Kunstwissen

Stilkunde Koppchen

Die henkellosen Becher wurden in Europa Anfang des 18. Jh. zusammen mit Tee, Kaffee und Schokolade Mode

Von Gloria Ehret
07.12.2016

Lange vor 1700 berichteten Reisende von Kaffeehäusern im Osmanischen Reich, in denen man ein schwarzes Getränk aus kleinen „Schüsselein so groß als Salzbuechßlein“ konsumierte. Am Dresdner Hof trafen die ersten Kaffeebohnen 1672 ein – damals allerdings noch als Rarität für die kurfürstliche Kunstkammer. Doch sollte es nicht lange dauern, bis die Verbreitung der Heißgetränke Kaffee, Tee und Schokolade die Trinkkultur Europas revolutionierte. Sie ging einher mit der Erfindung des europäischen Hartporzellans durch Johann Friedrich Böttger 1708, der 1710 die Gründung der Meissener Manufaktur folgte. Vorher schon hatte ostasiatisches Porzellan im barocken Europa eine bedeutende Rolle gespielt. Das Interesse Augusts des Starken war so groß, dass der in kurfürstlichen Diensten stehende Physiker Johann Ehrenfried Walther von Tschirnhaus die Japaner und Chinesen als „Sachsens porzellanene Schröpfköpfe“ bezeichnet hat. Kein Wunder, hat doch die Kurfürstin 1699 für die Modegetränke „Porcelain Coffé und Theé zeug“ im Wert von 118 Talern über den holländischen Händler Johann Engelbrecht aus dem chinesischen Porzellan-Zentrum Jingdezhen erworben, darunter 52 Trinkschalen mit den dazugehörigen Unterschalen sowie fünf Spülkummen. Denn nach orientalischer Sitte trank man den Tee aus kleinen henkellosen Bechern und schwenkte sie zum Ausspülen der Teeblätter-Rückstände in einer größeren Schale, der „Kumme“. 1713 ist dann die erste Lieferung von Meissen-Service an den Dresdner Hof dokumentiert, die auch sechs „Teekopgen“ und einen Spülnapf umfasste. Beide neuen Gefäßformen gehörten fortan zu jedem Kaffee-Tee-Service. Diese spiegeln stilistisch die Dekor-Entwicklung der Meissener Porzellangeschirre. 

Zudem hielt die Manufaktur große Bestände an Weißware auf Vorrat bereit, die erst bei Bedarf bemalt wurden. So besitzt die Meissen-Sammlung Ernst Schneider in Schloss Lustheim bei München eine Teekanne und eine Kumme um 1725 mit übereinstimmendem Dekor von Weinstockrelief und Chinoiserie-Malerei, obwohl die Kumme aus Böttgerporzellan, das heißt einer Alabaster-Masse, besteht und die Teekanne aus Feldspatporzellan gefertigt ist. 

Schon damals waren die Märkte international: Hatten die Europäer Porzellan bis zur Meissen-Gründung aus Ostasien bezogen, so begehrten die Orientalen nun deutsche Erzeugnisse. 1732 ging die erste Bestellung über 24.000 Mokkatassen in Meissen ein. Fortan hießen die kleinen henkellosen Trinkschälchen für den orientalischen Markt ­“Türkenkoppchen“. Diese wurden ­angeblich zerstört, weil die muslimischen Käufer die Schwertermarke für ein christliches Kreuzeszeichen hielten! Also versah Meissen seine Exportkoppchen ­vorübergehend mit einem pseudo-chinesischen Zeichen. Als sich die Schwertermarke als Qualitätssiegel durchzusetzen begann, markierte beispielsweise die Nymphenburger Porzellanmanufaktur ihre Exportware mit dem eigenen Rautenschild und zusätzlich mit einer Schwertermarke. 1764 ist die erste Bestellung für Nymphenburg bekannt. Sie wurde über den in Wien ansässigen türkischen Dolmetscher Karl Toski abgewickelt. Und die Habsburg-Metropole entwickelte sich zu dem Umschlagplatz deutscher Türkenkoppchen in den Orient. Dem Farbgeschmack der Käufer entsprechend, kombinierten die Münchner den unterglasurblauen Dekor für die Umrisse der Muster mit bunter Aufglasurmalerei auch in Eisenrot und Gold. Neben der fernöstlichen Farbpalette übernahm man zudem beliebte Einzelmotive wie fliegende ­Vögel, Pflanzen, Blüten oder Felsen.

An dem international florierenden Markt beteiligten sich auch sogenannte Hausmaler, die weiße ­Porzellankoppchen aus Meissen dekorierten. Der sächsische Hof unterhielt traditionell beste Verbindungen zur Goldschmiedemetropole Augsburg, wo er Meissener Porzellane mit kostbaren Gold- und Silbermontierungen veredeln ließ. Auch die Augsburger „Feuermaler“ – so nannte man die Emailleure – wandten ihre Kunst alsbald auf das neue Medium Porzellan an.

Ab 1720 verzierten der Goldarbeiter, Emailleur und Silberhändler Johann Aufenwerth und seine drei Töchter weißes Meissen-Porzellan mit den beliebten Goldchinesen. Zum Themenspektrum der beiden Augsburger Brüder Bartholomäus und Abraham Seuter zählten darüber hinaus mythologische Szenen sowie Jagd- oder Genredarstellungen. In Breslau arbeitete Ignaz Preißler 1722 bis 1729 als Hausmaler, bevor er sich die nächsten zehn Jahre in Kronstadt betätigte. Die Porzellansammlung des Dresdner Zwingers besitzt eine in China bemalte Kumme aus Jingde­zhen, die er um 1720 mit seiner Spezialität, der Schwarzlotmalerei, überdekoriert hat. 

In Regensburg sind Ende des 18. Jahrhunderts fünf Hausmaler-Werkstätten tätig gewesen. Um 1790 scheinen allein Vater und Sohn Johann und Franz Matthias Willandt dort rund 300 Personen beschäftigt zu haben. Ihre bemalten Waren gingen dann über die Drehscheibe Wien in ihre östlichen Absatzgebiete. Mit den napoleonischen Feldzügen und der Revolution im Osmanischen Reich geriet der Absatz in Schwierigkeiten. Die Türkenkoppchen-Mode ging zu Ende, und Teetassen wurden längst mit einem Henkel ausgestattet.

Service

Abbildung ganz oben:

Weinstockmotive und Chinoiserien um 1725 in Schloss Lustheim (Foto: Bayerisches Nationalmuseum, München)

Dieser Beitrag erschien in:

WELTKUNST Nr. 122/2016

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