Ausstellungen

Von der Straße ins Museum

Wenn Pop-Art auf politischen Aktivismus trifft: Die Ausstellung „Mapping the Collection“ weitet im Museum Ludwig in Köln den Blick auf die eigene Sammlung

Von Tim Ackermann
01.07.2020

Der Geist der Sixties und Seventies – durch kein anderes deutsches Ausstellungshaus schleicht er so selbstverständlich wie durch das Museum Ludwig in Köln. Das hat mit der Architektur des Gebäudes zu tun, dessen Entwurf ab 1976 in Angriff genommen wurden. Aber vor allem liegt es an der Sammlung mit exzellenten Werken der Pop-Art, die im selben Jahr vom Sammlerpaar Peter und Irene Ludwig der Stadt geschenkt wurde. Wer ein „Target“ von Jasper Johns, einen Doppel-Elvis von Andy Warhol oder das Comicgemälde „M-Maybe – A Girl’s Picture“ von Roy Lichtenstein sehen wollte, fuhr seitdem nach Köln. Mit den dort vorhandenen Meisterwerken gilt die amerikanische Kunst der Sechziger- und Siebzigerjahre als glänzend repräsentiert. Zumindest was die Form angeht. Und das Inhaltliche?

T.C. Cannon,
T.C. Cannon, "All the Tired Horses in the Sun" von 1971/1972 (© Sammlung Tia)

Es scheint Direktor Yilmaz Dziewior geschmerzt zu haben, dass sich das politisch Widerständige, das eben auch ein markantes Kennzeichen der Epoche war, im Kölner Sammlungsschwerpunkt nicht so recht wiederfand. Nun wirft eine Ausstellung einen alternativen Blick auf die Kunst dieser Zeit: Feministische und queere Positionen werden herausgestellt; Künstler und Künstlerinnen mit indigenen, afro- oder lateinamerikanischen Identitätshintergründen wird viel Platz neben den alten Pop-Art-Bekannten eingeräumt. Kuratorin Janice Mitchell – Stipendiatin der von Chicago aus agierenden Terra Foundation for American Art – kartiert mit „Mapping the Collection“ gewissermaßen das Kölner Diskursfeld um. Gelegentlich sucht sie sich in schon erkundeten Territorien eigene Pfade. Des Öfteren scheint sie aber auch vollkommenes Neuland zu betreten.

Von T.C. Cannon etwa hatte man in Deutschland bisher noch nichts gehört. Mit einem Bild wie „All the Tired Horses in the Sun“ (1971/1972) folgte der 1946 geborene und schon 1978 durch einen Autounfall ums Leben gekommene Künstler aus dem Stamm der Kiowa aus Oklahoma den Spuren der Expressionisten oder der „Fauves“. Andererseits traf er mit seinem poppigen Kolorit absolut den Geschmack der Zeit. Obwohl T.C. Cannons Bilder auf die Lebensrealität seine Stammes Bezug nahmen, war es sein erklärtes Ziel als guter Künstler und nicht„als guter indigener Künstler“ angesehen zu werden.

Ana Mendieta schuf 1972 das Selbstporträt
Ana Mendieta schuf 1972 das Selbstporträt "Ohne Titel (Facial Hair Transplant)", das sich heute in der Sammlung des Museum Ludwig befindet (© VG Bild-Kunst, Bonn 2020; Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Sabrina Walz)

Auf ähnliche Weise sprengte das Kollektiv Asco in den Siebzigerjahren die Identitätsschubladen, als die Aktionskunst- und Happening-Bewegung die gewohnten weißen Intellektuellenzirkel New Yorks verließ und in Los Angeles auf das Chicano Movement prallte: In Performances mischten sich campe Einflüsse mit einer punkigen Attitüde und politischen Forderungen, die das Wohl der mexikanischen Bevölkerung in East L.A. betrafen. Der Machismo, der die eigene Community bisweilen stark im Griff hat, wurde von Asco gleich mit über den Haufen geworfen.

Überhaupt zeigt „Mapping the Collection“, wie das gezielte Spiel mit Rollenklischees und Geschlechteridentiäten in jenen Jahren großflächig Eingang in die Kunst fand: Prominent präsentiert wird in Köln beispielsweise die wundervolle feministische Künstlerin Ana Mendieta, die leider viel zu früh ums Leben kam und deren körperbetonte Performances besonders in den vergangenen Jahren wieder auf große Aufmerksamkeit gestoßen sind. Für ihr Foto „Ohne Titel (Facial Hair Transplants) klebte sie sich 1972 die abgeschnittenen Barthaare eines Freundes ins Gesicht, um mit dieser Maskerade die Erwartungen der Betrachter zu irritieren.

Corita Kent,
Corita Kent, "people like us, yes" von 1965 aus der Sammlung des Museum Ludwig (© 2020 Estate of Corita Kent / Immaculate Heart Community / Licensed by Artist Rights Society (ARS), New York; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv, Köln)

Eine ebenfalls sehr spannende Position ist Corita Kent. Bei ihr heiligte der Zweck sozusagen die Mittel, denn die katholische Nonne, die an einem College in Los Angeles Kunst unterrichte, nutzte in den Sechzigerjahren das profane Unterhaltungsprinzip des poppigen Seriendrucks um auf reale Missstände wie Rassismus, Armut und soziale Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Sie schuf die Gegenbilder zu Warhols gedruckten Cola-Flaschen und Geldscheinen. Im Museum Ludwig ist „Sister Corita“ mittlerweile wohlbekannt, denn bereits 2007 wurde sie auf Initiative des damaligen Direktors Kaspar König groß gezeigt und auch Arbeiten von ihr für die Sammlung angekauft. Die Kölner Kanonrevision hat also schon vor „Mapping the Collection“ mit dem Rütteln an den Denkmälern der Pop-Art-Helden begonnen.

Service

Ausstellung

„Mapping the Collection“

Museum Ludwig, Köln

bis 11. Oktober