Tillmann Prüfer, Style Director des ZEITmagazin

Hand des Meisters

Die Geduld des Knüpfers bei Bagherpur

Teppiche sind empfindlich, ihre Restaurierung gehört in fachkundige Hände. Bei Bagherpur hat man sich auf Problemfälle spezialisiert.

Welch hohen Wert Menschen schon immer Teppichen beimaßen, erkennt man zuweilen in der Kunst. Etwa auf der sogenannten Darmstädter Madonna, die Hans Holbein der Jüngere 1526 für den Basler Bürgermeister gemalt hat. Der Bürgermeister kniet darauf vor der Gottesmutter auf einem prächtigen Teppich mit geometrischen Mustern. Ein Sinnbild für Zeitlosigkeit, aber auch Vergänglichkeit des geknüpften Teppichs. Denn die Teppiche aus dem 16. Jahrhundert können wir fast nur noch in Fragmenten bewundern.
Teppiche bestehen aus organischen Materialien, die nach und nach verwittern. Auch bei guter Pflege werden sie selten älter als 400 Jahre. Und auf dem Weg dahin müssen etliche Schäden ausgebessert werden. Mit die beste Adresse dafür ist die Firma ­Bagherpur in Aschaffenburg. Der aus dem Iran stammende Ingenieur Kasem Bagherpur hatte sie 1971 zunächst als Teppichhandel gegründet, als er sah, wie stark das Interesse der Deutschen an Orienteppichen war. Bagherpur wurde aber auch eine Instanz für die Konservierung und Restaurierung von Teppichen. Es gibt kaum einen Schaden, der hier nicht behoben werden kann. Vorausgesetzt, man investiert das nötige Geld – und vor allem die nötige Zeit.

Ein antiker chinesischer Seidenteppich war ein besonders schwerer Fall. Das tragende Gewebe war brüchig geworden. Um das Teil zu retten, mussten die Knüpfer alle Kett- und Schussfäden austauschen. Kettfäden sind die längs verlaufenden Fäden. Dazwischen wird der Flor, der das eigentliche ­Motiv abbildet, geknüpft. Anderthalb Jahre wurde an der Wiederherstellung dieses Seidenteppichs gearbeitet.
Wird ein Teppich eingeliefert, ist zuerst die Frage, welcher der 50 Bagherpur-Knüpfer die Reparatur übernehmen soll. Denn je nachdem, ob der Teppich aus dem Kaukasus, aus Turkmenistan oder China kommt, sind die Knüpftechniken verschieden. Anschließend werden die Materialeigenschaften bestimmt: Welche Wolle muss verwendet werden, muss der Zwirn links- oder rechtsgedreht sein. Dann werden die Farben für die zu reparierende Stelle ausgesucht – zur Wahl stehen etwa 25 000 Farbtöne.

Häufig sind Teppiche an Stellen beschädigt, wo Abrieb durch Schuhe oder Möbel entstand. In diesen Fällen schneidet der Knüpfer das beschädigte Material heraus und spannt die zu reparierende Stelle in einen Webrahmen ein. Ist das neue Grundgewebe fertig, beginnt das Knüpfen der Knoten des Flors. Ein erfahrener Knüpfer schafft circa 6000 Knoten am Tag. Das klingt viel – ein fein gewebter Teppich kann jedoch bis zu einer Million Knoten pro Quadratmeter haben. Am Ende wird die Florhöhe mit dem Rest des Teppichs abgeglichen. Der Geschäftsführer Daniel Bagherpur empfiehlt, besonders schöne und schonungsbedürftige Teppiche auf ­einen Rahmen zu spannen und wie ein Bild an die Wand zu hängen. Das ist dann fast so schön wie die Holbein-Madonna.

Starpianisten im Wohnzimmer

Das Selbstspiel-System »Spirio« von Steinway erneuert die alte Idee des automatischen Klaviers – mit digitaler Technik von heute

Klavier spielen zu können war einmal erste Bürgerflicht. Das Bildungsbürgertum definierte sich über die Musik, vor allem die Hausmusik, also musste in jedem Haushalt ein Instrument stehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es allein in Berlin 250 Klavierfabrikanten. Zu dieser Zeit hatte der heute berühmteste aller Klavierbauer das Land schon längst verlassen.

Der Tischlermeister Heinrich Engelhard Steinweg aus Seesen im Harz war 1850 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort nahm er bald den Namen an, der heute eine Legende ist: Steinway. Die Firma Steinway&Sons, die er zusammen mit seinen Söhnen gründete, wurde bald zum Synonym für hochwertige Konzertflügel. 1880 gründete Steinway eine Gesellschaft in Hamburg, die noch heute Flügel in alle Welt liefert.

Um einen guten Flügel zu bauen, braucht man erfahrene Klavierbaumeister, hochwertige Materialien und viel Zeit. Für einen modernen Steinway werden Hölzer wie Ahorn, Whitewood, Fichte, Mahagoni und Bubinga verwendet. Die Fertigstellung eines Flügels dauert etwa ein Jahr. Für das Gehäuse des Instruments, die sogenannte Raste, müssen verschieden harte und weiche Hölzer in Schichten miteinander verleimt werden. Die weichen Schichten ermöglichen die Klangdynamik, das harte Holz gibt dem Flügel Struktur.

