05.07.2017 Sebastian Preuss

Max Friedländer – Sprachkunst hilft beim Schauen

Die Berliner Gemäldegalerie verdankt Max Friedländer einige ihrer schönsten Bilder, und seine Bücher sind Monumente der Kunstliteratur. Eine Biografie taucht jetzt tief ein in Leben und Werk des legendären Kenners, der am 5. Juli 150 Jahre alt geworden wäre

An der Universität lernt man Kennerschaft längst nicht mehr, aber in den Museen und am Kunstmarkt ist sie nach wie vor begehrt. Denn selbst die innovativsten technischen Untersuchungsmethoden, die raffiniertesten Auswertungen der Schriftquellen und des historischen Kontexts stoßen bei der Werkbestimmung häufig an ihre Grenzen. Dann kommt die gute alte Stilkritik ins Spiel; und damit der Kunstkenner. Er hat Tausende von Bildern gesehen und verfügt nach langer Augenschulung über so etwas wie visuelle Intuition. Den Idealfall eines Kenners – nämlich dessen, der zugleich ein virtuoser Autor war – hat es womöglich nur ein einziges Mal gegeben: Max J. Friedländer, der von 1896 bis 1933 entscheidend die Geschicke der Berliner Gemäldegalerie und des Kupferstichkabinetts prägte. Rund 800 Schriften hat er hinterlassen, zu seinen 30 Büchern gehört „Die Altniederländische Malerei“ in 14 Bänden (1924–37), bis heute ein Riesengebirge der Kunstgeschichte.

Max Friedländer 1927 im Berliner Kupferstichkabinett
Max Friedländer 1927 im Berliner Kupferstichkabinett (Foto: ullstein bild)

Der Schriftsteller und Kunsthistoriker Simon Elson, Jahrgang 1980, hat Friedländer nun ein bemerkenswertes Buch gewidmet. Der Untertitel „Biografische Skizzen“ ist eine etwas kokette Untertreibung, denn in gewaltiger Recherche und Archivarbeit hat Elson alle nur erdenklichen Fakten, Dokumente und Erinnerungsschnipsel aus Friedländers langem Arbeitsleben zutage befördert.
Friedländer wurde 1867 in Berlin in eine jüdische Bankiers- und Juweliersfamilie geboren, wuchs in der Nähe der Museumsinsel auf und frönte schon als Schüler so häufig der Bilderlust, dass er zweimal sitzenblieb. Das Studium schloss er nach sechs Semestern mit einer Doktorarbeit über Albrecht Altdorfer ab, die mit ihren selbstbewussten Neuzuschreibungen sofort Aufsehen erregte.
Wilhelm von Bode – der visionäre Direktor der Gemäldegalerie, der die Berliner Sammlungslandschaft wie kein zweiter je gestalten sollte – erkannte die Fähigkeiten Friedländers und stellte ihn 1896 als „Hülfsarbeiter“ ein. Acht Jahre später wurde er Zweiter, später Erster Direktor der Gemäldegalerie, von 1908 an leitete er zugleich das Kupferstichkabinett. Wer die „Ära Bode“ meint, sollte von der „Ära Bode/Friedländer“ sprechen, vor allem wenn es um den enormen Zuwachs der europäischen Sammlung geht. So entdeckte Friedländer eines der berührendsten Bilder der Gemäldegalerie, „Johannes in der Einöde“ von Geertgen tot Sint Jans. Von Hugo van der Goes identifizierte er die „Anbetung der Hirten“ sowie in Spanien den großen Monforte-Altar, mit einer Million Mark der damals teuerste Museumsankauf. Berlin verdankt Friedländer Werke von Hans Memling, Pieter Bruegel d. Ä., seinen einzigen Hieronymus Bosch und vieles mehr. Auch im Kupferstichkabinett war Friedländer ein höchst erfolgreicher Ankäufer.

