13.01.2017 Tim Ackermann

Im Rausch der Insel

Vor 20 Jahren öffnete der Galerist Rainer Herold eine Dependance auf Sylt – und dem Erfolg die Tür. Der Fotograf Armin Smailovic hat die Kunsthändlerfamilie in den hohen Norden begleitet. Und schuf ein unkonventionelles Porträt. 

Das diesige Meer vor Sylt sieht aus wie eine leere Leinwand: eine graue Wand aus Himmel und Gischt, aufgebrochen allein vom Weiß der Wellen am unteren Bildrand. In der Fotografie von Armin Smailovic öffnet sich ein weiter Raum, der unzählige Möglichkeiten verspricht. Rainer Herold muss dieses Gefühl der Freiheit gespürt haben. Vor 20 Jahren wählte er die Insel im nordwestlichsten Zipfel der Republik als Zweitstandort. Aus einer Laune heraus, wie er erzählt: Freunde hätten dem Hamburger Galeristen während eines Urlaubs vorgeschlagen, das Geschäft im Sommer nach Sylt zu verlegen: „Am Pfingstmontag fuhren wir nach Kampen und schauten uns leer stehende Ladenräume hinter dem Dorfkrug an. Am Mittwoch unterschrieb ich den Vertrag, am Freitag wurde renoviert, und am Sonntag hatte ich schon mein erstes Bild verkauft – ein Gemälde von Ivo Hauptmann. Seitdem ist Sylt eine Erfolgsgeschichte.“ 

Foto: Armin Smailovic
Foto: Armin Smailovic

Erfolge soll man feiern, Jubiläen erst recht, und so hat die Galerie Herold Armin Smailovic mit Aufnahmen für einen Bildband beauftragt, von denen wir eine Auswahl zeigen. Drei Tage wohnte der Münchner Fotograf, dessen Bandbreite von erschütternden Sozialreportagen bis zu Starporträts reicht, bei den Herolds, setzte die Galeristenfamilie in Szene, in Schwarz-Weiß und ohne die inseltypische Postkartenidylle. Sylt-Feeling vermitteln die Bilder dennoch – mit ihren Strandkörben bei Schietwetter, den trocken gelagerten Booten und feuchtfröhlichen Zusammenkünften. Die Kunst spielt nur eine Nebenrolle. Stattdessen Szenen, die für den Anlass gewagt erscheinen: Ehefrau Karin Herold­ mit einem Leuchter vor der Stirn wie eine zu groß geratene Krone. Und der Galeriegründer selbst beim Vollbad in der Wanne, Rasierschaum um die Nase und die Klinge in der Hand. Könnte es nicht sein, dass sich seine Kunden darüber schieflachen? „Ja, lass sie doch!“, sagt Herold, und hinter der Hamburger Satzmelodie klingt tiefe hanseatische Gelassenheit mit. Lange hätten sie beraten, was sie zum Jubiläum am besten machen: „Einfach die Kunst abzubilden, die wir in den letzten 20 Jahren verkauft haben, wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Aber mir war das zu langweilig. Zumal es dann immer Sammler gibt, die sich beklagen, weil ausgerechnet ihr Bild nicht mit dabei ist.“

Foto: Armin Smailovic
Foto: Armin Smailovic

So kam es zur Zusammenarbeit mit Smailovic. „Armin nach Sylt zu schicken, war eine gemeinsame Idee vom Designbüro OFF in München, das unseren Jubiläumsband gestaltet hat und meinem Onkel Norbert, der in München als Werbegrafiker arbeitet“, erzählt Patrick Herold, der Sohn des Galeriegründers. Das Porträt sollte nicht nur Rainer Herolds Arbeit wiedergeben, sondern auch die nachfolgende Generation in den Blick nehmen: Tochter Katharina Marie führt seit 2014 eine Dependance der Galerie im Sylt-Dorf Keitum, wo sie mit Kunst und Antiquitäten sowie selbst entworfenem Schmuck handelt. Patrick­ Herold und seine Lebensgefährtin Elizabeth Polkinghorne kümmern sich seit 2015 an den Standorten Hamburg und Kampen vor allem um zeitgenössische Künstler, etwa den aus Bremen stammenden Max Frisinger. 

