125 Jahre Venedig-Biennale

Die Biennale blickt zurück

Die Biennale in Venedig wird 125 Jahre. Nachdem die große Kunstschau wegen Corona um ein Jahr verschoben werden musste, ist im Hauptpavillon nun die Archivausstellung zur Geschichte der Biennale zu sehen

Von Petra Schaefer
17.09.2020

Als der Kurator Okwui Enwesor im Jahr 2015 seiner Kunstbiennale „All the worlds futures“ die Zeichnung „Angelus novus“ von Paul Klee voranstellte, mutete das Bild des Engels, der von den Trümmern der Vergangenheit in die Zukunft geschleudert wird, apokalyptisch an. In diesem Kunstsommer aber hat sich die Perspektive verschoben und das Blatt von 1920 ist wieder von krachender Aktualität. Walter Benjamin schreibt darüber: „Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er [der Engel] eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“ Tatsächlich steht die Biennale in Venedig, die 1895 gegründete Mutter aller Biennalen, in den Trümmern des auf Jahre geplanten Ausstellungskalenders, denn wegen der Pandemie Covid-19 mussten die internationalen Großausstellungen Architektur und Kunst um ein Jahr verschoben werden. Stattdessen wurde die bereits in Vorbereitung befindliche Archivausstellung zum 125-jährigen Bestehen der Biennale „Le muse Inquiete (Die unruhigen Musen)“ erweitert und wird nun im Hauptpavillon im Giardini-Areal gezeigt. Zur Eröffnung wurden die begehrten Goldenen Löwen ausnahmsweise an vier verdiente Persönlichkeiten der Biennale-Geschichte vergeben. Unter anderem wurde posthum der 2019 verstorbene Okwui Enwezor ausgezeichnet, für sein „originäres und visionäres kritisches Denken, welches auf die Zukunft schaute und diese oft antizipierte.“

Biennale Kuratoren
Die Direktorin der Kunstbiennale 2022 Cecilia Alemani mit (v. l.) Biennale-Präsident Roberto Cicutto, Alberto Barbera, Direktor des Filmfestivals (jährlich), Ivan Fedele, Direktor der Musikbiennale (jährlich), Alessandro Latella, Direktor der Theater-Biennale (jährlich), Hashim Sarkis, Direktor der Architekturbiennale 2021. Es fehlte zur Pressekonferenz Marie Chouinard, Direktorin der Tanzbiennale (jährlich). © Petra Schaefer

Die Archivausstellung greift mit dem Untertitel „Die Biennale im Angesicht der Vergangenheit“ die von Enwezor evozierte Denkfigur Walter Benjamins auf und blickt auf politische und soziokulturelle Kippmomente im 20. Jahrhundert. Die Kuratoren aus den Biennale-Sparten Kunst (seit 1885), Musik (1930), Film (1932), Theater (1934), Architektur (1980) und Tanz (1999) erzählen mit Notizen, Briefen, Fotografien, Plakaten, Programmen, Katalogen, Modellen, Kunstwerken, Hörbeispielen und Filmfragmenten aus den späten 1920er- bis Mitte der 1990er-Jahre einzelne, für ihre Fächer besonders relevante Episoden.

Donnerschlag der Geschichte

Auf die Frage bei der Pressekonferenz, ob einer der Kuratorinnen und Kuratoren bei den Recherchen auf bisher unbekanntes Material gestoßen sei, antwortet der Kurator der Theater-Biennale Antonio Latella „Ich wusste nicht, dass man Bertolt Brecht die Einreise nach Italien verweigert hat!“ In der Ausstellung erinnert die Gigantografie des Plakats einer für 1951 geplanten Aufführung von Brechts „Mutter Courage“ mit dem Berliner Ensemble aus dem sowjetorientierten Ostberlin an die Zensur durch die um Westintegration bemühte italienische Regierung. In den begleitenden Zeitungsartikeln heißt es in großen Lettern „Brecht auf dem Scheiterhaufen“ und ein Foto von der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 erinnert an die frühere Zensur Brechts durch das Naziregime.

