12.03.2016 Ivo Kranzfelder

Neues Buch von Julia Voss zum Kunstmarkt

„Hinter weißen Wänden“ von Julia Voss blickt auf den Hintergrund des Kunstmarkts.

Julia Voss, Hinter weißen Wänden. Behind the White Cube, Berlin, Merve Verlag, 2015, 18 €
Julia Voss, Hinter weißen Wänden. Behind the White Cube, Berlin, Merve Verlag, 2015, 18 €

Es ist sicherlich zu einem großen Teil, wenn auch nicht ausschließlich, der Digitalisierung beziehungsweise dem Internet geschuldet, dass derzeit, um es vorsichtig auszudrücken, eine massive Skepsis gegenüber medial verbreiteten Informationen um sich greift. Letztlich war es schon immer so, dass wir nur einen winzigen Teil dessen, was wir zu wissen vermeinen, durch unmittelbares Erleben erfahren. Den riesigen Rest unserer Kenntnisse haben wir aus Medien. Deshalb, das aber nur nebenbei, wäre es wesentlich wichtiger, an Schulen das Fach Medienkunde zu unterrichten, statt sich auf „Wirtschaft“ zu kaprizieren.

Der adäquate Umgang mit Informationen hieß früher einmal, zumindest in den historischen Wissenschaften, Quellenkritik: die weitgehende Annä- herung an eine möglichst objektive Rekonstruktion von Wirklichkeit aufgrund von Beschaffung und kritischer Beurteilung verschiedenartigster Quellen und Informationen. Sind solche Informationen bildlicher Natur, wäre dafür ein Fach zuständig, das den heute etwas altertümlich anmutenden Namen Kunstgeschichte trägt. Zwar wurde letztere vor nicht allzu langer Zeit zur „Bildwissenschaft“erweitert,undeswurdeder„pictorialturn“ oder „iconic turn“ ausgerufen, aber darüber vergaß man gelegentlich die historische und quellenkritische Ausrichtung der Wissenschaft. Das gilt vor allem für die neuere Zeit – und dazu kann man leicht die letzten eineinhalb Jahrhunderte zählen, nicht in ihrer Gesamtheit, aber doch punktuell, und graduell zur Gegenwart hin ansteigend. Der Grund dafür ist simpel und liegt im Wortsinn verborgen in einem immanenten und mehr denn je wirkmächtigen Teil dieser komplexen Geschichte, im Markt. Dieser Markt ist, wie es immer heißt, diskret. Und, durch den Begriff „Markt“, mehr oder weniger anonymisiert – so, wie es auch in einer bestimmten und derzeit vorherrschenden Richtung der Ökonomie propagiert wird: Der Markt regelt alles. Nun setzt sich dieser ominöse Markt aus Marktteilnehmern zusammen, und diese, sowie ihre Beziehungen untereinander, sind alle klar benennbar. Der Markt selbst ist ein Mythos. Ein prominenter Marktteilnehmer, der Galerist Leo Castelli, beschrieb 1966 seine Rolle und Aufgabe in diesem Netzwerk folgendermaßen: „Warum sollte irgendwer einen Cézanne für 800 000 Dollar kaufen wollen? Was ist ein kleines Cézanne-Haus inmitten einer Landschaft? Warum sollte es einen Wert haben? Weil es ein Mythos ist. Wir machen Mythen über Politik, wir machen Mythen zu allem, ich muss mit Mythen von 10 Uhr morgens bis 6 Uhr abends arbeiten. In meiner Verantwortung liegt das Mythenmachen aus Mythen-Material – das, wenn man angemessen und ideenreich damit umgeht, die Arbeit des Händlers ist – und ich muss mich dem voll und ganz hingeben. Einen Mythos kann man nicht bedächtig aufbauen.“

Das Zitat ist einem Buch mit dem Titel Hinter weißen Wänden. Behind the White Cube entnommen, die Autorin Julia Voss ist Kunstkritikerin und stellvertretende Leiterin des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Buch weist weit über sein eigentliches Thema, ein engagiertes Plädoyer für mehr Transparenz am Kunstmarkt, hinaus. Anhand vieler Beispiele durchleuchtet Voss PR-Strategien zur Konstruktion von Künstlerkarrieren, Marktstrategien durch Monopolbildung, Vernebelungsstrategien und eben die Mechanismen der Mythenbildung. Dabei nimmt sie ihre eigene Zunft nicht aus. Zurecht beklagt sie das symbiotische Verhältnis von Kritikern und Galeristen, Sammlern oder Auktionshäusern. Oft zieht die Wissenschaftshistorikerin Vergleiche mit den Naturwissenschaften. So wirkten Texte über Ausstellungen, zitiert sie den Kunsthistoriker James Elkins, als ob „Physiker erklärten, sie möchten das Weltall nicht mehr verstehen, sondern einfach nur genießen“. Wobei solche Texte für den Leser meist keinen Genuss darstellen – Carl Einstein sprach in dieser Hinsicht von der „Rache der verhinderten Dichter“. Im Gegensatz dazu betreibt Voss Aufklärungsarbeit und erinnert daran, dass die Wissenschaft für vergangene Epochen durchaus brauchbare Methoden entwickelt hat und anwendet:

„Kein Renaissance-Forscher etwa könnte es sich leisten zu behaupten, ihn interessiere das Umfeld eines Künstlers nicht, die Käufer, die Auftraggeber, die Förderer.“ Nur bezüglich der jüngsten Vergangenheit beziehungsweise der Gegenwart funktioniert das kaum.

Die Publikation steht in einer Reihe mit zahlreichen anderen Artikeln und Büchern zum Thema. Daraus einen Vorwurf konstruieren zu wollen, wäre unredlich; nur steter Tropfen höhlt den Stein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt evoziert die Lektüre viele Analogien in großen Konzernen, in Banken, in der Medienlandschaft. Allen ist gemeinsam, dass die dahinter stehende kriminelle Energie und Vorgehensweise sowohl in der Presse als auch von der Justiz äußerst milde behandelt werden. Was man sich von Voss’ Schrift hätte wünschen können, wäre mehr Schärfe gewesen. Aber schließlich ist sie ja doch Teil des Systems, über das sie schreibt. Und ein ganz bestimmtes Ausmaß an Kritik ist im geltenden System schon, wie es so schön heißt, „eingepreist“. „Was widersteht, darf überleben nur, indem es sich eingliedert. Einmal in seiner Differenz von der Kultur- industrie registriert, gehört es schon dazu wie der Bodenreformer zum Kapitalismus“ (Horkheimer/Adorno). Trotzdem ist das Buch von Julia Voss absolut lesenswert, ein weiteres Steinchen in einem – zugegeben – noch sehr unvollständigen Mosaik, mit dessen Vervollständigung ein immer noch schöngeistig dominiertes Fach sich extrem schwer tut. Entscheidende Fragen sind doch auch: Wer könnte überhaupt ein konkretes (und nicht nur idealistisches) Interesse an mehr Transparenz haben? Und aus welchen Gründen? Da wäre dann interdisziplinäres Arbeiten gefragt.