Foto: Armin Smailovic
Foto: Armin Smailovic

Seine erste Galerie eröffnete Rainer Herold­ 1978 in Hamburg-Bergedorf. Schnell fand er seinen Interessenschwerpunkt: vergessene Künstler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus Hamburg und der Region. „Ich hatte zuvor in der Werbung gearbeitet und immer den Kunstmarkt beobachtet“, erzählt Herold. „Ich war verblüfft, wie billig diese Künstler waren. So konnte ich an die Werke relativ leicht herankommen.“ Die erste Publikation erschien 1981 über Friedrich Kallmorgen, einen Hamburger Maler, der sich um 1900 zwischen Realismus und Impressionismus bewegte. Kallmorgen und andere Freilichtmaler aus dem Hamburgischen Künstlerklub von 1897 – Arthur Illies, Julius von Ehren, Arthur Siebelist oder Thomas Herbst – bildeten den ersten Schwerpunkt im Galerieprogramm. Ein zweiter wurden die Künstlerinnen und Künstler der 1919 gegründeten und bereits 1933 wieder von den Nationalsozialisten aufgelösten Hamburgischen Sezession, die sich an Postimpressionismus und Expressionismus orientierten – Anita Rée, Alma del Banco oder auch Ivo Hauptmann. Die Galerie stellte ihre Werke kontinuierlich aus und hob die Preise schrittweise an, bis die Künstler plötzlich wieder auf dem Radar waren. „Ich habe den Markt gemacht. Dafür sind mir die Auktionshäuser und einige Kollegen sehr dankbar“, sagt Herold selbstbewusst, der heute in den Colonnaden, einen Steinwurf vom Jungfernstieg entfernt, residiert.

Foto: Armin Smailovic
Foto: Armin Smailovic

Die Öffnung der Sylter Dependance vor 20 Jahren brachte dann zwei Neuerungen mit sich: Karin Herold gab ihren Beruf als Lehrerin auf, um Vollzeit im Kunsthandel mitzuarbeiten. Und der Blick weitete sich nun auf die klassische Moderne. Oft auch norddeutscher Provenienz: „In den letzten acht Jahren habe ich bestimmt 50 Noldes verkauft“, erzählt Herold. Er schickt sie sogar bis in die Südstaaten der USA, nach Baton Rouge, wo ein treues Sammlerpaar lebt. „Die beiden besuchten eines Tages unsere Galerie auf Sylt. Genau darauf arbeitet man sein ganzes Leben hin: Das irgendwann so jemand Tolles zur Tür hineinkommt und von der Kunst begeistert ist.“

Foto: Armin Smailovic
Foto: Armin Smailovic

Abseits der biografischen Wurzeln im Sylter Sand – Rainer Herold lebte als Junge im Alter von acht bis sechzehn Jahren schon einmal auf der Insel, erinnert sich an Bolzpartien am Strand und wie er im Tennisclub als Balljunge einmal Freddy Quinn die Bälle zuspielte –, abseits aller Kindheitsnostalgie also gibt es für Sylt einfach ein paar sehr gute Businessargumente: „Die acht bis zehn Wochen, die wir in den Sommerferienmonaten hier verbringen, sind für uns ist die entscheidende Saison. Und der wichtigste Monat ist der August“, sagt Herold. Man stellt sich vor, wie andernorts im deutschen Hochsommer kollektiv die Galerierollläden herunterrasseln. Nicht so bei den Herolds auf Sylt. „Uns ging es in Hamburg ja auch so: Das Sommerloch wurde größer und größer – es reichte irgendwann von Ende Mai bis Mitte September.“ Außerdem, gibt der Galerist zu bedenken, müsse man in Hamburg dauernd besondere Events veranstalten, damit die Leute auch in die Galerie kommen. Die Insel im Sommer sei dagegen wie eine lange Messe. Jeden Tag brächten 20 Züge neue Urlauber, von denen 95 Prozent die Galerie noch nicht kennen. Darunter gebe es immer ein paar, die hochinteressant seien, sagt Herold. „Das ist das Geheimnis von Sylt.“

Foto: Armin Smailovic
Foto: Armin Smailovic

Man muss an die humorvollen Smailovic-Fotos denken, an die lässig vor dem Haus posierende Herold-Familie. Könnte es vielleicht sein, dass das Galeristendasein auf Sylt eine Spur zu einfach ist? Herold­ lacht. „Das denken einige meiner Kunden auch“, berichtet er. „Die glauben, wir machen hier zehn Wochen Sommerurlaub. Und es ist ja wirklich paradiesisch: Wir gehen jeden Morgen im Meer schwimmen. Aber danach gehen wir in die Galerie.“

Foto: Armin Smailovic
Foto: Armin Smailovic

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Armin Smailovic

DIESER BEITRAG ERSCHIEN IN

WELTKUNST Nr. 124/2017