Ausstellungsansich Biennale
Ausstellungsansicht mit der Gigantographie des Plakats zu Bertold Brechts Mutter Courage. © Petra Schaefer

Dieses Beispiel zeigt, dass die Gewaltdiktatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Zäsur darstellt, an der folgende Ereignisse gemessen werden. Vor diesem Hintergrund leuchtet es ein, dass die Archivausstellung die Instrumentalisierung der Biennale durch die Nazifaschisten sehr raumgreifend thematisiert. Im Atrium wird der Besucher bei der Betrachtung der illustrierten Holzschnitte auf den Jugendstil-Plakaten der ersten Kunstausstellung durch eine – wie die Chefkuratorin Cecilia Alemani unterstreicht – bewusste Kakophonie gestört. Es ist der Donnerschlag der Geschichte, der die Stille durchbricht. Man hört im Wortschwall „Duce“ und „Hitler“, dazu eine wilde Mischung aus Marschkapellen und Unterhaltungsmusik, die verstörende Schreie durchdringen. Im folgenden Kuppelsaal, einem freskengeschmückten Überbleibsel im faschistischen Bau, wird man mit Dokumentarfilmen der Besuche zur Venedig-Biennale von Adolf Hitler und Benito Mussolini (1934) sowie Joseph Göbbels (1936 und 1937) konfrontiert.

An den Spiegelwänden unter der Jugendstilkuppel verschränken sich diese zeithistorischen Dokumente auf wundersame Weise mit Kurzclips von mehreren Spielfilmen, die auf den Filmfestspielen am Lido gezeigt wurden. So sieht man Leni Riefenstahls 1938 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Propagandafilm „Olympia“ ebenso wie Jean Renoires pazifistischen Film „La Grande Illusion“ von 1937, der 1939 mit dem Oscar prämiert wurde. Ergänzt wird dieses Kaleidoskop durch immer wieder wechselnde Aufnahmen vom Lidobad und von glamourösen Filmfestbesuchern. Hier setzt der Leiter des Filmfestivals Alberto Barbera ein starkes Statement, doch schon in der anschließenden Halle verdichtet sich das Zusammenspiel der verschiedenen Biennale-Sparten, der „unruhigen Musen“. Die chronologische Abfolge erleichtert die Orientierung in der visuellen und akustischen Fülle und die angenehm zurückhaltende Ausstellungsarchitektur des in den Niederlanden angesiedelten italienischen Designteams „Formafantasma“ öffnet immer wieder faszinierende Blickachsen.

Ausstellungsansicht Kuppelsaal Biennale Venedig Joseph Goebbels
Ausstellungsansicht im Kuppelsaal von Galileo Chini. Dokumentarfilme und Filmclips der Biennalen aus den 1930er-Jahren. Im Vordergrund: Besuch zur Filmbiennale am 9. September 1936 des deutschen Propagandaministers Joseph Goebbels mit dem italienischen Minister für Populärkultur Dino Alfieri. © Petra Schaefer

Besonders beeindruckend ist die Ausstellung dort, wo das Geschehen weniger im kulturellen Gedächtnis verankert ist, weil die Akteure nicht mehr leben, oder weil die Bilder der Ereignisse weniger verfügbar sind. Hier lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn die aufwendige Broschüre, die in Englisch und Italienisch online abrufbar ist, geht nicht ins Detail und gibt keines der ausgestellten Dokumente wieder. Von Interesse ist unter anderem Max Reinhardts Freilicht-Inszenierung von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ im Jahr 1934, als ihn die rassistischen Ressentiments bereits bedrängten. Die Presseberichte huldigen dem Genie des Autors, feiern die italienischen Schauspieler, erwähnen aber den Regisseur, dessen Verfilmung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ wenig später mit zwei Oscars ausgezeichnet wird, nur in einem Nebensatz.

Von Giorgio De Chirico bis Peggy Guggenheim

Andere Episoden sind bekannter, wie die erfolgreiche Plagiats-Klage des italienischen Malers Giorgio De Chirico gegen die Biennale, die 1948 unter anderem das Gemälde „Le muse inquietanti (Die beunruhigten Musen)“ von 1918 ausstellte. De Chirico – offenbar gekränkt ob der Prämierung des ebenfalls italienischen Malers Giorgio Morandi als bester Künstler – beschuldigte die Biennale, von ihm nicht autorisierte Werke aus Privatsammlungen ausgestellt zu haben, unter anderem „eine eklatante Fälschung“. Aus Protest organisierte er in den Folgejahren zeitgleich zu den Kunstbiennalen Einzelausstellungen im Kaffeehaus in den Königlichen Gärten am Markusplatz. Es ist der Beginn von Parallelausstellungen und Performances, mit der Künstler und Kunsthändler bis heute die Strahlkraft der internationalen Kunstausstellung für ihre Publicity nutzen.

