19.04.2017 Sebastian Preuss

Nachruf auf Michael Kewenig

Der Berliner Galerist starb völlig unerwartet in Palma de Mallorca

Ästhetik ist mehr als nur Schönheit der Form. Ästhetisches Bewusstsein geht weit über bloße Oberflächen und Stil hinaus, es ist eine Lebenshaltung. Wer je Michael Kewenig und seinen Umgang mit gestalterischen und künstlerischen Fragen erlebt hat, der konnte das in faszinierender Weise erleben. Der Berliner Galerist war einer, der keine Kompromisse einging, wenn es um das Aussehen seiner Umwelt ging. Und schon gar nicht, wenn es um die Kunst ging. Bis ins kleinste Detail stimmte bei ihm immer alles. So geschmackssicher war kaum ein zweiter in der Kunstszene. Das Ringen um ästhetische Fragen war bei Kewenig Teil des Lebens; das betraf auch Musik und Literatur, überhaupt Bildung, und den sorgsamen Umgang mit der Sprache. Ein Gespräch mit ihm – die Worte elegant und expressiv moduliert – war immer ein anregender Genuss. Auch gutes Essen und Trinken war für ihn übrigens immer wichtig.

Gespür für Architektur und Material

Hingebungsvoll hat Kewenig sich mit dem Architekten Oswald Mathias Ungers über die Auswahl der richtigen Ziegelsteine gestritten, als dieser dem Wasserschlösschen Haus Bitz in Frechen bei Köln einen Anbau hinzu fügte. In den Achtziger- und Neunzigerjahren pilgerten nicht nur die rheinischen Kunstfreunde dorthin. James Lee Byars, Christian Boltanski, Jannis Kounellis, um nur die prominentesten Namen zu nennen, waren dort zu sehen. Im elegischen, dabei perfekt gepflegten Garten stand eine große Guillotine-Skulptur von Ian Hamilton Finlay. Akribisch genau war das alte Gemäuer instandgesetzt, und man sah schnell, dass hier jede neue Zutat, jeder Lichtschalter, jede Fliese und jedes Möbel einer intensiven Auseinandersetzung entsprang. Der Besuch von Haus Bitz war ein ganzheitlich ästhetisches Erlebnis. Nichts blieb bei Kewenig dem Zufall überlassen, mit großer Energie konnte er den seltensten Materialien und noch dem unscheinbarsten Gegenstand nachspüren.

Galeristentätigkeit seit 1986

An Ostern ist Michael Kewenig, noch nicht einmal siebzigjährig, in Palma de Mallorca ganz plötzlich gestorben. Nichts deutete daraufhin, als wir eine Woche zuvor über eine Zusammenarbeit für einen Katalog sprachen. Kewenig hinterlässt seine Frau Jule, mit der er die Galerie seit 1986 betrieb, und seinen Sohn Justus, der seit einigen Jahren im Unternehmen mitarbeitete. Und er hinterlässt zahllose Freunde. Denn Freundschaft und geselliges Leben werden im Haus Kewenig großgeschrieben. Einen großen Anteil daran hatte immer Jule, ehemalige Gattin von Markus Lüpertz und Michael Werner, die Kewenig im Jahr 1985 heiratete. James Lee Byars war Trauzeuge. Jule, die schönste Frau der Kunstszene, die große Muse und Künstlerfreundin, wollte nach der Trennung von Werner ohnehin eine Galerie gründen. Kewenig, aus einer alten rheinischen Familie stammend, war kunstbegeistert und arbeitete als erfolgreicher Anwalt in Düsseldorf. Da er gerade für sich Haus Bitz sanierte, entstand die Idee, dort die Galerie anzusiedeln. Eigentlich wollte er Jule nur in der ersten Zeit beim Organisatorischen helfen. Dann wurden mehr als dreißig Jahre daraus.

Jule und Michael Kewenig ergänzten sich

Jule brachte ihre Künstlerfreundschaften, ihr warmherziges Kommunikationsgenie und ein untrügliches Gespür für gute Kunst mit, Michael hatte das notwendige geschäftliche Geschick, gesellschaftliche Verbindungen, Liebe zur Kunst und sein kompromissloses Qualitätsbewusstsein in allen ästhetischen Dingen. So ergänzten sie sich, wuchsen beide in den Galeristenberuf hinein und wurden rasch zu einem Fixpunkt der rheinischen Kunstszene. Spektakuläre Ausstellungen waren hier zu sehen: Byars schwebte wie von Geisterhand auf dem Wassergraben, Finlay inszenierte seine lyrischen Landschaftsinterventionen, Boltanskis Erinnerungsbilder gelangten von hier aus zum ersten Mal in eine deutsche Museumssammlung. Und es gab Gruppenschauen mit poetischen Titeln wie „Blue Branches“, „Terzo Temporo in Antis“ oder „Musée du visage africain“.

Große Künstlernamen

Eine strenge, asketische Konzeptkunst war die Domäne der Galerie – allenfalls in der entrückten, träumerischen Version von Byars. Ansonsten ist das Programm nicht unbedingt auf einen Nenner zu bringen. Vielleicht kann man es eine bezwingende Anschaulichkeit nennen, was die Kewenigs pflegten. Broodthaers, Copley, Anselmo, Kentridge oder die Kabakovs: Eine stolze Reihe großer Namen gehören zum Programm. Zuletzt kam der mittlerweile millionenteure Maler Sean Scully hinzu.

Kein Wunder, dass es Aufsehen erregte, als Kewenig 2013 mit einer großen Boltanski-Schau die Galerie in Berlin eröffnete. Seit 2002 war sie in der Kölner Innenstadt ansässig gewesen; das Rheinland war nicht mehr Brennpunkt des Geschehens, darum kamen auch immer weniger Besucher hinaus in das Wasserschloss. Jule eröffnete 2004 eine Dependance in Palma de Mallorca, und Michael entschloss sich in Berlin noch einmal zu einem Neuanfang. Wieder einmal spielte eine außergewöhnliche Immobilie eine Rolle. Nach endlosen Verhandlungen konnte Kewenig in Berlin das zweitälteste Haus der Stadt, erbaut im späten 17. Jahrhundert, erwerben. Die Restaurierung und behutsame Aneignung des Palais war eine Aufgabe ganz nach seinem Geschmack. Es wurde einer der schönsten Kunstorte Berlins daraus. Vor allem aber machten die hochkarätigen Ausstellungen mit Boltanski, Kounellis, Kentridge oder Scully selbst in der kunstverwöhnten Hauptstadt Furore.

Kraftzentrum der Galerie

Michael Kewenig hat sich immer wieder lustvoll in gewaltige Aufgaben gestürzt und kunsthändlerisch ein großes Rad gedreht. Er war das Kraftzentrum der Galerie; auf Jule, Justus und sein Team kommt jetzt die enorme Aufgabe zu, das Werk weiterzuführen. Und die Kunstwelt hat einen charaktervollen Menschen mit ganz eigenem Stil verloren, wie es sie immer weniger gibt.