Die charakteristische geschwungene Gestalt des Flügels wird durch eine Form erreicht, in die die verleimten Panele gespannt werden. In diese Rast wird später der Resonanzboden eingefügt, das wohl wichtigste Stück Holz in einem Flügel. Dafür wird Fichte aus Höhenlagen verwendet. Die Bäume wachsen dort sehr langsam, entsprechend dicht ist das Holz. Bis es für einen Steinway bereit ist, muss es mehrere Jahre in einem klimatisierten Raum lagern. Der Resonanzboden mit dem aufgeleimten Hartholzsteg und den darunterliegenden Rippen wird mit der inneren Rast verleimt. So bilden alle Teile eine Einheit – den Klangkörper. Als Herz des Flügels wird die 150 Kilogramm schwere gusseiserne Platte eingesetzt, die mit bis zu 243 Saiten bespannt ist. Die Tasten des Instruments, über die die Saiten angeschlagen werden, sind heute nicht mehr aus Elfenbein, sondern aus einem Kunststoff.

Seit langer Zeit werden Flügel so gebaut. Und doch gibt es auch in diesem Handwerk immer wieder Innovationen. Bei Steinway hat man nun das Selbstspiel-System »Spirio« vorgestellt. Es ermöglicht, das eigene Wohnzimmer in einen Konzertsaal zu verwandeln. Dafür ist im Gehäuse des Flügels eine Mechanik verborgen, die digital gesteuert die Klanghämmer schlagen lässt. Und zwar genauso, wie es professionelle Pianisten tun würden. Diese spielen die Stücke nämlich auf einem Werks-Steinway ein, sodass sie später automatisch wiedergegeben werden können. Damit ist »Spirio« eine Neuschöpfung der alten automatischen Klaviere, der Pianolas. Sie wurden schon um 1900 hergestellt – allerdings mit Lochkartensystem. »Spirio« hingegen lässt sich über ein Tablet steuern. Damit kann ein Steinway nun die Interpretation eines Starpianisten wiedergeben. Einen Flügel im Wohnzimmer stehen zu haben ist noch heute ein Statussymbol. Und nun muss man nicht einmal mehr Klavier spielen können, um ihn zu hören.

Zum Dahinschmelzen

Die Emailleure von Patek Philippe schaffen Uhrkunstwerke, die die Zeiten überdauern. Ihr wichtigster Verbündeter ist das Feuer

In Email zu malen bedeutet Malen für die Ewigkeit. Ist das Bild einmal gebrannt, erstarrt es zu einer glasartigen unverwüstlichen Oberfläche, die Jahrtausende überdauern kann. Die erste bekannte Emailarbeit ist 3500 Jahre alt und in mykenischen Gräbern auf Zypern gefunden worden. Auch die alten Ägypter kannten Email.

Im Mittelalter wurde Email im Rahmen der Goldschmiedekunst eingesetzt. Unter anderem wurden aus einem Golddraht Formen gebogen, die danach mit einen Schmelzpulver gefüllt wurden. Zellenschmelz oder Cloisonné nennt sich diese Kunst.

Beide Techniken, die Cloisonné und die freie Emailmalerei, spielen heute in der Uhrmacherkunst noch eine große Rolle. Mit hoher Kunstfertigkeit wird Email eingesetzt, um Zifferblätter zu gestalten. Bei der Traditionsmanufaktur Patek Philippe etwa werden beide Techniken gepflegt. Für die Zifferblätter von Armbanduhren – und für die Gehäuse prachtvoller Tischuhren.

Der Emailleur muss wie ein klassischer Künstler arbeiten, nur dass er kaum eine Möglichkeit hat, einen Fehler zu korrigieren. Er benutzt dabei Pinselchen, die so fein wie ein einzelnes Menschenhaar sind. Er muss die Zusammensetzung der glasartigen Emailsubstanz und der farbgebenden Metalloxide ebenso gut kennen wie die kritischen Temperaturen für den Brennofen. Bei der Email Cloisonné wird bei Pater Philippe stets Gold als Trägermaterial gewählt. Die Konturen einer Zeichnung werden mit Gold-Flachdraht nachgebildet, um die einzelnen Farbzellen zu formen. Der Golddraht wird dann mit einem feinen Klebstoff fixiert, der im Brennofen verdampft.

Nachdem die Flachdrähte geformt und festgeklebt sind, wird die Farbe und Art der Emailmasse ausgewählt, mit denen die einzelnen Farbzellen ausgefüllt werden sollen. Emailkünstler mischen ihre Masse selbst aus Glas-Basissubstanz und weiteren Komponenten zusammen, mit denen sie die gewünschte Farbe und Transparenz genau vorausbestimmen können. Hierzu verwendet jeder Künstler seine eigene Geheimrezeptur. Jetzt füllt der Emailkünstler die Zellen mit jener Emailmasse, die zuvor gemischt und vorbereitet wurde.

Nach jeder Farbschicht muss der Farbauftrag kurz im Ofen angebrannt werden. Danach ist er nicht mehr zu korrigieren. Alle Emailkünstler besitzen ihre eigenen Farbkarten, die sie selbst zusammenstellen und in ihrem Ofen gebrannt haben, um sicherzugehen, dass die Farben für die gegenwärtige Arbeit richtig zusammengesetzt sind. Dabei ist zu bedenken, dass die ursprüngliche Farbmischung der Einzelkomponenten in roher Pulverform nicht dem Endergebnis entspricht. Sie erhält erst nach dem Brand im Emailofen den endgültigen Ton, mit der ein neues Kunstwerk zum Leben erwacht. Der Emailleur muss also nicht nur die Mischung kennen – sondern auch, wie sie sich verändern wird. Nach sechs oder sieben Brennvorgängen bei 800 Grad kann das Kunstobjekt seine ganze Pracht entfalten.

Wenn das Bild fertig ist, kann es immer noch passieren, dass beim Brennen die Emailschicht zerspringt. Dann fängt der Emailleur wieder von vorne an. Es ist eben ein Kunsthandwerk, das eine Ewigkeit in Anspruch nehmen kann.