20.12.2016 Gloria Ehret

Zum Tod des Silberkenners Helmut Seling

Ältere WELTKUNST-Leser und Silber-Freunde können sich vielleicht noch erinnern: Zwischen 1979 und 1984 hat die WELTKUNST 43 Folgen zum Thema „Neue Typologie alter Goldschmiedemarken“ von Helmut Seling veröffentlicht. 1984 erschien die Zusammenfassung unter dem Titel „Europäische Goldschmiedemarken, die Sie nicht verwechseln sollten“ in Zusammenarbeit mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Helga Domdey-Knödler als Gemeinschaftswerk des C.H. Beck Verlags mit dem Weltkunst Verlag. Nun ist die führende Autorität auf dem Gebiet der Augsburger Goldschmiedekunst, der lebenslange Enthusiast und „Anwalt der Kunstwerke“ am 28. Oktober 2016 im Alter von 95 Jahren verstorben.

Helmut Seling verkörperte wie kein zweiter die glückliche Verbindung von Kunsthändler und Wissenschaftler auf höchstem Niveau. Er wurde am 12. Februar 1921 im oberösterreichischen Wels geboren. Nach Schuljahren in Dresden und Militärdienst begann er 1947 das Kunstgeschichtsstudium an der Universität Freiburg, das er dort 1952 mit der Dissertation über „Die Entstehung des Kunstmuseums als Aufgabe der Architektur“ abgeschlossen hat. Noch Jahrzehnte später, 1967 und 1976, bezog sich der große Architekturkenner Nikolaus Pevsner auf diese Arbeit. Nach anfänglicher Tätigkeit im Verlagswesen erkor Seling jedoch bald das historische Silber zu seinem Spezialgebiet. Seit1962 hat er als erster westeuropäischer Kunsthistoriker konsequent den Moskauer und St. Petersburger Museumsfundus erschlossen. 1964 eröffnete er als Silberspezialist eine eigene Kunsthandlung in München, die seit 1973 im Geschäft am Oskar-von-Miller-Ring, bis 2010 bestanden hat. Schon früh begann er mit der systematischen Bearbeitung der Augsburger Goldschmiedekunst, der ja vom späten 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts eine führende Rolle in Europa zukam. International wie Augsburger Goldschmiede in ihrer Blütezeit war auch Helmut Seling tätig. 1967 kam seine Biografie über den bis dato unbekannten Augsburger Goldschmied des 16. Jahrhunderts Hans Schebel heraus, 1967 der Katalog der Silbersammlung des Commendatore Giovanni Züst in St. Gallen. 1980 erschien Helmut Selings Opus Magnum: „Die Kunst der Augsburger Goldschmiede 1529–1868“ in drei Bänden.

Helmut Seling,
Helmut Seling, "Die Augsburger Gold- und Silberschmiede 1529-1868", Verlag C.H. Beck

Im selben Jahr engagierte er sich erfolgreich dafür, dass das berühmte Augsburger Tafelsilber des Hildesheimer Fürstbischofs Friedrich Wilhelm von Westphalen, das in Genf der Versteigerung harrte, im Kernbestand als geschlossenes Ensemble zusammen blieb und 1981 vom Bayerischen Nationalmuseum erworben werden konnte. Seit über zwanzig Jahren zählt die prunkvoll eingedeckte Festtafel zu den vielbewunderten Glanzlichtern des Hauses an der Prinzregentenstraße. 1986 erarbeitete Seling den Ausstellungskatalog zu Fritz Thyssens Sammlung figürlicher Trinkgefäße deutscher Goldschmiedekunst der Spätrenaissance und des Frühbarock. Auch diese Kollektion verblieb nicht zuletzt dank seiner Vermittlung im Bayerischen Nationalmuseun. Seling war maßgeblich an der Restaurierung und wissenschaftlichen Zuordnung der silbernen Augsburger Altarfiguren der Marienkapelle in Tschenstochau beteiligt, als deren Meister Hans Andreas Anthoni sowie Hans Jakob I und Hans Jakob II Bair erforscht wurden. Die Figuren selbst wurden im Bayerischen Nationalmuseum restauriert und 1987 sowie noch einmal 1994 in der bedeutenden Ausstellung „Silber und Gold. Augsburger Goldschmiedekunst für die Höfe Europas“ dort auch präsentiert.

Eine Terrine des Hildesheimer Tafelservices aus dem Bayerischen Nationalmuseum
Eine Terrine des Hildesheimer Tafelservices aus dem Bayerischen Nationalmuseum (Foto: Bayerisches Nationalmuseum München)

Ebenfalls 1987 bearbeitete Seling die Goldschmiedewerke im Wadsworth Atheneum in Hartford aus dem legendären Besitz des berühmten amerikanischen Sammlers Pierpont Morgan. Die Reihe seiner internationalen Aktivitäten ließe sich lange fortsetzen. 1988/89 sorgte er dafür, dass der Hanauer Ratspokal aus einer ausländischen Privatsammlung nach Hanau in das dortige Stadtmuseum heimkehren konnte. In diesem Zusammenhang zeichnete er auch den Lebensweg seines Schöpfers, des Goldschmieds Hannß Rappolt nach. Seine wohl nachhaltigste und wichtigste Unternehmung war die Übergabe seines Archivs zur Augsburger Goldschmiedekunst mit Tausenden von Markenabdrücken und Markenzeichnungen an das Bayerische Nationalmuseum anlässlich seines 70. Geburtstags im Jahr 1991. Neben einer Vielzahl neuer Publikationen hat er sein Hauptwerk zur Augsburger Goldschmiedekunst mit der jüngeren Silberspezialisten-Generation wie Ulrike Weinhold, Annette Schommers oder Stephanie Singer mehrfach aktualisiert und erweitert.  Auch als Lehrbeauftragter der Ludwig-Maximilians-Universität in München oder Mitbegründer des Freudeskreises „Coniuncta Florescit“ des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und mit dem von ihm initiierten Werner Hauger Stipendium (heute Forschungspreis Angewandte Kunst am Zentralinstitut) lag Seling die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses besonders am Herzen. Zum 80. Geburtstag wurde Helmut Seling 2001 mit der vom Bayerischen Nationalmuseum herausgegebenen vielbeachteten wissenschaftlichen Festschrift „Europäische Goldschmiedekunst des 14. bis 20. Jahrhunderts“ gewürdigt. Auch nach Schließung seiner Kunsthandlung blieb er in Kontakt mit internationalen Kollegen, tauschte sich mit Restauratoren aus und blieb als Gutachter, Berater und Sachverständiger weithin gefragt. 2007 erschien die komplett überarbeitete Neuausgabe von Band 3 seiner „Augsburger Goldschmiedekunst“ mit einer Markenwiedergabe in neuester, ausgefeilter Technik.
Als Doyen der deutschen Goldschmiedeforschung, Grandsegneur und Gentleman bleibt er allen, die ihn gekannt haben, in unvergesslicher Erinnerung.

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WELTKUNST Nr. 124/2017