12.03.2016 Bernt Ture von zur Mühlen

Bildungsbürger für Antiquaria!

Wider den Untergang des Bildungsbürgerlichen! Vom 29. bis zum 31. Januar findet in Stuttgart die weltweit bedeutendste Antiquariatsmesse statt.

Vom 29. bis zum 31. Januar findet in Stuttgart die weltweit bedeutendste Antiquariatsmesse statt. Die Traditionsveranstaltung geht zum 55. Mal über die Bühne, diesmal nehmen 70 Händler teil, darunter 17 aus dem europäischen Ausland. Das erstklassige Angebot umfasst alle Bereiche des klassischen Antiquariats, von mittelalterlichen Handschriften über Inkunabeln und illustrierte Prachtwerke bis hin zu Atlanten, Grafik, Kunst und Autografen. Es ist eine beeindruckende Leistungsschau, die allerdings ganz im Schatten der Diskussionen über das geplante Kulturgutschutzgesetz steht. Die Sorgen des Handels sind nachvollziehbar, sollte das Gesetz in der geplanten Form in Kraft treten. (s. KUA 20 / 2015, S. 42). Wie seit Jahren üblich interessiert sich die sensationslüsterne Presse ausschließlich für das Objekt mit dem höchsten Preis. Mit dem Rest des großartigen Angebots kann sie nichts anfangen. Selbstverständlich verdient die Handschrift eines mittelalterlichen Epos für 2,4 Millionen Euro eine besondere Hervorhebung. Heribert Tenschert, der in seinem Antiquariat Bibermühle Herr über die weltweit größte Privatsammlung mittelalterlicher Handschriften ist, hat diese einmalige Kostbarkeit mitgebracht. Aber das breit gefächerte Angebot sollte deshalb nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Einige Beispiele sollen die Vielfalt der Sammelgebiete dokumentieren. Reiss & Sohn aus Königstein glänzt mit einem Konvolut von Dokumenten mit den wichtigsten Schriftstücken zur Wiederaufnahme des Ilmenauer Bergbaus gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe hatte sich als Bergbaudirektor bemüht, den Silberabbau in der Ilmenauer Mine voranzutreiben. 1784 begann das Schürfen, 1796 war damit Schluss. Man hatte kaum Silber gefunden. Die Bewunderer Goethes hören es ungern, aber der große Dichter verstand nichts vom Bergbau. Zu Preisen zwischen 1800 und 4000 Euro sind die Reden Goethes und die Begleitschreiben erhältlich. Ein weiteres Rarissimum ist ein „Schreib Kalender auff das Jar Christu von 1553“. Der Melanchthon-Schüler Johannes Heller gab erstmalig nach Erscheinen von Kopernikus’ Himmelsgesetzen einen Kalender mit den Zeiteinteilungen nach dem neuen Weltbild heraus. In keiner deutschen Bibliothek nachweisbar (9000 Euro). Für Kunstliebhaber gibt es bei Heckenhauer aus Tübingen Entdeckungen zu machen. Schon in den vergangenen Jahren hatte das Antiquariat erlesene Blätter der frühen Expressionisten auf der Stuttgarter Messe verkaufen können. Jetzt findet sich Druckgrafik von Conrad Felixmüller, HAP Grieshaber, Erich Heckel und anderen großen Namen. Das Glanzstück ist ein „Stehender Frauenakt im Atelier“, verso ein „Schlafendes Mädchen“ von 1913 und 1914, zwei Tuschezeichnungen auf Bütten, 51 mal 25 Zentimeter, signiert und mit Provenienznachweis (22.800 Euro). Der auf Autografen spezialisierte Eberhard Köstler aus Tutzing hat aus seiner vollen Schatzkiste einige hochinteressante Schriftstücke von Else Lasker- Schüler mitgebracht, Briefe aus den letzten Lebensjahren der im Umgang mit Freunden schwierigen Dichterin im Jerusalemer Exil, Dokumente einer neuen und wieder vergehenden Freundschaft mit dem Künstlerehepaar Krakauer-Wolf, dazu Gelegenheitsgedichte und die mit Prinz Jussuf signierten Zeichnungen, alles bisher unveröffentlicht (3000 – 6800 Euro). Eine Hervorhebung verdienen die frühesten Ausgaben der Werke von Stefan George, die in Auflagen von nur 100 beziehungsweise 200 Exemplaren erschienen sind. 2500 Euro für die Pilgerfahrten und 2800 Euro für Das Jahr der Seele von 1897 notiert der Katalog. Alle Objekte sind am ersten Messetag erhältlich. Bei mehreren Kaufgesuchen wird gelost.

