde Jojo Moyes zur englischen Bestsellerautorin. Uns verriet sie, welches Gemälde sie besonders bewegt.

Ein Bild, das mich ganz besonders berührt, ist Claude Monets dreiteiliges Werk „Seerosen“. Monet hat die Arbeit daran im Ersten Weltkrieg begonnen, die Gemälde sind für mich ein Symbol der Hoffnung, auf ein Ende des Krieges und das Leben danach. Als ich die drei großen Tafeln das erste Mal nebeneinander hängen gesehen habe, bin ich in Tränen ausgebrochen. Das Werk hat so etwas fundamental Bewegendes, Mo­nets verzweifelte Suche nach Schönheit und Menschlichkeit, auch in Zeiten, in denen für Menschlichkeit wenig Platz zu sein scheint. 

Claude Monet, Water Lilies, 1914-26, Foto: Wikimedia
Claude Monet, Water Lilies, 1914-26, Foto: Wikimedia

Meine tiefe Verbindung zu Monet und seinem Werk wurzelt auch in meiner Kind­heit. Ich bin im Londoner Osten aufgewach­sen, einem rauen, gefährlichen Viertel. Wir hatten nicht viel Geld. Als ich ein kleines Mädchen war, hat mein Vater, der Bildhauer war, mit mir eine Reise zu Monets früherem Haus und Garten unternommen. Dummer­weise war der Garten zu dieser Zeit gerade für Besucher geschlossen.

Jojo Moyes: „Er hat so lange gesucht, bis er ein Loch in Monets Zaun fand“

Aber mein Vater hat nicht aufgegeben, er hat so lange gesucht, bis er eine Stelle gefunden hat, an der wir durch den Zaun schlüpfen konnten. Ich werde nie vergessen, wie ich durch den Zaun in den Garten gesehen habe und meinen Vater dabei beobachtete, wie er ver­suchte, einen Weg hinein für mich zu finden. Es war ihm so wichtig, mir Monets Bedeu­tung und Werk nahezubringen! Diese Grenz­überschreitung, das gemeinsame unerlaubte Eindringen, war nicht nur aufregend, es hat­te auch etwas sehr Verbindendes; ein inten­siver Moment mit meinem Vater, unser klei­nes Geheimnis. Natürlich war es auch wunderschön, Monets Garten zu sehen. Der Garten, in dem auch die Seerosen blüh­ten, die ihn zu seinem wunderbaren Werk inspiriert haben.

Jojo Moyes, Foto: Stine Heilmann
Jojo Moyes, Foto: Stine Heilmann

Aufgezeichnet von Jörg Böckem

Service

Dieser Text erschien in

WELTKUNST Mr. 116 / 2016

Information

Jojo Moyes‘ neuer Kurzgeschichtenband „Kleine Fluchten: Geschichten vom Hoffen und Wünschen“ erschien im Oktober 2017.