05.07.2017 Peter Dittmar

Kunst im Netz - Was aus Europa regina wurde

Komische, satirische, politische Landkarten 

Ein Tiroler hat damit angefangen. 1537 gab Johannes Putsch, der sich zeitgeistgemäß Johannes Bucius Aenicola nannte, eine Karte von Europa heraus, auf der der Kontinent als eine gekrönte Frau mit Reichsapfel und Szepter, als „Europa regina“ dargestellt war. Graecia und Tartaria markierten ihre Füße, Germania den Busen und das Haar unter der Krone galt Hispania. Das machte bald Schule: 1570 in Sebastian Münsters Cosmographia oder in Heinrich Büntings Itinerarium Sacrae Scripturae von 1582. Die Münsteraner wollten da nicht zurückstehen. Sie bildeten 1621 / 22 ihr Bistum in Gestalt ihres Patrons als „Paulus-Karte“ ab. Was den Deutschen recht war, war den Niederländern billig. Also verwandelten sie die Kartenansicht der 17 Provinzen 1583 in den „Leo Belgicus“, den brabantischen Löwen, dessen Rücken die Küstenlinie markiert. Dieser allegorischen Ernsthaftigkeit folgte wenig später der Spott. Um 1590 erscheint die Ortelius-Weltkarte in einem Stich als Gesicht eines Narren, der dem Betrachter ein „Nosce te ipsum“ (Erkenne Dich selbst) und ein ganzes Bündel von Sentenzen zum Lob der Torheit entgegenhält.

Seitdem machten solche satirischen Kartenbilder Karriere. Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert hatten sie Konjunktur. Erst nach dem Ersten Weltkrieg flaute das Sujet ab. Aber fleißige Historiker und Blogger haben im Internet gesammelt, was seinerzeit der Propaganda wie der Belustigung diente. Denn in Kriegszeiten galt diese Form der Bildpolemik wider den Feind anscheinend als besonders wirkungsvoll. Das „Landkartenarchiv“ (www.landkartenarchiv.de) hat dem Genre eigens die Rubrik „humoristische Landkarten“ eingeräumt. 52 Blätter aus den Jahren 1870 bis 1918 repetieren da die nationalen Vorurteile: Germany ist da auf einer chinesischen Karte eine grimmige Bulldogge mit Pickelhaube, Russland ein Bär, eine Krake (Abb.) oder eine Dampfwalze, die die westlichen Länder bedrohen.

Ein knappes Dutzend der Blätter zum Ersten Weltkrieg, die im Landkartenarchiv nur reproduziert sind, finden sich bei „BibliOdyssey“, dem Blog für Bücher, Illustrationen und Materia Obscura, in dem Beitrag „Dogs of War“ (bit.ly/2s1Gh6C) erläutert. Und weil sich bei diesen Karten – wie oft bei historischen Karikaturen – die Anspielungen nicht von selbst erklären, schildert „An Imcomplete Evolution of the Cartoon Political Map“ (bit.ly/2se0tED) anhand von zwölf Blättern ausführlicher die politischen Implikationen dieser Karten. Das beginnt mit einem Kupferstich von James Gillray von 1791, auf dem Britannien als eine alte Frau mit dem Dreizack als Krücke auf einem monsterähnlichen Delfin sitzt. Und es endet 1900 bei „John Bull and his friends“, den Kontinentaleuropäern, die allesamt dem wackeren Soldaten jenseits des Kanals Übles wollen.

Zwar begegnet man auf ähnlichen Seiten wie der russischen „Geo-by“ (bit.ly/2ssW80I), „Historiana“ (bit.ly/2rgZrZ7) oder der niederländischen „Kaartencollectie“ (bit.ly/2rm8pzo) häufig denselben Karten. Aber stets sind da auch andere Beispiele zu entdecken. Das gilt vor allem für den britischen Händler Barron Maps (www.barronmaps.com) mit seinem umfangreichen Angebot von kuriosen, allegorischen, metaphorischen und politisch-satirischen Karten. Zu denen gehört beispielsweise „Das neue Kriegsspiel der Post“ von 1940, das das invasorische „Fahren und Fliegen gegen Engeland“ schmackhaft machen sollte. Oder „Le Jeu de la Libération“ von 1944 aus Brüssel, bei dem auf der Landkarte Berlin (mit Hakenkreuz markiert) das Ziel ist. Und mit der Internet-Adresse der „WWW-Virtual Library“ (bit.ly/2rhAZXw) gelangt man zu guter letzt auf eine Seite, die unter dem Stichwort „Curiosities, myths, maps of the imagination“ Links zu einzelnen satirischen Karten wie Sammlungen bündelt. Denn „Europa regina“ ist freundlicher wie sarkastischer Nachwuchs nicht versagt geblieben.

Service

Abbildung ganz oben:

„Humoristische Landkarte“: Russland als Krake (Abb.: www.landkartenarchiv.de)

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 11/2017