Hugo van der Goes,
Hugo van der Goes, "Anbetung der Könige", Monforte-Altar, Öl/Holz, um 1470, 147 x 242cm (Foto:Wikimedia)

Viel erfährt man bei Elson über das Verhältnis von Museum und Kunsthandel. Für ihre Expertisen forderten Bode und Friedländer von den Händlern Schenkungen ans Museum und das Recht, neu aufgetauchte Meisterwerke als Erste sehen zu können; profitiert haben beide Seiten. Großen Raum nimmt die Kunsthistorikerwelt ein, zahllose Haupt- und Nebenfiguren werden beleuchtet, ohne dass dies je ermüdend wird. Friedländer war mit der Kunst verheiratet, über sein hermetisch abgeriegeltes Innenleben kann Elson nur dezent spekulieren. In allen Aspekten treten die Lebens- und Arbeitsumstände eines Museumsforschers hervor, und wie nebenbei schimmert die ganze Epoche mit ihrem Glanz und Elend immer wieder herein.
Die Nazis hatten keinerlei Respekt vor dem international gefeierten Gelehrten, sondern diffamierten ihn und trieben ihn gleich 1933 aus dem Museumsamt. 1939 emigrierte er samt Bibliothek, Fotosammlung und Haushälterin nach Amsterdam. Nach dem Einmarsch der Deutschen schützten ihn seine alten Museumskollegen, die nun in Holland dunkle Geschäfte mit Raubkunst machten. Göring persönlich, der manische Sammler, beschied: „Der Jude Friedländer soll nicht belästigt werden.“ Nach Deutschland kam Friedländer trotzdem nicht mehr; 1958 starb er mit neunzig in Amsterdam.

Simon Elson,
Simon Elson, "Der Kunstkenner Max J. Friedländer. Biografische Skizzen", Verlag der Buchhandlung Walther König

Elson nimmt uns mit auf eine lange Lebensreise, aber seine größte Leistung liegt in den eindringlich formulierten Analysen von Friedländers Denk- und Schreibweise. Meisterlich verstand dieser es, in knappen poetischen Formulierungen das Wesentliche einer künstlerischen Handschrift herauszuarbeiten. Friedländer setzte auf raffinierte Wortbilder, auf Metaphern, Aphorismen und kurze Zuspitzungen, um seine Beobachtungen dem Leser nahe zu bringen. Lange, erschöpfende Beschreibungen waren ihm ein Graus. „Ihre Glieder fahren auseinander. Trotz eingehender Modellierung im Einzelnen haben sie wenig Körperlichkeit und Gewicht im Ganzen“, so charakterisierte er die Figuren Rogier van der Weydens. „Sie erscheinen wie ausgetrocknet und blutlos, mit mageren Gliedern, die spitz auslaufen, mit unfrohen, bekümmerten Köpfen.“
„Sprachliche Prägnanz kann das Seh­erlebnis nicht ersetzen, aber vertiefen“, schrieb Friedländer 1946 in seinem resümierenden Buch „Von Kunst und Kennerschaft“. Zentral war für ihn die ästhetische „Persönlichkeit“ der Künstlers, ob er einen Namen hatte oder keinen. Friedländer beharrte auf der Bedeutung von Intuition und dem ersten Eindruck vor dem Original, aber auch darauf, dass sich der Kenner getrost einmal irren und seine Meinung ändern darf.
Elson, selbst Schriftsteller, hat ein subtiles Gespür für die Sprachkunst des Kunsthistorikers, und fast erscheint es, als formuliere er mit Friedländer um die Wette. Brillant geschrieben mit einer fast exzentrischen Ausdruckskraft, pointierten Thesen und scharfsinnigen Charakterisierungen in Hülle und Fülle, dabei alles selbstbewusst und eigenwillig: Da ist ein junger Autor an seinem Gegenstand gewachsen und beschenkt uns mit einem der faszinierendsten Kunstbücher der vergangenen Jahre.

Service

Literatur

Simon Elson, „Der Kunstkenner Max J. Friedländer. Biografische Skizzen“, 527 Seiten, Verlag der Buchhandlung Walther König, 48 Euro

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr.120/2016