Bild des Tages

Wahlverwandtschaften in Venedig

Zur Eröffnung der Kunstbiennale macht auch die Berliner Sammlung Berggruen Station in Venedig

Von Petra Schaefer
16.04.2024

Mit dem Titel „Wahlverwandtschaften“ macht die Sammlung von Heinz Berggruen während ihrer Tournee bis zur Wiedereröffnung des Stülerbaus in Berlin-Charlottenburg nach Etappen in China und Japan nun Halt in Venedig. Der Titel erinnert an einen Roman von Johann Wolfgang von Goethe, der auf seiner Italienreise im Jahr 1786 unter anderem das Carità-Kloster, den heutigen Sitz der Gallerie dell’Accademia in Venedig besuchte. Nicht die Kunst war es, die den Dichter seinerzeit reizte, sondern die nach einem Brand 1630 als Fragment erhaltene Monumentalfassade von Andrea Palladio, dem berühmtesten Baumeister der Renaissance. Bis heute ziert das imposante Backsteinmauerwerk den quadratischen Innenhof des Museums. Goethes Idee der „chemischen“ Wahlverwandtschaften sind das Leitmotiv der Venezianer Schau, die siebzehn Meisterwerke der Moderne aus dem Berliner Museum in den ständigen Rundgang integriert. Im Hauptsaal begegnen sich Picassos Porträt „Dora Maar mit grünen Fingernägeln“ aus dem Jahr 1936 und Giorgiones berühmte „La Vecchia“ (Die alte Frau) um 1505 ebenso wie die berühmte Scherenschnitt-Arbeit „Die Seilspringerin“ von Henri Matisse aus dem Jahr 1952 und Giorgiones Fresko-Fragment „La Nuda“ (Die Nackte), das im Jahr 1508 für die Fassade des Fondaco dei Tedeschi am Rialto entstanden war. Der Reiz liegt in den enormen formalen Gegensätzen, die Epochen übergreifend in einen lebhaften Dialog miteinander treten.

Im neugotischen Haus „Casa dei Tre Oci“ am Zitelle-Ufer auf der Insel Giudecca, das 1913 als Wohnhaus und Atelier des Künstlers Mario de Maria errichtet wurde, sind Papierarbeiten ausgestellt. Unter anderem werden Aquarelle und Tuschezeichnungen von Klee, Picasso, Cézanne und Matisse mit Werken aus dem venezianischen Zeichenkabinett kombiniert, die nur selten aus dem Depot geholt werden. Passend zu den amourösen Verwicklungen in Goethes „Wahlverwandtschaften“ hängt dort unter anderem Paul Klees zauberhaftes Aquarell „Drunter und Drüber“ von 1932, in der sich zwei pastellfarbene, herrlich surrealistisch zersetzte Gesichter wie auf einer Spielkarte gespiegelt gegenüberstehen.

Zur Eröffnung der Kunstbiennale diese Woche sprengt das Museum Berggruen den Dialog zwischen der klassischen Moderne und der venezianischen Kunst mit einem einmaligen Auftritt des Bildhauers und Perfomance-Künstlers Miles Greenberg (Jahrgang 1997). In der achtstündigen Performance „Sebastian“, kuratiert von Klaus Biesenbach und Lisa Botti, bezieht sich der Afrokanadier auf die Ikonografie des heiligen Sebastian auf den Orgeltüren für die Kirche San Bartolomeo von Sebastiano del Piombo in der Gallerie dell’Accademia aus dem frühen 16. Jahrhundert, die den nackten Körper des jungen Märtyrers von Pfeilen durchbohrt zeigen. Miles Greenberg arbeitet performativ an der Schnittstelle zwischen Raum, Zeit und dem menschlichen Körper auf der Suche danach, wie schwarze und queere Identitäten dargestellt werden. Aufsehen erregend transformierte der Künstler, dessen künstlerische Praxis von Mentorships unter anderem von Marina Abramović und Robert Wilson beeinflusst ist, bereits im Jahr 2023 im Louvre in Paris in die Heiligenfigur, inklusive eines Live-Piercings.

Übrigens: „Affinità Elettive (Wahlverwandtschaften)“, Picasso, Matisse, Klee und Giacometti, Werke aus dem Museum Berggruen – Neue Nationalgalerie im Dialog mit Meisterwerken aus den Gallerie dell’Accademia in Venedig läuft bis 23. Juni 2024 in den Gallerie dell’Accademia in Venedig und in der Casa dei Tre Oci, dem neuen Sitz des Berggruen-Instituts Europa. Die Performance von Miles Greenberg, kuratiert von Klaus Biesenbach und Lisa Botti, findet am 18. April von 12 bis 20 Uhr im Palazzo Malipiero in Venedig statt.

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