Kunsthandwerk der NS-Zeit

Zwischen Bauhaus und Bauernkult

Eine Ausstellung im Grassi Museum in Leipzig setzt sich mit dem Kunsthandwerk der NS-Zeit auseinander

Von Sebastian Preuss
19.01.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 251

Wenn Adolf Hitler durch Deutschland reiste, wurde er mit Geschenken überhäuft. Viele dieser Gaben waren kunsthandwerklich gearbeitet, denn die allgegenwärtige Propaganda verbreitete, wie wichtig dem Regime die Tradition des Handwerks war, wie es die Nutzung von „deutschen“ Materialien wie Holz, Zinn, Schmiedeeisen, Wolle oder Leinen als kollektiven Akt der nationalen Identität überhöhte. So erhielt der Reichskanzler hier eine aufwendig dekorierte Messingschale, dort eine handgeschriebene, mit einem eisernen Deckel versehene Ausgabe von „Mein Kampf“, in Mecklenburg waren es gewebte Wandbehänge, in Ostpreußen Objekte aus Bernstein, das als „deutsches Gold“ besonders hoch im Kurs der NS-Ideologie stand.

All dies lernt man derzeit im Leipziger Grassi Museum in der Ausstellung „Formen der Anpassung“, die erstmals einen breiten Blick auf Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus wagt. Dem Kuratorenteam gelang es, das heikle Thema sorgfältig, wissenschaftlich exakt, moralisch angemessen, zudem sehr anschaulich aufzuarbeiten. Die meisten Exponate sind im Besitz des Hauses, denn es führte seine Ankäufe in den Dreißigerjahren weiter – meist auf der Grassimesse, die seit 1920 im Museum stattfand und bis heute die wichtigste deutsche Verkaufsschau für Kunsthandwerk ist.

Wilhelm Wagenfelds Bodenvase „München“ in der Ausstellung zur NS-Kunst in Leipzig
Wilhelm Wagenfelds Bodenvase „München", 1937, wurde auch in der DDR noch produziert. © Christoph Sandig/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Schau beginnt mit den klaren, sachlichen Formen der Weimarer Republik, nicht zuletzt Zeugnisse der Demokratie und des Fortschritts. Nach der Machtergreifung 1933 begannen die Nationalsozialisten, die Formgebung und die Produktionsbedingungen radikal zu kontrollieren und zu vereinheitlichen. Dabei propagierten sie drei stilistische Richtungen. Für die repräsentativen Staatsbauten und für luxuriöses Wohnen war ein Neoklassizismus vorbildhaft, der bei Möbeln oft grotesk übersteigert war und selbst bei Porzellan nie richtig zur Eleganz gelangte. Verbunden mit der Blut-und-Boden-Ideologie war die „völkische“ Gestaltungsrichtung. Die Rückbesinnung auf das alte Handwerk ließ bäuerliche Möbel, Korbflechtereien, derbe Wandbehänge, Tonkrüge nach alten Traditionen, eiserne Leuchter wie aus einem Mittelalterfilm zu Bedeutungsträgern der nationalen Identität werden.

Doch zugleich war der NS-Staat modern und auf Steigerung der industriellen Produktion aus. Darum lief ein Großteil des sachlichen Alltagsdesigns weiter, nun unter dem Motto der zeitlosen „Urformen“. Selbst Bauhaus-Tapeten wurden noch unter dem eigentlich verhassten Label beworben. Hier beginnt man als Designliebhaber zu taumeln, denn es tauchen lauter Gestalter auf, die uns heute lieb und teuer sind. Etwa Hermann Gretsch, dessen Arzberg-Service „1382“ von 1931 ein bis heute bewunderter Klassiker ist: Er kam zu Macht als Kulturfunktionär. Oder Wilhelm Wagenfeld, der die berühmte Bauhaus-Leuchte mitgestaltete und sich nach dem Krieg mit den WMF-Salzstreuern ins kollektive Gedächtnis einbrannte: Er war in der NS-Zeit sehr erfolgreich und schuf unter anderem die heute noch beliebten Glasbehälter „Kubus“. Auch die hochverehrte Porzellandesignerin Trude Petri war mit eleganten Entwürfen aktiv. Und dann sind da noch diejenigen, die in der inneren Emigration arbeiteten, aber doch etwas verkaufen mussten.

Die Schau zeigt diese Kontinuitäten ebenso wie den Einsatz von Zwangsarbeitern oder die Politik der Grassimesse, die bei aller Anpassung versuchte, ihre Qualitätsstandards zu halten. Die NS-Zeit holt uns eben immer wieder ein, nun sogar im modernen Design. Wegsehen hilft nichts. Darum ist diese Ausstellung so wichtig.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Formen der Anpassung. Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus“, Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, bis 12. April

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