Sammlung Peggy Guggenheim Biennale
Ausstellungsansicht mit Blick auf das Modell der Sammlung von Peggy Guggenheim im Griechischen Pavillon 1948. © Petra Schaefer

Auch kennt man die exzellente Sammlung moderner Kunst der amerikanischen Erbin Peggy Guggenheim, die im nach ihr benannten Museum am Canal Grande in Venedig angesiedelt ist. Erstmals ausgestellt wurde sie zur Biennale 1948 im Griechischen Pavillon auf dem Giardini-Areal, der sonst aufgrund des schwelenden Bürgerkriegs leer geblieben wäre. In ihren Memoiren notiert Peggy Guggenheim später, sie habe sich wie ein neues europäisches Land gefühlt, weil ihr Name neben Großbritannien, Frankreich, Holland, Österreich und der Schweiz aufgeführt wurde. In seiner Biennale-Geschichte bewertet Robert Fleck diese erste enzyklopädische Ausstellung der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts in Europa als richtungsweisend: „Sie eröffnete die Vorstellungswelt der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts, in der wir uns seither bewegen.“

Chile Biennale
Venedig-Biennale 1974 Freiheit für Chile. Murales am Campo Santa Margherita. © Archivio Storico della Biennale di Venezia, ASAC

Noch während man sich mit dem Archivmaterial der 1950er- und 1960er-Jahre beschäftigt, sieht man von Weitem großformatige, farbintensive Murales auf der Empore im Obergeschoss. Hier nimmt die Biennale 1974 mit dem alleinigen Thema „Libertá al Cile (Freiheit für Chile)“ einen großen Raum ein. Nach dem Militärputsch von Pinochet feierte man in Venedig die von der Diktatur unterdrückte Kunst und Kultur mit Ausstellungen, Konzerten, Kunstaktionen, Happenings und Theateraufführungen. Auf den großen Plätzen in Venedig wie Campo Santa Margherita und Campo San Polo installierte man riesige Stellwände, auf denen Künstler aus Italien und dem Ausland gemeinsam agierten. Es ist erstaunlich, dass diese Arbeiten über vierzig Jahre im Archiv der Biennale lagerten, ohne jemals ausgestellt zu werden, denn die Wirkungsmacht der Bilder und Schriften veranschaulicht, was der politische Protest auszusagen vermag. 

Chile Biennale
Venedig-Biennale 1974 Freiheit für Chile. Ausstellungsansicht Murales für den öffentlichen Raum in Venedig. © Petra Schaefer

Mit der folgenden Sektion zur Postmoderne ab den 1980er-Jahren mit der ersten Architekturbiennale wird die Genese der Biennale-Ausstellungsstruktur dargelegt. Dank der Sanierung des Arsenale-Geländes werden immer wieder neue Ausstellungsflächen hinzugewonnen, die der Präsentation der zentralen Ausstellung ebenso dienen, wie der Ansiedlung von Länderpavillons. Erfreulicherweise hat die Biennale die Finanzierung eines neuen Großprojekts bewältigen können: das Biennale-Archiv ASAC, das vor zehn Jahren vom Palazzo Corner della Regina am Canal Grande auf das venezianische Festland nach Porto Marghera ausgelagert wurde, soll in Kürze auf das Arsenale-Gelände ziehen. In dem Areal, das parallel zu den langgestreckten Hallen der alten Seilerei liegt, wird das Archiv in Zukunft wieder enger mit den Großausstellungen Kunst und Architektur sowie mit den Aktivitäten in den Sparten Musik, Film, Theater und Tanz verbunden sein. Der Wunsch der Biennale ist es, so die Leiterin des Archivs Debora Rossi, die Quellen im Austausch mit anderen internationalen Institutionen zu nutzen, um die Erforschung voranzutreiben und die Materialien in anderen Kontexten neu beleuchten zu können.

