Bernar Venet

„Schönheit ist mir egal“

Bernar Venet eröffnet in der neuen Kunsthalle Berlin auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof seine bislang größte Retrospektive. Wir haben den französischen Künstler beim Aufbau getroffen

Von Lisa Zeitz
26.01.2022

Zur Vernissage ist eine Performance geplant – wie steht es um diesen Aspekt in Ihrem Œuvre?

Warum überhaupt Performance? Ich bin kein Bildhauer. Ich bin kein Maler. Ich versuche, ein Künstler zu sein, der ein Konzept hat und eine Aktivität ausführt, die das Wesen der Kunst hinterfragt. Dazu habe ich meine eigene Ideen, meine eigene Art mich zu bewegen. Wenn ich sage, ich bin kein Bildhauer, dann meine ich damit, dass ich gerne verschiedene Disziplinen erforsche, die mich wegen ihres Kontexts interessieren. 

Wenn man hier in Tempelhof eintritt, sieht man die Teermalerei, einen Haufen Kohle, einen schwarzen Spiegel, ein Buch mit schwarzen Seiten, Fotografien von Teer und Asphalt, all das ist miteinander verbunden. Es ist Literatur – auch wenn die Seiten des Buchs komplett schwarz sind. Das Buch spricht nur von sich selbst, nur von der Körperlichkeit des Buchs selbst. So ist es auch mit der schwarzen Teermalerei. Alles ist miteinander verwandt, und so ist es auch mit der Performance.

Es gibt drei Bilder von mir, Anfang der Sechzigerjahre, da liege ich auf dem Boden, mitten im Müll. Das hat direkt mit der Malerei zu tun, die ich damals machte, die ich déchets nenne – Abfall. Es ist für mich eins. Die Malerei und die Performance haben direkt miteinander zu tun. Ich habe mich in den Müll gelegt, damit habe ich die Malerei erweitert.

Wer hat Sie beeinflusst? 

Der Mann, der mich am allermeisten beeinflusst hat, auch wenn alles, was ich tat, gegensätzlich zu seiner Kunst war, ist Yves Klein. Ich mochte alles, was er machte, aber ich war gegen das Transzendentale, bei mir geht es um die Materie, die Realität, die Körperlichkeit der Sache, bei ihm war es genau das Gegenteil. Als ich mitbekam, dass Yves Klein nicht nur malte – ein Vortrag von ihm war ein Kunstwerk, Musik, Performance, sein Luftsprung, all das war bei ihm Kunst, all das hat das ganze Konzept von Kunst erweitert –, da habe ich auch Musik gemacht. Aber was war das für Musik? Ich habe ein Tonbandgerät in eine Schubkarre gesteckt, und damit bin ich herumgelaufen und habe 10 Minuten vor mich hingebrabbelt. Das war mein Sound Piece, 1961. Ich mache keine Kunst als Dekorationsobjekt, Schönheit ist mir egal. Ich will Kunst machen, die den Kunstbegriff erweitert.

Bernar Venet Kunsthalle Berlin
Der achtzigjährige französische Künstler vor einem seiner „Arcs“ in der neuen Kunsthalle Berlin. © VG Bild-Kunst Bonn, 2022; Daniel Biskup

Im einem der Hangars von Tempelhof haben Sie monumentale Bögen aus rostigem Stahl aufgebaut, die wirken wie die Rippen eines riesigen Wals. Was haben Sie damit bei der Vernissage vor?

Sie sind stabil installiert, das ist mir wichtig, aber sie sind bereit für das nächste Stadium. Zur Eröffnung der Ausstellung komme ich mit einem Gabelstapler und werde den ersten Bogen anstoßen, er wird auf den zweiten fallen und so weiter, bis in einem Domino-Effekt alle umgefallen sind, und zwar mit dem unglaublichsten Krach, den Sie sich vorstellen können. Die Performance wird 3 Sekunden dauern, aber Sie werden sie für den Rest Ihres Lebens nicht vergessen.

Wie viel Zufall spielt bei dem Resultat mit?

Ich habe eine Vorstellung davon, wie die Bögen fallen – das Publikum wird verschont –, aber sie sind von unterschiedlichem Format, und eine gewisse Unordnung gehört dazu, damit etwas Interessantes entsteht. 

Das vollständige Interview hören Sie im Podcast „Was macht die Kunst?“.

Service

Ausstellung

„Bernar Venet, 1961 – 2021. 60 Jahre Performance, Bilder und Skulpturen“,

29. Januar bis 30. Mai,

Hangar 2 (Eingang) und 3, Columbiadamm 10,
12101 Berlin

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