Parallel findet in der Ludwigsburger Musikhalle wieder die Antiquaria statt. Die Stuttgarter Antiquarin Petra Bewer hat wieder einmal ein organisatorisches Meisterwerk bewältigt, um die von ihr vor 30 Jahren gegründete Messe stattfinden zu lassen. Erfreulicherweise alles wie immer: Die Ludwigsburger Eintrittskarte gilt auch in Stuttgart als Kombikarte, 55 renommierte Antiquare sind vertreten, darunter einige aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Italien. Es gibt wie immer ein Rahmenthema, das diesmal der Musik gewidmet ist. Und auch in diesem Jahr wird der Antiquaria-Preis verliehen. Der mit 8000 Euro dotierte Preis für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Buchkultur geht an den Sammler Manfred Heiting und den Kunstwissenschaftler Roland Jaeger für das von ihnen herausgegebene Werk „Autopsie. Deutschsprachige Fotobücher 1918–1945“. Das 1500 Seiten starke Opus gilt als Meilenstein der buch- und kunstwissenschaftlichen Erforschung von Fotobüchern. Ohne Sentimentalität, mit kühler Sachlichkeit, konstatiert der Werbevorspann der Antiquarin den veränderten Lauf der Dinge in der Welt des antiquarischen Buchhandels: „Ein Trend ist nicht zu übersehen: der Untergang des Bildungsbürgerlichen in all seinen Spielarten.“ Wie wahr. Aber diese Analyse zu lesen, schmerzt. Wer heute einen Gang durch die letzten verbliebenen tradi- tionsreichen Antiquariate macht, vorbei an nicht mehr verlangten Klassikern in prachtvollen Ledereinbänden mit Goldprägedruck, der ahnt etwas von diesem Kulturverlust. Aber mit erfreulichem Optimismus verkündet die Antiquarin: „Es wächst etwas Neues nach, vieles ist in Bewegung, es wird experimentiert, und es macht Spaß, dem zuzusehen!“

Zum Rahmenthema Musik haben sich einige Antiquariate etwas einfallen lassen. Torsten Sander aus Dresden bietet Kuriosa an, beispielsweise den Klagegesang der Schiedsrichter aus dem Liederbuch für Fussballspieler (700 Euro), Liederbücher deutscher Motorradfahrer ( 700 Euro), auch die Lieder von Uhrmachern (200 Euro) und Berliner Straßenbahnfahrern (200 Euro) sind vorhanden. Gespannt sein darf man auf das Gejaule deutscher Briefmarkensammler (700 Euro). Lorych aus Berlin hat eine von den Rolling Stones signierte Bordzeitung von 1965 (Abb.) für 1700 Euro. Krüger aus Köln hat Exponate vergangener Jahrhunderte, so zum Beispiel das von Martin Luther hochgelobte „Gesangbuch Geistliche Lieder“ von 1545 für 42.000 Euro.

Ludwig Wittgensteins Erstling „Logisch-philosophische Abhandlung“ von 1921 kann für 24000 Euro bei Solder aus Münster erstanden werden. Volkert aus Traunstein hält sieben eigenhändige Gedichte Hermann Hesses mit dazugehörigem Aquarell von 1930 für 10.500 Euro bereit. Mit Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ in der seltenen 2. Auflage steht ein Klassiker der Kinderbuchliteratur für 4800 Euro im Angebot.

Dem klassischen Antiquariat verpflichtet fühlen sich die Firmen Inlibris und Kotte aus Wien und Roßhaupten, die an ihrem Gemeinschaftsstand den berühmten „Hexenhammer“ vom Dominikanermönch Heinrich Institoris anbieten, die Inkunabel reizt mit 175.000 Euro den Preis voll aus. Für alle, die sich partout nicht für ein altes Buch begeistern können, halten Inlibris und Kotte eine Devotionalie in Form einer Locke vom Haupt Friedrich Schillers bereit, Preisvorstellung um die 15.000 Euro. Nur wenige Kilometer von Marbach am Neckar, dem Geburtsort des großen Dichters, sind nicht die Bibliophilen gefordert, sondern die Reliquiensammler.