Publikumswirksame Skandale

Die letzten Räume der Ausstellung halten ein Potpourri von publikumswirksamen Biennale-Skandalen bereit, wobei die offene Rebellion der Künste gegen den Kirchenstaat im Mittelpunkt steht. Unter anderem werden Fotos, Videos und Zeitungsberichte zu der vom Papst scharf kritisierten Skulptur „Jeff und Ilona (Made in Heaven)“ von Jeff Koons aus dem Jahr 1990 gezeigt, die den Künstler in einer eindeutigen Pose mit dem Pornostar Cicciolina zeigt. Daneben prangen Fotos des von nackten weiblichen Körpern überbordenden Gemäldes „Il supremo convegno“ von 1895 des Turiner Künstlers Giacomo Grosso, das ebenso von der Kirche kritisiert und vom Publikum gefeiert wurde.

The Ghost James Lee Byars Performance Markusplatz Biennale
Venedig-Biennale 1975 The Ghost James Lee Byars Performance auf dem Markusplatz. Ausstellungsansicht mit Modell und Archivaufnahme. © Foto von Marco Cappelletti / Courtesy La Biennale di Venezia

Gegenüber erinnert das Modell und eine Großaufnahme an das Aufsehen erregende Happening, das auf Einladung des damaligen Biennale-Kurators Harald Szeemann zur Kunstbiennale 1975 auf dem Markusplatz stattfand. Tausende von Menschen nahmen an einer Aktion des amerikanischen Konzeptkünstlers James Lee Byars teil, der eine riesige weiße Stoffbahn mit einer menschlichen Silhouette über der Menschenmenge ausbreitete. Die Aktion, die nur wenige Minuten dauerte, betitelte er: „Happening und James Lee Byars mimt den Heiligen Geist.“

Hans Haakes Installation im Deutschen Pavillon

Und schließlich wird einmal mehr die Auseinandersetzung mit dem Naziregime thematisiert. Im Kontext der Vorstellung der Geschichte der Länderpavillons zeigt eine großformatige Fotografie Hans Haakes großartige Installation im Deutschen Pavillon von 1993, dem ersten nach der Wiedervereinigung. Am Eingang empfing Haake die Besucher mit zwei Symbolen der deutsch-deutschen Vergangenheit. Über dem Portal prangte eine überdimensionale 1-D-Mark-Münze von 1990, darunter hing auf rotem Grund ein großformatiger Abzug eines schwarz-weiß-Fotos von Adolf Hitlers Biennale-Besuch im Jahr 1934. Unter diesen Vorzeichen betrat man den apsidialen Hauptraum, in dem mit ebenso schlichtem wie bemerkenswertem künstlerischem Gestus die Marmorplatten des Fußbodens zerschlagen worden waren. Unter dem Schriftzug GERMANIA, der den Titel auf der Fassade des Pavillons aufgreift, hatte man Mühe, auf dem Trümmerboden das Gleichgewicht zu halten. Im „Corriere della Sera“ heißt es dazu, dass die Geräusche „mit dem aufwirbelndem Staub einen Eindruck von endgültiger Zersplitterung evozierten.“

Deutscher Pavillon Biennale
Venedig-Biennale 1993, Germania von Hans Haake im Deutschen Pavillon. Ausstellungsansicht mit einer Fotografie von Hans Haakes Installation Germania. © Petra Schaefer

Mit Hans Haakes kritischem und von der Biennale mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Beitrag schlagen die Kuratorinnen und Kuratoren einen Bogen zu der Eingangssequenz im Atrium, denn mit dem Besuch der Kunstbiennale von Adolf Hitler im Jahr 1934 wurden die Weichen für den aufwendigen regimekonformen Umbau des Deutschen Pavillons im Jahr 1938 gestellt. Dass die Auseinandersetzung der Künste mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bis heute andauert, stellen auch die mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Deutschen Beiträge von 2011 – die posthum präsentierte Werkschau Christoph Schlingensiefs – und 2017 – Anne Imhof Performance „Faust“ – eindrücklich unter Beweis.  

Service

AUSSTELLUNG

„Le muse Inquiete (Die unruhigen Musen)“

Biennale-Hauptpavillon, Venedig

bis 8. Dezember